Invincible Dragon

Action | Hongkong 2019 | 85 Minuten

Regie: Fruit Chan

Ein Polizist aus Hongkong, der seit seiner Begegnung mit einem Drachen über besondere Kräfte verfügt, jagt einen Frauenmörder. Doch trotz seiner angeblichen Unbesiegbarkeit scheitern seine Ermittlungen immer wieder, bis er schließlich auf einen alten Rivalen trifft, der ihn aufs Neue herausfordert. Der als klassische Kriminalgeschichte angelegte Actionfilm eskaliert schnell zu einem aberwitzigen Spektakel, das den pathologischen Geltungsdrang seiner antiquierten Männlichkeitsvorstellungen in aufwändigen Choreografien und comichaften Wortgefechten vom Tisch fegt. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
JIU LONG BU BAI
Produktionsland
Hongkong
Produktionsjahr
2019
Regie
Fruit Chan
Buch
Fruit Chan · Lam Kee-To
Kamera
Cheng Siu-Keung
Musik
Day Tai
Schnitt
Tin Sup Fat
Darsteller
Jin Zhang (Kowloon) · Anderson Silva (Alexander Sinclair) · Kevin Cheng · Annie Liu · Stephy Tang
Länge
85 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 16
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Action

Heimkino

Verleih DVD
Koch
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Irritierend vielgestaltiger Actionfilm des Hongkong-Kino-Provokateurs Fruit Chan, der Superhelden-Fantasien mit menschlichem Scheitern kollidieren lässt.

Diskussion

Wo immer er auch hinkommt, muss sich Kowloon (Jin Zhang) beweisen. Selbst als sein Partner in einem überdimensionalen Topf zu Tode gekocht wird, will der Undercover-Cop dem Gangsterboss, der beide gefangen hält, vor Augen führen, dass er über die Kraft des legendären Drachen verfügt. Und prompt zwingt ihm der Kriminelle einen Tattoo-Vergleich auf: Beide tragen einen Drachen auf dem Oberkörper, doch nur einer von ihnen verfügt über die wahre Kraft des mythischen Wesens.

Es braucht keinen Psychologieabschluss, um zu verstehen, was hier wirklich verglichen wird. Und es braucht keine Brille, um zu erkennen, wessen Tätowierung das Zeug zur modernen Legende hat. Der winzige Babydrache auf dem riesigen Bauch des Gangsters steht einem gewaltigen, neunköpfigen Wesen gegenüber, das sich von Kowloons Rücken über seine Schultern bis auf die Brust windet. Der Legende nach, die der Film in einer Rückblende erzählt, ist das Tattoo die Manifestation eines Drachens, der Kowloon in seiner Kindheit eine Kraft verlieh, die ihn bis heute begleitet. Von ihr beflügelt, springt Kowloon schließlich aus dem kochenden Wasser, feuert die umherstehenden Schergen aus dem Handstand nieder und amputiert als Schlusspointe den Arm des Bosses mit ein paar gezielten Schüssen aus seiner Pistole.

Der Supercop hat die Bodenhaftung verloren

Die Superhelden-gleiche Energie, die bereits im Prolog bis ins Lächerliche übersprudelt, ist das Zentrum des Actionfilms von Fruit Chan. Die Legende des Drachen ist allerdings nicht nur die Quelle von Kowloons Kraft, sondern auch die seiner psychischen Erkrankung. Die zwanghafte Persönlichkeitsstörung und die aus ihr resultierende erratische Energie handelt Kowloon nicht nur den Sieg im Räuber-und-Gendarm-Vergleich ein, sondern auch ein Disziplinarverfahren und in der Folge die Zwangsversetzung aufs Land.

Doch das Verbrechen verfolgt Kowloon bis in die Provinz. Nach seiner Ankunft sucht ein Frauenmörder die Region heim, der es primär auf Polizistinnen abgesehen hat. Die Falle, die Kowloon ihm stellt, schnappt jedoch nicht zu; der Mörder entkommt, tötet einen Kollegen und entführt seine Freundin. Der Supercop hat endgültig die Bodenhaftung in der Welt der Verbrechensbekämpfung verloren. So zieht er sich an den einzigen Ort zurück, der ihm noch die Möglichkeit gewährt, seine Kraft erfolgreich einzusetzen: den Boxring.

„Invincible Dragon“ ist ein Film, der immer wieder scheitert, um neu geboren zu werden. Kowloons Fähigkeiten versagen, der Kriminalfall bleibt ungelöst. Das Kampfsport-Comeback ereilt kurz darauf das gleiche Schicksal: Der Mörder schlägt wieder zu, und Kowloon, kaum im Ring angekommen, kehrt ins Polizeiamt zurück. Auf Macau, der sündigen Halbinsel, die an Hongkong anschließt, erwacht damit die Kriminalgeschichte erneut zum Leben, nur um sich kurz darauf in der Unberechenbarkeit von Kowloons Persönlichkeitsstörung zu verlieren, die die Geschichte und letztlich den gesamten Film an sich reißt.

Pathologische Männlichkeitsvorstellungen

Regisseur Fruit Chan, der in der ohnehin eigenwilligen Welt des Hongkong-Kinos eine Sonderstellung zwischen Indie- und Genre-Auteur einnimmt, jongliert zwischen den Sonderverwaltungszonen Hongkong und Macau in schwindelerregendem Tempo mit Genres, Motiven und Action-Choreografien. Die pathologischen Männlichkeitsvorstellungen, die mit all diesen Aspekten eng verbunden sind, bringen die Protagonisten ebenso ins Straucheln wie auch den Plot.

Was genau bleibt also übrig? An der Oberfläche ist „Invincible Dragon“ Action-Ballett zwischen der modernen Architektur und Infrastruktur von Hongkong und Macau. Kowloon hetzt durch moderne Innenhöfe; prügelt sich in schulterbreiten Gassen, kreiselt im Zweikampf um die Haltestangen einer Metro, die gerade entgleist, oder springt, in einen Faustkampf und ein Bungeeseil verwickelt, von einem Wolkenkratzer. Es ist kein Zufall, dass der Showdown mit seinem Erzrivalen Alexander Sinclair ausgerechnet auf dem Riesenphallus der Metropole stattfindet; beide standen sich in der Vergangenheit auch schon im Boxring gegenüber. Der ehemalige Mixed-Martial-Arts-Champion Anderson Silva verkörpert den Ex-Marine in einer dem Film angemessenen Mischung aus mangelndem Schauspieltalent und atemberaubenden Kampfkunstfähigkeiten.

Wie Kowloon hat auch Sinclair im Glauben an die eigene Unbesiegbarkeit alles verloren und will dafür im finalen Kampf Rache üben. Die spektakuläre Prügelei wird dabei immer wieder durch unangenehme Gesprächspausen unterbrochen. Zwischen Schlägen und Tritten fällt den beiden Unbesiegbaren nichts Besseres ein, als ihre Drachen-Tattoos zu vergleichen und sich gegenseitig die Pointen zu klauen. In der Komik des pathologischen Geltungsdrangs findet Fruit Chan ein so absurdes wie treffendes Bild für eine Männlichkeit, die von ihrer Hybris so hoch getragen wird, dass ihr die Luft ausgeht.

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