Dokumentarfilm | Deutschland 2019 | 94 Minuten

Regie: Christoph Hübner

Dritter und letzter Teil einer 1998 begonnenen Langzeitbeobachtung über junge Nachwuchstalente bei Fußballverein Borussia Dortmund, deren wechselhafte Karrieren im Abstand von jeweils einem Jahrzehnt bilanziert werden. Der Film handelt vom Leben nach dem Profifußball und den Übergängen in ein alltägliches Dasein, wobei die Resümees der ehemaligen Leistungssportler eher ernüchternd ausfallen. Dabei geht es nicht nur um die individuellen Schicksale, sondern auch um die Veränderungen des Profifußballs seit der Jahrtausendwende. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2019
Regie
Christoph Hübner · Gabriele Voss
Buch
Christoph Hübner · Gabriele Voss
Kamera
Christoph Hübner
Musik
Jörg Follert
Schnitt
Gabriele Voss
Länge
94 Minuten
Kinostart
12.08.2021
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm

Dritter Teil einer dokumentarischen Langzeitbeobachtung über Nachwuchstalente von Borussia Dortmund und was aus ihnen geworden ist.

Diskussion

Die Schwierigkeit von ambitionierten Langzeitbeobachtungen, die scheibchenweise veröffentlicht werden, liegt darin, dass Redundanzen dramaturgisch notwendig sind, um das „Wissen“ des Films für das Publikum aktuell zu halten. Wer die Vorgängerfilme nicht gesehen hat, wünscht sich Hintergrundinfos, wer sie kennt, braucht die kontextualisierenden Rückblenden nicht. Im Falle der Trilogie von Christoph Hübner und Gabriele Voss würde das eigentlich auf ein Triple Feature hinauslaufen, allerdings um den Preis, dass der finale dritte Teil dann doch etwas enttäuscht.

Hübner und die Cutterin Voss begannen 1998, sich anhand einiger junger Fußballtalente aus der Nachwuchsarbeit von Borussia Dortmund ein Bild davon zu machen, was es bedeutet, so talentiert zu sein, dass vielleicht eine Karriere als Profifußballer winkt. Als der erste Film „Die Champions“ im Jahr 2003 in die Kinos kann, hatten die Filmemacher 400 Stunden Material auf etwas mehr als zwei Stunden verdichtet, um die Geschichte von vier höchst unterschiedlichen Protagonisten zu erzählen: Francis Bugri, Mohammed Abdulai, Heiko Hesse und Claudio Chavarria. Besonders glamourös war die Kombination aus Schule, Fußball, Schule, Fußball plus härtester Auslese schon damals nicht. Die These des Films: Talent alleine reicht bei weitem nicht; der Traum von einer Profi-Karriere ist mit Enttäuschungen gepflastert.

Zu nett fürs harte Geschäft

2009 folgte der zweite Teil „Halbzeit – Vom Traum ins Leben“. Der zunächst als größtes Talent gehandelte Francis Bugri hatte es zwischenzeitlich fast geschafft: Profi-Vertrag, ein Einsatz in der Champions League, aber dann wurde es doch eher eine Zweitliga-Karriere, bis Bugri ins Elternhaus zurückkehrte und ein Fernstudium aufnahm. Zu nett fürs harte Geschäft. Auch um die anderen Protagonisten von „Die Champions“ stand es nicht zum Besten. Mohammed Abdulai war beim SV Wattenscheid gelandet, Claudio Chavarria nach Chile zurückgekehrt.

Um überhaupt eine fußballerische Erfolgsgeschichte erzählen zu können, wechselten die Filmemacher zu Florian Kringe, der bei Borussia Dortmund Stammspieler war, bis Jürgen Klopp dort Trainer wurde. Heiko Hesse, der schon in „Die Champions“ durch Selbstreflexion aufgefallen war, hat sich von Profi-Traum verabschiedet, sich als Halbprofi ein Wirtschaftsstudium in den USA finanziert, in Oxford einen Abschluss gemacht und promoviert. Obwohl er inzwischen für den Internationalen Währungsfonds in Brüssel arbeitet, ärgert er sich manchmal immer noch, wenn er hört, dass er als Spieler sein Potential ausgeschöpft habe.

Vom Leben nach dem Fussball erzählt nun „Nachspiel“, der letzte Teil der Trilogie. Schöner wird es auch hier nicht. Mohammed Abdulai packte nach dem SV Wattenscheid noch ein paar internationale Stationen in Belgien, Bulgarien und Bangladesh drauf, wo dann auch die Gehaltszahlungen prekär wurden. Augenzwinkernd gibt er zu Protokoll, dass er seine Geschwister finanziert habe, die alle studierten. Sein Talent sei ein Opfer für das Fortkommen der Familie gewesen. Abdulai ist mittlerweile eingebürgert, arbeitet als Busfahrer im Ruhrgebiet und ist, wie es scheint, mit sich und seiner Biografie im Reinen.

Eine Karriere wie im Fahrstuhl

Am Anfang von „Nachspiel“ stehen Bilder der offiziellen Verabschiedung von Florian Kringe beim FC St. Pauli. Auch seine Karriere gleicht einem Fahrstuhl. Erst Dortmunder Stammspieler, dann von Jürgen Klopp ausgemustert und an Hertha BSC ausgeliehen, wo er sich schwer verletzte. Seinen größten Triumph feierte er in einer Saison, in der er verletzungsbedingt keinen einzigen Einsatz hatte. 2015 beendete er seine Karriere aufgrund seines Hüftleidens und wechselt in die Beratertätigkeit, zu der es einige aufschlussreiche Beobachtungen gibt.

Im Film kommt es zu einer schönen Begegnung zwischen Kringe und Lars Ricken, bei der es darum geht, im Leistungssport zu altern, wenn der Körper nicht mehr mitspielt. Zudem zeigt sich, welchen Grad an Professionalisierung und Technisierung der Trainingsbetrieb in den vergangenen 20 Jahren durchlaufen hat.

Am Ende stellt der Film viele Fragen: Was ist vom einstigen Traum geblieben? Was sind die Faktoren von Glück? Wie lässt sich Scheitern produktiv machen? Wie kommt man aus der Traumwelt des internationalen Profifußballs wieder in den Alltag zurück, wenn man nicht zu den Superstars zählt, die als Trainer, Funktionäre oder Kommentatoren in den Medien enden?

Der entzauberte Mythos

Hübner und Voss haben mit ihrer durchaus nicht kritisch gedachten Trilogie den Mythos vom Profifußball aus einer Perspektive der unteren Mittellage entzaubert und gleichzeitig diejenigen, die international auf Champions League-Niveau mit Millionengagen agieren, aus dem Blick genommen. Ihr Fazit: Karrieren wie die von Bugri, Abdulai, Hesse, Chavarria und Kringe dürften die Regel sein; mit Straßenfußballern ist eher nicht mehr zu rechnen. Zu wünschen wäre, dass sich jemand auch mal der Szene des Frauenfußballs annimmt.

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