Die Epoche des Menschen

Dokumentarfilm | Kanada 2018 | 87 Minuten

Regie: Jennifer Baichwal

Seit Mitte des 20. Jahrhunderts greift die technische Zivilisation so sehr in die äußere Gestalt des Globus ein, dass inzwischen vom „Anthropozän“ als dem neuen Erdzeitalter gesprochen wird. Der visuell bestechende Dokumentarfilm unterrichtet über den zwiespältigen Umbau des Planeten und die sich daraus ergebenden Konsequenzen. Dabei verdichtet sich die Vielzahl unterschiedlichster Beobachtungen zu einem weltumspannenden Netz, das Ausmaß, Wucht und Drama der menschengemachten Eingriffe in das natürliche Gleichgewicht verdeutlicht. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
ANTHROPOCENE - THE HUMAN EPOCH
Produktionsland
Kanada
Produktionsjahr
2018
Regie
Jennifer Baichwal · Edward Burtynsky · Nicholas de Pencier
Buch
Jennifer Baichwal
Kamera
Nicholas de Pencier
Musik
Rose Bolton · Norah Lorway
Schnitt
Roland Schlimme
Länge
87 Minuten
Kinostart
10.09.2020
Fsk
ab 0; f
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 14.
Genre
Dokumentarfilm

Dokumentarfilm über das „Anthropozän“, die gegenwärtige Epoche der Erdgeschichte, in der die Menschheit den Planeten nach ihrem Bild und Nutzen umformt.

Diskussion

Der Mensch ist ein Parasit, das wird im Dokumentarfilm „Die Epoche des Menschen“ deutlich. Die geologischen Veränderungen, die durch den homo sapiens dem Planeten zufügt werden, sind mittlerweile unumkehrbar und umfassender als alle Naturgewalten zusammen. Deshalb schlug die 2009 gegründete interdisziplinäre „Anthropocene Working Group“ vor, der geologischen Zeitskala das Erdzeitalter des Anthropozäns hinzuzufügen, um diesen Einfluss zu etikettieren. Als Beginn solle Mitte des 20. Jahrhunderts festgelegt werden, da die Globalisierung und die vom Menschen hervorgerufenen geologischen Disruptionen Hand in Hand gehen.

Fakten und Bilder sprechen für sich

Die Dokumentarfilmerin Jennifer Baichwal, der Kameramann Nicholas de Pencier und der Fotograf Edward Burtynsky dokumentieren in ihrem Film diesen Epochensprung anhand lose verbundener Vignetten, die Einzelphänomene beleuchten und deren gegenseitige Verkettung andeuten. In kurzen Einleitungen zu jedem Phänomen werden im Voice-over Statistiken und wissenschaftliche Berichte zitiert. Ohne Wertung. Die Fakten und Bilder sollen für sich sprechen. Der Film beginnt mit lodernden Flammenbergen im kenianischen Nairobi-Nationalpark: Elfenbein im Wert von 150 Millionen Dollar wird hier medienwirksam verbrannt, um den Hehlern das Geschäft zu verderben und auf die Ausrottung ganzer Tierarten und Lebensräume durch Wilderer hinzuweisen.

Hier wird der Raubbau an natürlichen Ressourcen jeglicher Art dokumentiert: Elfenbein, Edelmetalle, aber auch Baumaterialien wie Marmor. Auch die Verschmutzung durch komplizierte Gewinnungsprozesse wird protokolliert, etwa bei der Nickelproduktion in Norilsk, der „schmutzigsten Stadt Russlands“. Hinter den Badenden an einem Fluss türmt sich eine schnaubende Industrielandschaft auf, die ein zuverlässiger Arbeitgeber ist und deshalb nicht nur geduldet, sondern im jährlichen Sommerfest auch gefeiert wird.

„Die Epoche des Menschen“ ist der letzte Teil einer interdisziplinären Trilogie, die sich menschengemachten Naturphänomenen widmet – „Manufactured Landscapes“ (2006) beschäftigte sich mit Terraforming, und Watermark (2013) mit der Bedeutung des Wassers für den Planeten, die Menschen und ihre Kultur. „Die Epoche des Menschen“ verbindet nun beide Blicke und ergänzt sie um eine Vielzahl an Phänomenen. Den Filmemachern geht es dabei um den Zusammenhang zwischen dem großen Ganzen und Einzelbeispielen.

Gewaltige Panoramas, präzise Details

Die Kameraarbeit von Nicholas de Pencier spielt dabei eine essentielle Rolle, denn die Kombination aus gewaltigen Panoramen und präzisen Detailaufnahmen macht es erst möglich, das Ausmaß der Eingriffe in die Natur und den dadurch bedingten Dominoeffekt zu überblicken. Andererseits ist es dennoch möglich, das Drama einzelner Zerstörungen wahrzunehmen. Wenige der hier gezeigten Phänomene sind für Menschen, die sich für Umweltschutz interessieren, wirklich neu, doch die Akkumulation verdeutlicht ein globales Problem, das niemand mehr ausblenden kann.

Auf diese Weise wird schnell deutlich, in welchem Anmaßung ökonomische Belange über alle anderen gestellt werden – über Flora und Fauna, über Ozeane und selbst über Ortschaften, die etwa von Braunkohleunternehmen aufgekauft und umgesiedelt werden, um an die Rohstoffe zu kommen. Dass dann monströse Bagger von über hundert Meter Länge und 12.000 Tonnen Gewicht den Abbau vornehmen, wirkt so unwirklich, als kämen sie direkt aus einem dystopischen Endzeitfilm.

„Die Epoche des Menschen“ setzt sich von klassischen Naturdokumentationen deutlich ab, weil der Film eben nicht die Schönheit der Natur feiert, sondern auch die Verdrängungsmechanismen aufzeigt, die dazu führen, dass die Menschheit einfach so weitermacht wie bisher. Wer will schon wahrhaben, dass auch unser Recyclingmüll irgendwo auf der Erde landet und in unwirklichen Hügellandschaften einen eigenen Lebensraum aus Techno-Fossilien bildet, in dem hunderte Menschen leben und arbeiten?

Der blinde Fleck im Umgang mit der Natur

Den Beauty-Shots in Naturdokus stellt der Film die dystopische und perfide Schönheit dessen gegenüber, was die systematische Zerstörung und Disruption der Erde dem Globus antun. Die Close-up-Kamerafahrten durch russische Minen, in denen Pottasche abgebaut wird, ähneln in ihren rot-weißen Gesteinsverwirbelungen einem psychedelisch wabernden Bildschirmschoner. Ähnlich leuchten die Verdunstungsbecken in der Atacama-Wüste an der südamerikanischen Pazifikküste in unnatürlich knalligen Farben zwischen Neongelb, Orange und Helltürkis – wie eine überdimensionierte Pool-Landschaft. Hier wird Lithium gewonnen. Die giftige Brühe täuscht in ihrem schimmernden Farbenreichtum leichthin über die Gefahr für Grundwasser und Ozeane hinweg. Immer wieder ertappt man sich beim bewundernden Staunen ob der wundersamen Schönheit, die nur durch massive Zerstörung entstehen kann. Das macht „Die Epoche des Menschen“ zu einem wichtigen Film, denn er versucht genau diesen blinden Fleck im Umgang mit der Erde zu beleuchten.

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