Liam Gallagher - As It Was

Dokumentarfilm | Großbritannien 2019 | 85 Minuten

Regie: Gavin Fitzgerald

Nach dem spektakulären Ende der britischen Band Oasis ging es für deren Frontmann Liam Gallagher steil bergab; die Nachfolge-Band Beady Eye blieb ohne Erfolg, seine Ehe scheiterte. Doch eine neue Liebe und ein wundervoller Song läuteten die Wende ein, mit der sich der prollig-arrogante Ex-Superstar zum Teamplayer und Familienmenschen gewandelt haben soll. Die Doku über das Comeback reiht nach einem Schnelldurchlauf der Vorgeschichte unspektakuläre Impressionen aus Gallaghers Alltag aneinander, die ihn wie in einem nicht ganz geglückten Promotion-Vehikel als glücklichen Popstar erscheinen lassen. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
LIAM: AS IT WAS
Produktionsland
Großbritannien
Produktionsjahr
2019
Regie
Gavin Fitzgerald · Charlie Lightening
Kamera
Jj Rolfe
Schnitt
Nick J. Webb
Länge
85 Minuten
Kinostart
07.05.2020
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm | Musikdokumentation

Doku über den britischen Musiker Liam Gallagher und sein wechselhaftes Leben.

Diskussion

Vor einem Konzert der Band Oasis in Paris stritten sich die Brüder Noel und Liam Gallagher im Jahr 2009 im Backstage-Bereich und machten gegenseitig ihre Gitarren kaputt. Noel Gallagher fuhr mit seinem Bodyguard und einem Sportwagen davon, erklärte tags darauf seinen Ausstieg bei der Band und ward seither nicht mehr gesehen. Jedenfalls nicht von seinem Bruder Liam. Damit hatten die Geschwister mit ihren sprichwörtlichen Aversionen den Traum vom Pop-Olymp an die Wand gefahren. Was Liam Gallagher auch nach all den Jahren dabei noch immer besonders wütend macht, ist die Gitarre, die sein Bruder dabei zerstörte. Sie war ein Geschenk, das ihm etwas bedeutet habe. Und, zweiter Affront: Einfach so abhauen gehöre sich nicht in einer Familie.

„No band, no songs, no niche“

Das, was von Oasis übrig blieb, nannte sich fortan Beady Eye und machte weiter. Keine Atempause, kein Innehalten, keine Trauerarbeit, sondern Album und Tournee. Das Problem dabei ist, dass Liam Gallagher zwar ein durchaus befähigter Frontmann und Sänger, aber als Komponist im besten Fall epigonal ist, eine Art John Lennon für Arme. Der Songwriter von Oasis war eben Noel Gallagher – und der machte sich einen Spaß daraus, diese Tatsache in Interviews mit herausfordernder Lässigkeit und Gehässigkeit zu unterstreichen.

Liam Gallagher geriet in eine empfindliche Krise. Beady Eye, wiewohl eine Band mit wenngleich überschaubarem Potential, kam nicht so recht vom Fleck. Gleichzeitig scheiterte seine Ehe mit Nicole Appleton auf sehr unschöne Art. 2014 war Liam Gallagher am Ende: „No band, no songs, no niche“ – so bringt er es in „Liam Gallagher: As It Was“ auf den Punkt. Für diesen erfolgsverwöhnten Musiker war das eine völlig neue Erfahrung: zu erkennen, dass er allein nicht über hinreichende musikalische Qualitäten verfügt, um längerfristig zu überzeugen.

Der Sänger als Familienmensch

Zu diesem Zeitpunkt ist der Film von Gavin Fitzgerald und Charlie Lightening gerade einmal eine Viertelstunde alt. In der erzählerischen Chronologie folgt zunächst der öffentliche Absturz ins fast Bodenlose und anschließend die erfolgreiche Familienmenschwerdung des einst prollig-selbstbewussten und arroganten Ex-Superstars, dessen Skandale seinem Bühnengehabe an Unterhaltungswert nicht nachstanden. Allerdings stellt sich schnell heraus, dass die Geschichte seiner Läuterung nicht weit führt. Alles beginnt vielmehr damit, dass Gallagher während einer ausgedehnten Sauftour in Irland in einem Pub zur Gitarre greift und einen Song improvisiert, bei dem allen Anwesenden sofort klar gewesen sei, dass es sich um einen Hit handelt.

Von nun an, so der Film, ging es wieder bergauf. Der Sänger kann also doch Songs schreiben. Zudem verliebt er sich nach der schmerzvollen und kostspieligen Scheidung in seine Assistentin, besucht seine Mutter in Manchester, versammelt peu à peu seine Kinder aus diversen Beziehungen um sich, nimmt ein sehr erfolgreiches und von der britischen Kritik gefeiertes Comeback-Album auf, tourt damit um die Welt und reduziert auch noch seinen Kokain-Konsum um drei Viertel.

Nur ganz selten und wenn, dann begründet, bricht er Konzerte ab und entwickelt sich zum blendend gelaunten Teamplayer, der in Arbeitspausen lieber joggt als säuft. Manchmal trinkt er auch heute noch und redet viel Unsinn, wie Lebensgefährtin Debbie lächelnd einräumt, aber eigentlich müssen wir uns Liam Gallagher als glücklichen Menschen vorstellen. Das sagt er selbst, und das sagen alle, die im Film zu Wort kommen. In Interviews, die andernorts zu lesen waren, erzählt Liam Gallagher manchmal aber auch Dinge, die an den alten Größenwahn erinnern. Aber das muss ja nichts heißen. Zumal „Liam Gallagher: As It Was“ gegen Ende zu ziemlich Oasis-haftem Pathos tendiert und raunt, dass es sich bei Liam um den vielleicht größten Rock’n’Roll-Frontmann ever handeln könnte, der endlich seinen Platz im Leben gefunden habe. Hinter einem Mikrofon.

Eine Art Promotion-Vehikel

Weil der Film zuvor aber wenig mehr tut, als eine gute Stunde Impressionen vom unspektakulären Alltag eines sehr glücklichen Popstars auszubreiten und dabei seltsamerweise wiederholt mit Musik unterlegt ist, die nicht von Liam Gallagher stammt, erinnert die Inszenierung auf unschöne Weise an ein nicht ganz gelungenes Promotion-Vehikel, mit dem üblicherweise die Veröffentlichung eines neuen Albums flankiert wird. Oder an eine audiovisuelle Grußbotschaft an den großen Abwesenden, dessen Meinung dazu allerdings kaum überraschend ausfallen würde.

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