Abenteuer | USA 2020 | Minuten

Regie: Kenneth Branagh

Ein hochintelligenter 12-Jähriger gelangt beim Versuch, seinen entführten Vater zu retten, in Kontakt mit einer geheimen Welt des "Kleinen Volkes": Elfen, Zwerge, Kobolde usw., die ein unterirdisches Reich bewohnen und neben Magie auch über avancierte Technik verfügen. Aus der zunächst konfliktreichen Begegnung erwächst eine Freundschaft mit einer mutigen Elfen-Polizistin. Die Verfilmung des ersten Bandes eines Fantasy-Zyklus von Eoin Colfer verschenkt durch den Versuch, die freche Vorlage zu mainstreamigem Family Entertainment zu machen, nahezu den kompletten Charme der Bücher und schafft weder dramaturgisch noch in Sachen Figurengestaltung einen überzeugenden eigenen Ansatz. - Ab 12.

Filmdaten

Originaltitel
ARTEMIS FOWL
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2020
Regie
Kenneth Branagh
Buch
Conor McPherson · Hamish McColl
Kamera
Haris Zambarloukos
Musik
Patrick Doyle
Schnitt
Matthew Tucker
Darsteller
Ferdia Shaw (Artemis Fowl II) · Lara McDonnell (Holly Short) · Josh Gad (Mulch Diggums) · Nonso Anozie (Domovoi Butler) · Tamara Smart (Juliet Butler)
Länge
Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Ab 12.
Genre
Abenteuer | Familienfilm | Fantasy | Literaturverfilmung

Ein hochintelligenter 12-Jähriger gelangt auf der Suche nach seinem verschwundenen Vater in Kontakt mit einer geheimen Feenwelt. Verfilmung des ersten Bandes eines Fantasy-Zyklus von Eoin Colfer.

Diskussion

Die Iren wussten es schon immer: Wir sind nicht allein! Unterirdisch lebt das sogenannte „Kleine Volk“ – Feen, Elfen, Wichtel, Zwerge und was es sonst noch so gibt. Der Schriftsteller Eoin Colfer hat mit seinem Fantasy-Zyklus „Artemis Fowl“ eine schöne Neuinterpretation dieser Sagengestalten entworfen: Statt Höhlen in grünen Hügeln bewohnen diese Wesen unterirdische Metropolen wie etwa Haven City. Den Menschen sind sie nicht nur dank der Magie, sondern auch durch ihre avancierte und umweltfreundliche Technologie überlegen. Als weitgehend friedliebende Zeitgenossen wollen sie es aber nicht auf eine Konfrontation mit den Oberirdischen ankommen lassen, sondern halten ihre Existenz geheim. Dazu trägt auch die ZUP bei, die Zentrale Untergrundpolizei, die darüber wacht, dass es keine „Feindberührung“ mit Menschen gibt oder im Notfall eine Erinnerungslöschung à la „Men in Black“ durchgeführt wird. Bis ein naseweiser Teenager namens Artemis Fowl auftaucht und eine Beziehung zum Kleinen Volk beginnt, wie sie noch kein Mensch vor ihm hatte.

„,Stirb langsam‘ mit Elfen“

Der erste „Artemis Fowl“-Band erschien 2001, weshalb die Reihe von Anfang an im Schatten von „Harry Potter“ stand. Als fantastisch überhöhte Geschichte vom Erwachsenwerden besitzt Colfers Werk zwar in der Tat weniger existenziellen Tiefgang als das voluminöse Epos von Joanne K. Rowling, doch gelungene Genre-Literatur ist es allemal: einfallsreich, mit viel Witz geschrieben und mit cineastisch anmutender Action gewürzt – „,Stirb langsam‘ mit Elfen“ ist eine vielzitierte „Tagline“, wobei es angesichts von Colfers Liebe für High-Tech-Gimmicks und Agentenfilm-Standardsituationen ein Vergleich mit „Mission Impossible“ noch besser trifft.

