Drama | Portugal/Frankreich 2019 | 166 Minuten

Regie: Tiago Guedes

Der Sohn eines portugiesischen Großgrundbesitzers führt in der Ära der Salazar-Diktatur das elterliche Erbe zu neuer Blüte, wobei er nicht durchweg auf Distanz zu den Ansinnen des Regimes gehen kann. Als er viele Jahre später im demokratisierten Portugal Bilanz zieht, erweist sich, dass seine autoritäre Art seiner Familie eine gewaltige Bürde aufgeladen hat. Eine über fast fünf Jahrzehnte entwickelte Familiensaga, die den Wandel des Landes und die systemischen Widersprüche in Vertretern einer aussterbenden Elite spiegelt. Mit poetischer Bildsprache und dem im Filmrhythmus aufgehenden Wechsel von Stillstand und Aufbruch entsteht ein anschauliches Fresko individueller wie staatlicher Geschichte. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
A HERDADE
Produktionsland
Portugal/Frankreich
Produktionsjahr
2019
Regie
Tiago Guedes
Buch
Rui Cardoso Martins · Tiago Guedes · Gilles Taurand
Kamera
João Lança Morais
Schnitt
Roberto Perpignani
Darsteller
Albano Jerónimo (João Fernandes) · Sandra Faleiro (Leonor) · Miguel Borges (Joaquim Correia) · Ana Vilela da Costa (Rosa) · João Vicente (Leonel Sousa)
Länge
166 Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 14.
Genre
Drama | Historienfilm

Großangelegte portugiesische Familiensaga, die über die Geschichte eines Großgrundbesitzers und seine Verstrickungen in die Landespolitik von der Salazar-Diktatur bis zum Neoliberalismus 50 Jahre Zeitgeschichte spiegelt.

Diskussion

Die portugiesische Familiensaga „Land im Sturm“ von Tiago Guedes de Carvalho ist eine Liebeserklärung an das traditionelle Erzählkino. Der am 20. Juni 1971 in Porto geborene Filmemacher drehte 2006 seinen ersten langen Spielfilm „Coisa Ruim“, danach entstanden „Entre os Dedos“ (2008) und „Tristeza e Alegria na Vida das Girafas“ (2019). In Portugal verzeichnete „Land im Sturm“ nach Festivalpremieren in Venedig und Toronto trotz seiner unhandlichen Kinolänge von 166 Minuten knapp 75 000 Eintritte. Der Fernsehsender Arte zeigt den Film am 11. Juni 2020 als dreiteilige Serie mit einer Laufzeit von 169 Minuten; bis zum 11. Juli ist der Film auch in der arte-Mediathek zu sehen.

Die Idee zur portugiesisch-französischen Co-Produktion stammt vom Produzenten Paulo Branco. Als Inspiration für das fünf Dekaden umspannende Panorama portugiesischer Geschichte diente ein im Kreis Alcochete gelegenes Gut. Die achtwöchigen Dreharbeiten fanden in Barroca d’Alva statt. Im Ergebnis ist „Land im Sturm“ eine universelle Metapher, das Porträt eines Lebens unter der Diktatur – in Miniatur bereits in Alberto Seixas Santos’ unter dem Salazar-Regime angesiedeltem Familienmikrokosmos Schöne Sitten (1974) vorgegeben.

Der Niedergang des „Estado Novo“

Guedes thematisiert den gesellschaftlichen Strukturwandel, den Niedergang des „Estado Novo“ durch das Ausbluten der Eliten und der Staatsfinanzen im afrikanischen Kolonialkrieg. Dem äußeren Niedergang entspricht die innere Depravierung eines geschundenen Volkes. Ein kritischer Blick auf das in den 1970er-Jahren sprichwörtliche „Armenhaus Europas“ und den verletzten portugiesischen Nationalstolz, der an Filme wie Ein portugiesischer Abschied (1985) von João Botelho oder Am Ende der Kindheit (1991) von Teresa Villaverde anknüpft.

