Germans and Jews - Eine neue Perspektive

Dokumentarfilm | USA 2016 | 76 Minuten

Regie: Janina Quint

Eine Handvoll in Deutschland lebender Juden und nichtjüdische Deutsche diskutieren bei einer Dinnerparty in Berlin über das Verhältnis zueinander. Erweitert wird dieses Gespräch durch Archivmaterial, Interviews mit Zeitzeugen, Künstlern und Wissenschaftlern sowie wichtigen Knotenpunkten der Holocaust-Aufarbeitung. Der aus US-amerikanischer Perspektive gedrehte Film bewegt sich allerdings zu sehr in einem auf Ausgleich und Verständigung bedachten Milieu, weshalb er aktuelle antisemitische Ressentiments nicht wahrnimmt und ein brisantes Thema unbedarft unterläuft. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2016
Regie
Janina Quint
Buch
Janina Quint
Kamera
Adolfo Doring · Amanda Zackem
Musik
Jonathan Zalben
Schnitt
Michael Culyba
Länge
76 Minuten
Kinostart
14.05.2020
Fsk
ab 6
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm

Heimkino

Verleih DVD
W-film
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Eine Handvoll in Deutschland lebender Juden und nichtjüdische Deutsche diskutieren bei einer Dinnerparty in Berlin über das Verhältnis zueinander.

Diskussion

In Eberhard Fechners großartiger Darstellung des Majdanek-Prozesses („Der Prozess“) gibt es eine Stelle, an der eine der Angeklagten im Interview sagt, dass jetzt allmählich mal Schluss sein müsste mit derlei Strafverfahren; schließlich habe sich Deutschland für die Shoah entschuldigt und zudem reichlich Entschädigung an den Staat Israel gezahlt. Insofern scheint es ein Leichtes, diese Zahlungen gleich wieder in antisemitische Ranküne umzumünzen.

An diese Szene muss man denken, wenn jetzt in der Dokumentation „Germans & Jews – Eine neue Perspektive“ von Janina Quint darüber disputiert wird, inwiefern die Entschädigungen als „Ticket zu einer Rückkehr in die westliche Zivilisation“ oder als „Blutgeld“ zum Freikaufen von einer moralischen Schuld bewertet werden. Ausgangspunkt von Quints Film ist allerdings das Staunen über die Tatsache, dass es nach 1945 überhaupt wieder ein jüdisches Leben in Deutschland gab und zunehmend mehr gibt. Aus westdeutscher Perspektive ist allerdings weniger Quints Staunen als vielmehr der Gegenstand des Staunens überraschend. Insofern führt schon der Untertitel ein wenig in die Irre, weil „Germans & Jews“ offenkundig aus US-amerikanischer Perspektive gedreht wurde und zudem in dem USA bereits 2016 in den Kinos anlief und dort zumeist vorzügliche Kritiken erhielt.

Pro und Kontra des deutsch-jüdischen Zusammenlebens

Aus heutiger und insbesondere westdeutscher Perspektive erscheint der Film von der Gegenwart aber teilweise überholt und in seiner Machart eher bieder. Quint hielt es für eine tragfähige Idee, ein paar jüdische und nicht-jüdische Bildungsbürger und -innen in Berlin an einen Tisch zu setzen und ein gepflegtes Gespräch über das Pro und Kontra des deutsch-jüdischen Zusammenlebens führen zu lassen. Eweitert wird dieses Gespräch durch einschlägiges Archivmaterial, Interviews mit Zeitzeugen, Nachgeborenen oder Wissenschaftlern und Künstlern, darunter Harald Welzer, Fritz Stern, Rafael Seligmann oder Herbert Grönemeyer sowie ein langes Travelling durch die vergangenen 70 Jahre deutsch-jüdischer Geschichte nach 1945.

Ein paar der erwartbaren thematischen Knoten zur Ordnung des Materials und des Diskurses sind das Reparationsabkommen von 1952, der Eichmann-Prozess, die Ausstrahlung des Mehrteilers „Holocaust“, die „Tag der Befreiung“-Rede Weizsäckers, die Geschichte und Symbolik des „Topographie des Terrors“-Mahnmals oder das Anne-Frank-Haus. Dazu gibt es gepflegt-atmosphärische Musik und Impressionen aus dem gegenwärtigen Berlin mit seinen rauchenden Schornsteinen und allerlei Gedenktafeln, welche die Deutschen an die Verbrechen zwischen 1933 und 1945 erinnern.

Eine Begabung zum Selbstmitleid

Fritz Stern spricht früh im Film von der außerordentlichen Begabung der Deutschen zum Selbstmitleid, gerade auch nach 1945. Insofern mag der Film für ein Publikum, dass mit der Geschichte des deutsch-jüdischen Verhältnisses nach 1945 nicht sonderlich vertraut ist, durchaus ein paar überraschende, auch erfreuliche Details bereithalten. Es mag seltsam erscheinen, ist aber zugleich wohl vertraut, dass es für Menschen einer bestimmten Nachkriegsgeneration, die Lehrer, Journalisten oder Musiker wurden und auf Englisch fließend über Identität und Antisemitismus zu parlieren verstehen, kein größeres Kompliment gab, als Deutsche/r im Ausland für einen Juden, eine Jüdin gehalten zu werden.

Es wäre indes zu begrüßen gewesen, wenn sich die Recherche des Filmteams einmal aus dem „Safe Space“ des eigenen Milieus heraus begeben hätte an Orte, wo antisemitische Ressentiments leicht zu haben und auch zu dokumentieren sind. Andere Themen bleiben vergleichsweise randständig. Vielleicht liegen die Dreharbeiten des Films auch schon zu weit zurück, um noch die ansteigende Gewalt gegen jüdische Mitbürger auf offener Straße, geschändete Friedhöfe, Anschläge auf Synagogen, Migration und Rechtsradikalismus in den Blick zu nehmen. Interessant wären in diesem Zusammenhang auch die gar nicht mal so untergründigen antisemitischen Töne der BDS-Bewegung, die Ineinssetzung von Judentum und Israel, die in letzter Zeit immer wieder für Debatten sorgte.

Es ist nicht so, dass „Germans & Jews“ ein durchweg schlechter Film wäre. Es ist nur ein sehr fremder Blick, der etwas unscharf und harmlos ein brisantes Thema unterläuft, weil er die Haltungen und Einstellungen eines spezifischen Milieus unreflektiert verallgemeinert.

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