Biopic | Deutschland 2020 | 135 Minuten

Regie: Oskar Roehler

Stationen und Momente aus dem Leben und Schaffen von Rainer Werner Fassbinder werden zu einem vielfach gebrochenen, zwischen Traum und Albtraum flirrenden Porträt des manischen Filmemachers verwoben, das sich immer wieder am Wechselspiel zwischen Liebessehnsucht und der Unfähigkeit, ihr im Leben Raum zu geben, abarbeitet. Der ausschließlich im Atelier gedrehte Film will dezidiert nicht biografisch sein, sondern kreist ästhetisch verdichtet um Variationen eines Künstlerlebens. Glänzend gespielt und als sperrige Hommage ein wuchtiges Werk, bleiben die politischen Wurzeln des Fassbinder’schen Oeuvres und seine zeitgenössische Wucht allerdings weitgehend außen vor. - Sehenswert ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2020
Regie
Oskar Roehler
Buch
Klaus Richter · Oskar Roehler
Kamera
Carl-Friedrich Koschnick
Musik
Martin Todsharow
Schnitt
Hansjörg Weissbrich
Darsteller
Oliver Masucci (Rainer Werner Fassbinder) · Hary Prinz (Kurt Raab) · Katja Riemann (Gudrun) · Alexander Scheer (Andy Warhol) · Eva Mattes (Brigitte Mira)
Länge
135 Minuten
Kinostart
01.10.2020
Fsk
ab 16; f
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 16.
Genre
Biopic | Drama

Stationen und Momente aus dem Leben und Schaffen von Rainer Werner Fassbinder werden zu einem vielfach gebrochenen, zwischen Traum und Albtraum flirrenden Porträt des manischen Filmemachers verwoben.

Diskussion

Es war nur eine Frage der Zeit, bis sich Oskar Roehler nach Filmen über seine Mutter („Die Unberührbare“) und seine Familie („Quellen des Lebens“) einer Arbeit über jenen Regisseur annehmen würde, der für ihn wohl eine Art cineastischer Übervater darstellt: Rainer Werner Fassbinder. Wie Fassbinder baut ja auch Roehler, der bislang 16 Filme in 25 Jahren gedreht hat, an einer sarkastischen Sitten- und Moralgeschichte der Bundesrepublik und setzt dabei ebenso grelle Schlaglichter wie einst Fassbinder, mit sperrigen, verstörenden Arbeiten, deren Ausbuchtungen ins Banale wie Monströse ausgehalten werden müssen.

Das Interesse, das Fassbinder einst oft „kleinen Leuten“, Arbeitern und Gewerbetreibenden am Abgrund zum Existenzverlust entgegenbrachte, konzentriert sich bei Roehler allerdings primär auf die bedrohte Mittelschicht, deren Seelenlage er bis in Untiefen ausleuchtet, in die vorzudringen schmerzt und bisweilen auch ekelt. Doch bei allem Umstrittenen, ja Abstrusem, bei allem ambitioniert Misslungenen, das von Roehler schon zu sehen war, blieb er stets ein Regisseur, auf dessen jeweils neues Werk man gespannt wartete.

 „Enfant Terrible“, der sogar für das infolge von Corona ausgefallene Programm von Cannes nominiert war, bildet da keine Ausnahme.

Episoden aus Fassbinders Biografie

Roehler und sein bevorzugter Drehbuchautor Klaus Richter montieren Episoden aus Fassbinders Biografie zwischen 1967 und 1982, vom ersten Auftreten im Münchner Action-Theater bis zum einsamen Tod des Meisters. „Enfant Terrible“ wurde ausschließlich im Atelier gedreht; Türen, Fenster, Straßenschilder, auch eine Kücheneinrichtung sind auf Kulissenwände gemalt. Entsprechend künstlich die Farbgebung: Es dominieren Rot, Blau, Braun und Grau, wobei das Licht die Gesichter heraushebt, während die Umgebung oft in Dunkel getaucht ist. Roehler zitiert dabei die Ästhetik von Fassbinders „Querelle“ und anderer Spätwerke des Regisseurs. Er imitiert die Imitation: der Fassbinder’schen „Imitation of Life“ schließt sich eine Roehler’sche „Imitation of Art“ an. „Enfant Terrible“ ist kein konventionelles Biopic, sondern eine ästhetisch verdichtete, eher von Traum und Albtraum getragene, fantastisch flirrende Variation auf eine Biografie.