Paulo Branco verweist auch auf den thematisch verwandten Roman „O Delfim“ (1968) von José Cardoso Pires, auf eine Zeit fern der Realität, auch im Vergleich zu europäischen Großgrundbesitzern. Doch die Widersprüche einer untergehenden Welt mit ihrer Vorstellung von Glück ermöglichten einzigartige Erinnerungen und Freundschaften. Die Geschichte realisierte der Produzent zusammen mit dem Autor Rui Cardoso Martins: „Der Film begleitet die Transformation einer feudalen Welt, durchschreitet die (Nelken-)Revolution und endet im Neoliberalismus. Diese Entwicklung zeigt eine unglaubliche Energie, die sich in den Gefühlen und Enttäuschungen der Familien ausdrückt – mal destruktiv, mal befreiend.“

Von 1946 nach 1973 und 1991

„Land im Sturm“ entwickelt das Historien-Panorama über mehrere Stationen. Im Norden der Halbinsel Setúbal, südlich des Tejo, gehört der Familie Fernandes 1946 eines der größten Landgüter in Portugal. Der Gutsbesitzer fährt zu einem Baum in der weiten Landschaft, an dem sich sein ältester Sohn aufgehängt hat. Sein jüngster Sohn João wird vom Verwalter aus dem Auto geholt, um eine Lektion des Lebens zu lernen. Doch der Junge rennt auf eine kleine Insel, lauscht dem Rauschen der Landschaft.

Einige Zeit vergeht. Während Portugal um seine abtrünnigen Kolonien kämpft und der Diktator Salazar entmachtet wird, residiert João Fernandes als Ingenieur auf dem vom Vater nach dem Zweiten Weltkrieg im „neutralen“ Portugal übernommenen Landgut mit 14 000 Hektar. Auf dieser von der Salazar-Diktatur lange unbehelligten „Insel“ führt er ein strenges Regiment, was gleichermaßen die Arbeiter, seine Frau Leonor und die Kinder, etwa den schwächlichen Miguel, betrifft.

Der Schwiegervater, ein „General“ bei der Geheimpolizei PIDE, hält schützend die Hand über Fernandes’ Familie. Bis 1973, als Joãos Mechaniker Leonel wegen kommunistischer Agitation verhaftet wird und nur dank des Schwiegervaters freigelassen wird, wofür João einem „Kompromiss“ zustimmen muss. Eine Hochzeitsfeier mit den Stützen der Gesellschaft verwickelt ihn dann in peinliche Gespräche über Unabhängigkeitskämpfe; kurz darauf findet die „Nelkenrevolution“ statt. Zuhause verfolgt man die Demokratiebewegung im Radio und Fernsehen. Gewerkschafter wiegeln die Landarbeiter auf, die Schwiegereltern wollen über Spanien nach Brasilien fliehen.

Zum Abschluss kommt die Saga dann im September 1991: João hadert mit den Banken, die angeblich seine finanziellen Engpässe nutzen, um ihm „alles wegzunehmen, wie früher die Kommunisten“, doch Leonel beschützt ihn. Die Zwiste mit Miguel und Leonor eskalieren, zudem bahnt sich zwischen weiteren ehelichen und nichtehelichen Kindern ein Verhältnis an, dass der Patriarch unterbinden will. Am Ende steht João einmal mehr auf der Insel und betrachtet die rauschenden Blätter der Bäume.

Systemische Widersprüche

„Land im Sturm“ verpflanzt die systemischen Widersprüche in seine Figuren – vom patriarchalisch-unabhängigen Großgrundbesitzer über die katholische Kirche und das Militär bis hin zu den politischen Repräsentanten. Das Stadt-Land-Gefälle, den parallelen Kosmos aus Politik und Wirtschaft fängt die siebenminütige Plansequenz der Hochzeitsfeier wie bei Viscontis Der Leopard wunderbar ein.

Das Familiendrama mit einer inzestuösen Geschwisterliebe rekurriert auf das Westernambiente. Das weite Land mit dem Pferd als Freiheitssymbol vermittelt an der Oberfläche ein Konzert der Natur, eine Oase der Stille, des Schweigens. Der Rhythmus vom Werden und Vergehen erzählt von der Atmosphäre einer untergehenden (Volks-)Kultur, fern der Metropolen. Es ist der Spiegel einer anderen Zeit: stimmig eingefangen mit dem ständigen Genuss von Rauchwaren, Trinkszenen und einer ausgesuchten Farbästhetik.

Neben der Kamera von João Lança Morais drückt die Schnittkunst des Italieners Roberto Perpignani, der auch schon für Bernardo Bertolucci und die Gebrüder Taviani gearbeitet hat, dem Film seinen erzähldramaturgischen Stempel auf. Die Poesie, die emotionale Ansprache führen den Zuschauer durch die Ellipsen individueller wie offizieller Geschichte. Die unterschiedlichen Geschwindigkeiten von Portugals Stillstand und Aufbruch ergeben ein anschauliches Fresko von Hoffnung und Trauer.

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