Science-Fiction | Belgien 2020 | (sechs Folgen) Minuten

Regie: Inti Calfat

Die Sonne verändert sich, sodass ihre Strahlung auf einmal für Menschen tödlich wird. Einigen Menschen, die von Brüssel aus einen Nachtflug nach Moskau nehmen wollten, gelingt es, der Katastrophe zu entkommen: Sie steuern die Maschine gen Westen, immer auf der Flucht vor dem Sonnenaufgang und auf der Suche nach geeigneten Zwischenstopps, um neues Kerosin und Nahrung zu finden. Doch innere Spannungen an Bord und äußere Komplikationen erschweren den Wettflug gegen den Tod. Der Serie gelingt es, mit relativ schlichten Mitteln ihr irrwitziges Katastrophenszenario glaubwürdig und spannend umzusetzen, nicht zuletzt weil die kammerspielartigen Konfliktszenarien innerhalb der Besatzung dank gut konturierter Figuren den Plot ebenso vorantreiben wie immer neue Gefahren-Szenarien, die sich aus der Notsituation ergeben. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
INTO THE NIGHT
Produktionsland
Belgien
Produktionsjahr
2020
Regie
Inti Calfat · Dirk Verheye
Buch
Jason George
Kamera
Thomas Hardmeier
Musik
Photek
Schnitt
Stijn Deconinck · Mathieu Depuydt · Koen Timmerman
Darsteller
Pauline Etienne (Sylvie Bridgette Dubois) · Laurent Capelluto (Mathieu Daniel Douek) · Stefano Cassetti (Terenzio Matteo Gallo) · Alba Gaïa Bellugi (Ines Mélanie Ricci) · Astrid Whettnall (Gabrielle Renoir)
Länge
(sechs Folgen) Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Science-Fiction | Serie | Thriller

Eine belgische Thriller-Serie: Weil Sonnenstrahlung plötzlich tödlich ist, versuchen die Passagiere eines in Brüssel startenden Flugzeugs, dem Tagesanbruch gen Westen davon zu fliegen.

Diskussion

Zunächst sind es nur kryptische Informationen, die die Wartenden am Flughafen in Brüssel aufschrecken: Eine junge Frau bekommt eine panische Nachricht von einer Freundin in New York; über Bildschirme flackern News-Bilder von plötzlichen Todesfällen. Ein Italiener (Stefano Cassetti) weiß offensichtlich mehr. Er dringt gewaltsam in einen Flieger ein, in den gerade die ersten Passagiere für einen Flug nach Moskau einchecken, und zwingt den Piloten mit vorgehaltenem Gewehr zum vorzeitigen Abflug. Die Destination ist egal, Hauptsache: nach Westen. Weg von der aufgehenden Sonne, so schnell wie möglich.

Zunächst halten die Entführten den Italiener, der sich als bei der NATO tätiger Major der italienischen Armee zu erkennen gibt, für einen Terroristen und sein Gerede davon, dass die Sonnenstrahlung tödlich geworden sei, für das wirre Gefasel eines Wahnsinnigen. Doch sobald wieder Kontakt zum Boden möglich ist, bestätigt sich das Unglaubliche. Offensichtlich hat es bei der Umpolung des Magnetfelds der Sonne, die alle elf Jahre stattfindet, eine Anomalie gegeben, die dafür sorgt, dass das Sonnenlicht eine tödliche Dosis Gammastrahlung enthält. Sich in einem lichtgeschützten Raum oder einem Keller zu verstecken hilft dagegen nicht; allenfalls in besonders tiefen, am besten unter Wasser befindlichen Orten könnte noch Leben möglich sein.

Eine fliegende Arche für die Überlebenden einer globalen Apokalypse

Den Versuch, in Island zu landen, muss der Pilot abbrechen: Auf der Landebahn des Flughafens bei Reykjavik sind brennende Maschinen und panische Menschen zu sehen. Der nächstgelegene westliche Ort, an dem sich eventuell neues Kerosin und Lebensmittelvorräte auftreiben lassen, ist ein Militärflughafen in Schottland. Und wohin dann? Immer weiter gen Westen, von unsicherem Zwischenhalt zu unsicherem Zwischenhalt, so lange es Treibstoff gibt? Oder besteht die Chance, irgendwo einen sicheren Ort zu finden?

