Drama | USA 2020 | 106 Minuten

Regie: Stella Meghie

Ein Schnappschuss ihrer verstorbenen Mutter führt die Wege ihrer Tochter und eines Journalisten zusammen. Erst widerwillig, dann wohlwollend muss die Tochter feststellen, dass sie mehr mit der ihr entfremdeten Mutter gemeinsam hat, als ihr lieb ist. Vor allem die Romanze mit dem Journalisten lässt sie die Entscheidungen der Mutter neu bewerten und auch ihre eigenen Ecken und Kanten besser verstehen. Der Film verwebt die Geschichten der beiden Frauen in enger Parallelführung und spielt mit den Topoi des Liebesdramas, wobei lebendige Figuren mit lebensnahen Emotionen jenseits der Schnulze gelingen. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
THE PHOTOGRAPH
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2020
Regie
Stella Meghie
Buch
Stella Meghie
Kamera
Mark Schwartzbard
Musik
Robert Glasper
Schnitt
Shannon Baker Davis
Darsteller
Issa Rae (Mae Morton) · Lakeith Stanfield (Michael Block) · Chelsea Peretti (Sara Rodgers) · Courtney B. Vance (Louis Morton) · Kelvin Harrison Jr. (Andy Morrison)
Länge
106 Minuten
Kinostart
10.09.2020
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Drama | Liebesfilm

Doppeltes Liebesdrama um eine bindungsscheue Frau, die in einem fotografischen Schnappschuss ihrer toten Mutter deren Schicksal und ihr eigenes zu entschlüsseln beginnt.

Diskussion

Eine einzige Aufnahme hat die Fotografin Christina ihrer Tochter Mae hinterlassen. Von ihrer Krankheit hatte sie der Familie nichts erzählt, und so kam ihr Tod überraschend. Auf dem Bild ist sie als junge Frau zu sehen. Sie sitzt an einem Küchentisch und schaut mit ernstem, fast widerwilligem Blick in die Kamera. Ein Brief lag dem Bild bei; kein Abschiedsbrief, vielmehr ein Geständnis und eine Abbitte. Darin erzählt sie von ihrer ersten Liebe zum Fischer Isaac und dem Gefühl, mehr zu wollen als ein Leben auf dem Land. Davon, wie sie als junge Fotografin aus New Orleans nach New York ging, um Karriere zu machen, aber auch, weshalb sie sich als Mutter immer unzulänglich fühlte.

Ein Schnappschuss als Wendepunkt

Die US-amerikanische Filmemacherin Stella Meghie wählt dieses Bild in ihrem schlicht „The Photograph“ betitelten Film als Kristallisationspunkt für die Geschichten der beiden Frauen. Es dokumentiert den einschneidenden Wendepunkt im Leben der Fotografin, denn Isaac machte den Schnappschuss kurz vor ihrer fluchtartigen Abreise. Andererseits reflektiert es die prägende Kindheitserfahrung der Tochter, dass die Mutter ihre Karriere stets über ihr Privatleben stellte. Widerwillig findet sie sich selbst in dieser Rolle wieder – sie ist erfolgreiche Kuratorin in einem New Yorker Museum – und die Männer kommen und gehen. Sie hofft, sich selbst besser kennenzulernen, indem sie ihre Mutter besser verstehen lernt. Wieso ist sie damals Hals über Kopf nach New York geflohen und hat Isaac nie wieder kontaktiert? Was hat ihre eigene Beziehungsunfähigkeit mit der Entfremdung von der Mutter zu tun?

Stella Meghie erzählt die Geschichten der beiden Frauen alternierend. Sie begleitet Mae beim wiederholten Lesen und Neuverstehen des Briefes. Trotz eines inneren Widerstands sucht Mae nach Parallelen zu ihrem eigenen Leben und sieht die Mutter in neuem Licht. Fotografie und Brief werden für sie zu einer Zeitmaschine für persönliche wie zugleich übergreifende Erfahrungen. Auch Christinas Liebesgeschichte mit Isaac scheint sich in Maes Leben zu wiederholen. Der Journalist Michael entdeckt das Bild bei einem Interview mit Isaac auf dessen Kaminsims und wird neugierig. Seine Recherche über Christinas Werk führt ihn zu Mae ins Museum.

