Dokumentarfilm | Deutschland 2019 | 78 Minuten

Regie: Hank Levine

Die Düsseldorferin Künstlerin Ulrike Arnold ist für ihre Erdbilder bekannt, die sie mit Erden, Mineralien, Steinen und Meteoritenstaub malt. Die Dokumentation begleitet die in Düsseldorf und Flagstaff, Arizona, lebende Künstlerin bei ihrer Arbeit in der imposanten US-amerikanischen Canyon-Landschaft. Halb Künstlerinnenporträt, halb Landschaftsfilm steht weniger der künstlerische Prozess im Vordergrund als Arnolds Verhältnis zur Natur wie ein erhabener Blick auf Landschaften. Einige Einflüsse und Besonderheiten ihrer Kunst fallen dabei unter den Tisch, während deren aktivistische Elemente durchaus vermittelt werden. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2019
Regie
Hank Levine
Buch
Hank Levine
Kamera
Victor van Keuren · Hank Levine
Musik
Hauschka
Schnitt
Renan Laviano
Länge
78 Minuten
Kinostart
09.04.2020
Fsk
ab 0; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm

Auf den Spuren der Malerin Ulrike Arnold entwickelt sich das künstlerische Porträt zum Landschaftsfilm über archaischen Erdlandschaften.

Diskussion

Wenn sich die Kamera aus der Vogelperspektive über die Leinwände von Ulrike Arnold bewegt, sind die Bilder von Luftaufnahmen der Erde – oder auch vom Mars – kaum zu unterscheiden. Schrundige, mitunter krümelige Oberflächen aus Sand- und Erdfarben, Rot- und Rosttöne formieren sich zu organischen Gebilden, die weniger an informelle Malerei als an makrokosmische Erdbilder erinnern. Bevor in „Dialogue Earth“ ihre Arbeiten an den weißen Wänden eines Ausstellungsraums zu sehen sind, liegen sie zunächst im Wüstensand von Utah. Am Fuße des Broken Arrow Cave im Bryce Canyon arbeitet die Künstlerin in einer Art Open-Air-Atelier. Ihre Materialien sind Erden und Gesteine, die sie an verschiedenen Orten vorfindet, zu Pigmenten zerstampft und mit Wasser und Harz zu „Erdfarben“ mischt. Arnold malt mit Pinsel und den eigenen Händen. Oder sie schüttet die Farbe wie bei einem Dripping mit dynamischen Bewegungen auf den Nesselstoff.

Die Kamera „malt“ wie die Künstlerin

Ganz ähnlich, wie sich Arnolds Malereien bestimmten Landschaften anschmiegen, versucht auch die Dokumentation von Hank Levine den „Dialog“ mit der Erde. Mit einem Interesse für Strukturen und Abstraktionseffekte streift die Kamera in horizontalen, vertikalen und diagonalen Bewegungen über Felsformationen, blickt fasziniert auf die Schlierenbildungen des Hitzeflimmerns und erhebt sich gelegentlich auch zu großen Totalen über majestätische Erdpanoramen, die an die hochpolierte Ästhetik des Discovery-Channels erinnern.

„Dialogue Earth“ ist zum einen ein Landschaftsfilm, der – nicht zuletzt unter Einsatz der Musik von Hauschka aka Volker Bertelmann – an Erhabenheitsgefühle appelliert, zum anderen das Porträt einer Künstlerin. Ein wenig halbherzig beginnt der Film mit einer chronologischen Erzählung. Eine Kindheit im streng protestantischen Elternhaus, in dem der Vater, ein Pfarrer, nicht mit einer Tracht Prügel sparte. Kino und Fernsehen waren verboten: „Es gab keine Bilder von der Welt.“ Die Mutter zeichnete, sehr nebenbei zwar, doch so gab es immerhin kreative Impulse im beengten Elternhaus, das die Tochter verließ, sobald es ihr möglich war.

Die Begegnung mit den Höhlenmalereien von Lascaux war für Ulrike Arnold ein Initiationsmoment. Sie begann künstlerisch mit Erde zu experimentieren, reiste nach Australien und verabschiedete sich nach der Rückkehr endgültig von ihrem Leben als verbeamtete Lehrerin, um sich ganz der Kunst zu verschreiben. Für diese interessiert sich Levine jedoch nur im Zusammenhang mit Geologie beziehungsweise Kosmologie. So lässt der Film beispielsweise ganz aus, dass Arnold an der Kunstakademie Düsseldorf unter Klaus Rinke studiert hat. Auch wenn zu diesem Zeitpunkt Joseph Beuys längst nicht mehr an der Hochschule unterrichtete, wird sein Konzept eines erweiterten Kunstbegriffs auf Arnold nicht ohne Einfluss gewesen sein.

Kontextualisierungen fallen unter den Tisch

Ebenso fallen Kontextualisierungen unter den Tisch; der Begriff „Land Art“ fällt kein einziges Mal. Lieber entwirft „Dialogue Earth“ das Bild einer robusten Einzel- und Freiheitskämpferin, die mit ihrem Geländewagen in entlegene Gegenden aufbricht, um weitab von der Zivilisation mit Erde oder Meteoritenstaub Kunst zu schaffen. Aus den 1970er-Jahren gibt es davon einige schöne Filmaufnahmen: Arnold zerstampft Steine zu Malmaterial, breitet den weißen Nesselstoff auf einen Felsen aus oder legt sich mit ihrem ganzen Körper auf den Bildträger. Ihrem Gestus ist der künstlerische Ernst eher fern. Sie wirkt ausgelassen und dabei regelrecht zupackend.

„Dialogue Earth“ schlägt dann auch mehr die Richtung eines kosmologisch ausgerichteten Abenteuerfilms ein. Levine begleitet Arnold in ihr Freiluftatelier oder zu verschiedenen Trips – etwa zum Lowell Observatory und an die hochaufgerüstete US-mexikanische Mauer. Die Begegnung der Künstlerin mit American Natives wird eher am Rande erzählt; verkürzt ist auch der emotionale Besuch bei Mann und Schwester ihrer verstorbenen Freundin Helen, auch sie eine Native.

Das „One World“-Gemälde

Gegen Ende wird der Tonfall ein wenig konkreter, auch aktivistischer. Als Antwort auf Donald Trumps Exekutivanordnung, unter Schutz stehende Gebiete wie White Pocket in Utah an die Wirtschaft freizugeben, arbeitet sie an einem „One World“-Gemälde. Das beidseitig bemalte Bild ist mit sämtlichen Materialien aus Arnolds umfassendem Erdarchiv, das sie auf ihren Reisen um die Welt gesammelt hat, gemalt und besteht aus einem Rechteck von 7m x 2m und einem Kreis – einem Ausrufezeichen! Am 22. April 2020 sollte es zum 50. Jubiläum des Earth Day präsentiert werden.

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