„Into the Night“, die erste belgische Original-Serienproduktion für Netflix, ist inspiriert vom Science-Fiction-Roman „The Old Axolotl“ des polnischen Autors Jacek Dukaj rund um eine Welt, in der kein biologisches Leben mehr möglich ist und die Menschheit nur überdauert hat, weil es möglich war, Bewusstsein in Maschinen zu transferieren. „Into the Night“ fabuliert dazu nun eine Art Prequel rund um die letzten Überlebenskämpfe der natürlichen Körper. Als Showrunner fungiert Jason George, der als Autor u.a. auch schon bei „Narcos“ mitgewirkt und als Executive Producer diverse internationale Serien für Netflix mitbetreut hat, vom türkischen Format „The Protector“ über „Der nackte Regisseur“ aus Japan bis zum libanesisch-jordanischen „Dschinn“. In „Into the Night“ zeigt er sich als souveräner Erzähler, der es zusammen mit den belgischen Regisseuren Inti Calfat und Dirk Verheye schafft, aus ihrer irrwitzigen Prämisse glaubwürdig das Szenario einer globalen, apokalyptischen Katastrophe zu entwerfen, ohne auf allzu aufwendige Spezialeffekte oder Massenszenen zurückgreifen zu müssen.

„Into the Night“ baut in Sachen Spannungsdramaturgie geschickt auf die Kombination von klaustrophobischem Setting und einem Figurenensemble voller innerer Reibungen: In dem Flugzeug, das unversehens zu ihrer Arche Noah geworden ist, prallt eine Handvoll überforderter Menschen aus verschiedenen Ecken Europas und verschiedenen sozialen Kontexten aufeinander, von Belgiern wie der Ex-Luftwaffe-Soldatin Sylvie (Pauline Etienne), die als Co-Pilotin einspringt, und dem etwas verschrobenen Security-Mann Rik (Jan Bijvoet) über den polnischen Bord-Mechaniker Jakub (Ksawery Szlenkier) und den marokkanischen Putzmann Osman (Nabil Mallat) bis hin zum dubiosen türkischen Geschäftsmann Ayaz (Mehmet Kurtulus): Am Anfang sind sie füreinander und für die Zuschauer Fremde, im Lauf der Serie lernt man sich näher kennen – im Guten wie im Schlechten. Wobei die Serie beides in den einzelnen Figuren mischt: Anders als in vielen anderen Katastrophen-Szenarien bringt das Unglück hier nicht in den einen den inneren Helden, in den anderen den skrupellosen Schurken hervor, sondern alle haben Stärken und Schwächen, treffen mal moralisch bewundernswerte, mal eher fragwürdige Entscheidungen.

Passagiere stellen Autorität in Frage

Die normale Ordnung der Dinge wirkt zwar zunächst noch in der Organisation an Bord nach – der Pilot Mathieu (Laurent Capelluto) trägt Verantwortung und trifft Entscheidungen, die nervenstarke Stewardess (Astrid Whettnall) kümmert sich ums Wohl der Fluggäste und versucht zu beruhigen – gerät aber bald ins Wanken, als die ersten Passagiere die Autorität der Funktionsträger in Frage stellen und mitentscheiden wollen. Woraus sich im Lauf der sechs Folgen der ersten Staffel (die jeweils nach einem der Passagiere benannt sind, der darin eine besondere Rolle spielt) eine volatile, sich immer wieder verschiebende Gruppendynamik entwickelt: einzelne Passagiere nähern sich einander an, Freund- und Feindschaften bilden sich heraus, und es wird um Autorität konkurriert. Letztlich bis zum blutigen Exzess.

Raum für das ganze existenzielle Elend der Situation, für die Trauer und das Entsetzen, gibt die Serie einzelnen ihrer Figuren durchaus – allerdings nur begrenzt: „Into the Night“ ist weniger an der psychologischen Durchleuchtung der Extremsituation interessiert als vielmehr temporeiche Genre-Kost, in der der Spannungslevel und der Druck auf die Figuren immer wieder durch neue äußere Komplikationen hochgepusht werden, etwa durch technische Probleme am Flieger, durch eine Verletzung des Piloten, durch gefährliche Gäste an Bord und unerwartete Auswirkungen der Sonnen-Anomalie, deren ganze Tragweite den Überlebenden erst allmählich klar wird. Ein ziemlich simples dramaturgisches Prinzip, das in den sechs Folgen aber clever und erfindungsreich genug umgesetzt ist, um das Sujet nicht überzustrapazieren.

Und wenn es eine zweite Staffel geben wird – und das legt die letzte Folge nahe – dann bleibt den Figuren auf jeden Fall noch genug Entwicklungspotenzial, um diese zu tragen. Das Kerosin mag durch die Gamma-Strahlung unnütz werden, doch die zwischenmenschliche Energie liefert Treibstoff genug.

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