Feingefühl für Genreformeln

Indem der Film diese willkürlichen Schnittpunkte zwischen damals und heute als logische Konsequenzen einer Kausalkette liest, bedient die Inszenierung formal das klassische Muster eines Liebesdramas. Die Konstruiertheit dieses Plots bleibt im Verlauf des Films immer spürbar, und auch die scheiternde Beziehung zwischen Christina und Isaac scheint sich zwischen Mae und Michael zu wiederholen. In diesen schablonenhaften Momenten droht „The Photograph“ bisweilen belanglos zu werden, doch hier zeigt sich die Erfahrung und das Feingefühl der Regisseurin angesichts des Genres. Bereits mit ihren Filmen „Jean of the Joneses“ (2016) und „The Weekend“ (2018) hat Meghie Möglichkeiten ausgelotet, authentische Figuren in dramaturgischen Genreformeln zum Leben zu erwecken. Das gelingt auch in „The Photograph“, da die emotionalen Zwischentöne in den Beziehungen der Figuren lebensnah eingefangen werden. Aus vermeintlichen Kausalketten werden komplizierte Entscheidungen und emotionale Selbstfindungsprozesse, weil Meghie den Figuren genügend Raum gibt, um diese Entwicklung durchzumachen.

Genau dadurch hebt sich „The Photograph“ von gängigen Liebesschnulzen ab. Immer, wenn man der klischeehaften Story nicht mehr folgen will, schafft es die Inszenierung, die Zuschauerin mit authentischen Gefühlen bei der Stange zu halten. Das liegt in großen Teilen an der bedachten Besetzung der beiden Liebespaare: Issa Rae und LaKeith Stanfield entwickeln die Romanze zwischen Mae und Michael mit einem filigranen Repertoire aus scheuen Blicken, Mienen und Gesten, die weit über die schmachtenden Standards hinausgehen. Auf ihrem ersten Date wird eine ungelenke Unterhaltung über das Für und Wider verschiedener R&B-Musiker schnell zu einem tänzelnden Umkreisen und Ausloten von Gemeinsamkeiten.

Was das Leben eben so bringt

Doch sind es vor allem die Nebenfiguren, die „The Photograph“ eine Seele einhauchen. Chanté Adams spielt Christina als zugleich verletzliche und doch resolute junge Frau, die sich entgegen ihrer ersten Verliebtheit für ihre Leidenschaft und die Fotografie entscheidet. Als Christinas Bus nach New York und in ihr neues Leben abfährt, fasst Chanté Adams die abfallende Anspannung in einem ihren ganzen Körper ergreifenden Prickeln, das in ein strahlendes Grinsen mündet. Rob Morgan spielt den gealterten Isaac. Hinter seinem zurückhaltenden Blick mischen sich ein melancholisches Bedauern über die verflossene Liebe und eine über die Jahre gewachsene Genügsamkeit mit dem, was das Leben eben so bringt. In all der Trauer über verpasste Chancen liegt hier dennoch eine heilsame Bescheidenheit.

Wie in der Realität scheitert die Liebe in beiden Erzählsträngen nicht an großen Umwälzungen, Tragödien oder einem niederträchtigen Betrug, sondern schlichtweg am Leben selbst. Das macht die Figuren nahbar und lebendig. Vor allem an Michael und Mae wird deutlich, dass Liebesfilme mehr einfangen können als Figuren, die sich wie Teenager zum ersten Mal verlieben. Daher prallen hier eben keine verklausulierten Systeme aufeinander, sondern zwei ausgereifte Persönlichkeiten mit eigenem Selbstverständnis und gewachsenen Erwartungshaltungen, die zeigen, was Liebe eigentlich ist: ein ständiges Aushandeln, ein Oszillieren zwischen Annäherung und Wegdriften. Diesen Schwebezustand zwischen Individuum und Partnerschaft fängt Stella Meghie authentisch ein und macht aus einer klischeehaften Prämisse einen liebenswerten Film.

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