Ein Grundthema des Films ist das Wechselspiel zwischen Liebessehnsucht und der geradezu pathologischen Unfähigkeit, ihr im Leben Raum zu geben. Für das Destruktive und Monströse nutzen Roehler und Richter zahllose authentische Partikel aus der Vita Fassbinders; doch auch Brechts „Baal“, der ja ebenfalls von Fassbinder gespielt wurde, muss mitgedacht werden. Jene Asozialität des Künstlers, die Zerstörung und Selbstzerstörung im Schlepptau mit sich führt, wird von den Autoren breit ausgemalt und von ihrem Hauptdarsteller Oliver Masucci mit extremer Körperkraft zelebriert. Sein Rainer Werner raucht und kokst am laufenden Band und wird dabei immer fetter; er erniedrigt und beleidigt seine Umgebung, quält sich und vor allem andere sowohl physisch als auch psychisch.

Oliver Masucci & die anderen Darsteller

Starke Momente hat Masucci, wenn er die Verletzlichkeit und den abgrundtiefen Schmerz der Figur darstellen darf, etwa nach dem Verlust geliebter Menschen, dem Tod der beiden Freunde El Hedi Ben Salem und Armin Meier. Dass die Exzentrik Fassbinders durchaus kein privater Tick war, sondern eminente politische Wurzeln hatte, spart der Film indes weitgehend aus. Das Leiden an der Gesellschaft, die Ausweglosigkeit des politisch Denkenden bleibt bis auf wenige Szenen, etwa die Arbeit an der Bühneninszenierung „Der Müll, die Stadt und der Tod“, unausgesprochen.

Der berühmte Dialog mit seiner Mutter am Küchentisch, im sogenannten Deutschen Herbst 1977, steht fast beziehungslos im Raum. Ebenfalls schuldig bleibt „Enfant Terrible“ wenigstens einen knappen Beleg dafür, was Fassbinders Kunst in ihrer Zeit so besonders machte, woraus sie ihre Poesie und Faszination schöpfte. Nur aus der Provokation? Nur aus Ekel und Selbstekel? Oder nicht bisweilen auch aus einer fröhlichen Empathie, wie sie in „Acht Stunden sind kein Tag“ nacherlebbar war?

Obwohl Drehbuch und Regie dem Hauptdarsteller die Gelegenheit für einen Parforceritt bieten und manche Gruppenszene zur bloßen Staffage für Masuccis Auf-, Aus- und Zusammenbrüche geraten, bleiben einzelne andere Auftritte durchaus in Erinnerung. Katja Riemann als Gudrun, gemeint ist hier Ingrid Caven, spielt eine sensibel Liebende, Hary Prinz als Kurt Raab balanciert auf einem Grat zwischen Anziehung und Abstoßung, Unterwürfigkeit und Auflehnung. Michael Klammer als Günther Kaufmann, Erdal Yıldız als Salem und Jochen Schropp als Armin umreißen die Schicksale der Fassbinder’schen Lebensgefährten unaufgeregt und präzise. Eva Mattes als Brigitte Mira hat einen naiv-ironischen, den Tonfall der Mira imitierenden Auftritt nach dem Cannes-Erfolg von „Angst essen Seele auf“. Simon Böer als Michael Ballhaus beobachtet das teils bizarre Geschehen im Fassbinder-Clan eher ungläubig: Er gehört dazu – und doch auch wieder nicht. Alexander Scheer hat eine markante Szene als Andy Warhol, natürlich mit Polaroid-Kamera.

Eine Performance in Moll

Insgesamt ist „Enfant Terrible“ natürlich kein ultimativer Fassbinder-Film; es ist ein Crashkurs und zugleich eine Performance in Moll. Ein Angebot mit Leerstellen. Sie zu füllen, bedarf es wohl mehr als zwei anstrengend unterhaltsamer Kinostunden.

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