Dokumentarfilm | USA 2019 | 129 Minuten

Regie: Adele Schmidt

Eine materialreiche Musikdokumentation über die einflussreiche Stilrichtung des westdeutschen Krautrock, mit der Bands wie Can, Kraftwerk oder Faust zwischen 1969 und 1974 eine experimentelle, elektronisch-improvisierte Spielart der Rockmusik begründeten. Der Film überzeugt durch seine puristische Ästhetik, die den Erinnerungen und Anekdoten der Musiker viel Platz einräumt, während man bei der Auswahl der Gesprächspartner und der präsentierten Materialien nicht sehr wählerisch war, sondern eher einem gewissen Pragmatismus huldigte. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
ROMANTIC WARRIORS IV: KRAUTROCK (PART I)
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2019
Regie
Adele Schmidt · José Zegarra Holder
Buch
Adele Schmidt · José Zegarra Holder
Kamera
Adele Schmidt · José Zegarra Holder
Schnitt
Adele Schmidt
Länge
129 Minuten
Kinostart
18.06.2020
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm | Musikdokumentation

Eine materialreiche Musikdokumentation über die einflussreiche Stilrichtung des westdeutschen Krautrock, mit der Bands wie Can, Kraftwerk oder Faust zwischen 1969 und 1974 eine experimentelle Spielart der Rockmusik begründeten.

Diskussion

Für Kenner der Materie oder ältere Menschen mit gutem Gedächtnis wartet der Beginn von „Krautrock 1“ mit einer echten Überraschung auf. Im vierten Teil der Oral History des Prog-Rock von Adele Schmidt und José Zegarra Holder geht es um jene spezifische Spielart von elektronisch-improvisierter, experimenteller Rockmusik „made in Western Germany“, die keine gutgemeinte Kopie anglo-amerikanischer Popmusik mehr sein wollte, sondern nach einem eigenen Sound forschte. Die ersten Bilder gehören allerdings ausgerechnet der vielfach belächelten und gänzlich dem Vergessen anheimgefallenen Polit-Rock-Band Floh de Cologne, die kaum jemand dem unscharfen Genre Krautrock zurechnen würde. Floh de Cologne spielten um 1970 gewerkschafts- und DKP-nahen Agit-Prop mit aufklärerischem Gestus und musikalischer Einfalt. Die verbliebenen Musiker von Floh de Cologne stellen dann nicht ohne Augenzwinkern klar, dass sie eigentlich keine Musiker, sondern Schauspieler gewesen seien, also eher Musiker-Darsteller. Außerdem identifizieren sie ihre Wurzeln in der kritischen Kabarett-Szene der 1960er-Jahre und nicht in der jugendkulturellen Rock- und Beat-Szene.

Musiker sprechen über ihre Erfahrungen

Nach diesem „unverhofften Wiedersehen“ geht es dann allerdings in kanonisch geordneten Bahnen weiter, wobei der Blick auf sympathisch altmodische Weise auf Wesentliche konzentriert bleibt. Hier wird die Kunst zunächst einmal nicht von Zeitgenossen, Kritikern, Fans oder anderweitigen Bekannten kontextualisiert und bewertet, sondern zunächst von den Machern selbst rekapituliert und um erstaunlich reiches, ruhig ausgebreitetes Archivmaterial ergänzt. Wie schon in den zwei vorangehenden Recherchen „A Progressive Music Saga About Rock in Opposition“ (2012) und „Canterbury Tales“ (2015) bevorzugen die Filmemacher eine eher puristische Ästhetik, wodurch sie sich wohltuend von den atemlos-oberflächlichen PR-Materialschlachten aktueller Musikdokumentationen abheben. Hier lassen ältere Herrschaften freundlich und teilweise von extremem Mitteilungsdrang geprägt, in zum Teil äußerst gebrochenem Englisch, ihre Karrieren anekdotenreich – und dabei durchaus über die eigene Kunst und Kunstfertigkeit staunend – Revue passieren.

Auf die Kölner Band Can folgen Kraftwerk, Neu!, La Düsseldorf und schließlich die norddeutschen Gruppe Faust. Was die Archive an Bildern und Tönen hergeben, macht den Stolz der Macher auch Nachgeborenen mehr als plausibel, wobei die Kunst des Ausprobierens, des Forschens und des Spontanen in prä-digitalen Zeiten ausführlich gewürdigt wird. Neu ist das zwar alles nicht, doch es erstaunt im Rückblick immer wieder aufs Neue, welche schillernde Bündnisse zwischen Stockhausen-Schülern, Free-Jazzern, Studierenden der Düsseldorfer Kunstakademie, Rockmusikern und Publizisten in jener Zeit geschmiedet wurden und wie geradezu explosiv sich der Krautrock kreativ entfaltete.

Weitere Recherchen sind angekündigt

Zwischen dem Can-Debüt „Monster Movie“ (Sommer 1969) und „Soon over Babaluma“ (Sommer 1974), dem letzten Album der „klassischen Phase“ von Can, liegen gerade mal fünf Jahre. Ebenfalls 1974 schlugen Kraftwerk mit ihrem vierten Album „Autobahn“ konzeptionell ein neues Kapitel auf. Und die in Hamburg gegründete Band Faust legten zwischen 1973/74 und 1990 eine Pause ein. Zumindest mit Blick auf die nordwestdeutsche Szene kann man sagen, dass Mitte der 1970er-Jahre die „heroische Phase“ des Krautrock beendet und mögliche Ausdifferenzierungen in Richtung größerer Kommerzialität (La Düsseldorf) initiiert waren. Weitere Recherchen zur Berliner Szene (Klaus Schulze, Tangerine Dream) und zur süddeutschen Szene (Amon Düül, Gila, Popol Vuh) haben die Filmemacher angekündigt.

So weit, so okay! Wer sich allerdings etwas intensiver mit der Materie auseinandergesetzt hat, dem bietet „Krautrock 1“ noch weitere „Überraschungen“. Da ist zunächst einmal die Dringlichkeit der Recherche. Eine ganze Reihe der Protagonisten der hier präsentierten Spielart von Krautrock wie Holger Czukay, Klaus Dinger, Michael Karoli, Jaki Liebezeit, Theo König, Conny Plank, Uwe Nettelbeck und Florian Schneider sind mittlerweile verstorben. Wenn es darum geht, Zeitzeugen vor die Kamera zu holen, dann ist in der Tat eine gewisse Eile geboten.

Eine sympathische Nachlässigkeit

Unübersehbar ist jedoch eine gewisse Kontingenz in der Aufbereitung des Materials, das teilweise über Bande erzählt werden muss. Im Fall von Kraftwerk haben sich die beiden Bandleader Ralf Hütter und Florian Schneider wenig überraschend verweigert, weshalb die Geschichte dieser Band gewissermaßen aus dem Off von Mitmusikern aus der zweiten Reihe rekapituliert wird. Im Fall von Neu! gibt Michael Rother freundlich Auskunft, doch der langjährige und auch juristisch geführte Streit zwischen ihm und Klaus Dinger wird komplett ausgeblendet. Dass Rother nach Neu! durchaus noch erfolgreich Musik gemacht hat, ist ebenso wenig Thema wie vergleichbare Projekte von Irmin Schmidt, Holger Czukay und Jaki Liebezeit, während Dingers Karriere bis hin zu seinem letzten Projekt Japandorf ausgebreitet wird und die Reise mit dem Ex-Can-Sänger Damo Suzuki bis nach Peru führt.

Die längst in zwei Bandprojekte aufgespaltene Band Faust ist nur über Mitglieder der norddeutschen Fraktion FaUSt präsent, die dafür 2016 sogar auf US-Tour begleitet wird. Fraglich, ob und inwieweit die süddeutsche Fraktion der Ex-Faust-Musiker um Jochen Irmler den anarchisch-dadaistischen Approach der Anekdoten der Herren Jean-Hervé Péron und Werner „Zappi“ Diermeier ohne Weiteres teilen würde, zumal auch ganz andere, weit weniger glamouröse Versionen der Geschichte von Faust kursieren.

Ein Hang zum Pragmatismus

So scheint „Krautrock 1“ einem Hang zum Pragmatismus geschuldet. Wer aufgetrieben werden konnte und mitgetan hat, landete selbstredend im Film, der zudem durch Kurzauftritte von epigonalen Neo- oder Post-Krautrock-Projekten wie Wume, Electric Orange oder Krautwerk aufgefüllt wurde. Ob das eine Schwäche des Films ist oder nicht vielmehr dem Gegenstand und seinen mäandernden Qualitäten geschuldet ist, muss man als Zuschauer je nach eigenem Kenntnisstand entscheiden. Man kann diese lässige Nachlässigkeit auch sympathisch finden.

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