Ein solcher Stoff verfilmt sich fast von selbst, sollte man meinen. Dass es trotzdem vergleichsweise lang gedauert hat, bis eine Adaption in Angriff genommen wurde – 2013 gab Disney erstmals entsprechende Pläne bekannt – ist verwunderlich, da die Reihe, wenn auch nicht so erfolgreich wie „Harry Potter“, doch eine große internationale Fangemeinde für sich gewinnen konnte. Angesichts des Resultats macht sich jetzt allerdings der Eindruck breit, dass Hollywood vielleicht schlicht nicht wusste, was es von „Artemis Fowl“ halten sollte.

Eine moralisch gereinigte Version

In den Büchern beruht der Charme der Hauptfigur vor allem darauf, dass Artemis Fowl keineswegs ein reiner, grundguter Held ist, wie ihn die Fantasy-Literatur seit Tolkiens Frodo kennt, sondern seine literarische Karriere als echtes Rabenaas beginnt: als altkluger Spross einer Verbrecherdynastie, der vor Wenigem zurückschreckt, wenn es um die Interessen seiner Familie geht. Artemis Fowls erstes Abenteuer mit den Unterirdischen kreist darum, dass der Junge eine Elfe der ZUP, Holly Short, kidnappt und einen ausgeklügelten Plan ins Rollen bringt, um Gold vom Kleinen Volk zu erpressen; im Laufe seiner Begegnungen mit den Unterirdischen entdeckt Artemis dann jedoch zu seiner eigenen Überraschung sein Gewissen und sein Herz und knüpft eine spannungsvolle Freundschaft zu den Unterirdischen und vor allem zu Holly an, in der wachsende Sympathie sich am bleibenden Misstrauen der Unterirdischen und Resten von Artemis‘ alter Skrupellosigkeit reibt. Das war Disney wohl etwas zu viel kriminelle Energie fürs „Family Entertainment“.

Deshalb haben die Drehbuchautoren eine moralisch gereinigte, aber auch sterbenslangweilige Version erstellt, in der die Hauptfigur kein Mini-Moriarty mehr sein darf. Artemis’ Vater (Colin Farrell) ist jetzt ein Freund der Unterirdischen und hat zusammen mit einem ZUP-Agenten ein mächtiges magisches Artefakt in Sicherheit gebracht; dafür wurde er von einer größenwahnsinnigen Wichtelin (ein Import aus Band 2) entführt, um Artemis junior zu erpressen, der das Artefakt finden und an sie ausliefern soll. Um diese Aufgabe erfüllen zu können, kidnappen Artemis und sein Leibwächter Butler ihrerseits Holly Short (Lara McDonnell), um damit die Unterirdischen zu nötigen, bei der Beschaffung zu helfen. Womit der Film holprig in die im Buch vorgegebene Action-Handlung einspurt, die darum kreist, wie die Unterirdischen Fowl Manor belagern, und Artemis darum ringt, im sich entspinnenden Chaos, bei dem auch ein Troll und der Zwergendieb Mulch Diggums (Josh Gad) mitmischen, den Überblick zu behalten.

Es fehlt der freche Geist der literarischen Vorlage

Vielleicht wäre aus dieser Story sogar ein halbwegs liebenswerter Fantasyfilm herauszuholen gewesen, wenn das Drehbuch und die Regie von Kenneth Branagh es vermocht hätten, das fantastische „World Building“ attraktiv zu gestalten und etwas von Colfers Humor und den Eigenheiten des sich unentwegt kabbelnden Figurenensembles in den Film hinüberzuretten. Doch sowohl die Welt von Haven City wie auch die Figuren, etwa Hollys cholerischer Vorgesetzter Commander Root (hier als weibliche Version von Judi Dench verkörpert), der Technik-As-Zentaur Foaly (Nikesh Patel), Artemis’ Leibwächter Butler (hier als Schwarzer statt als Eurasier durch Nonso Anozie besetzt) oder der erstaunliche Mulch sind so oberflächlich-knapp gezeichnet und so weitgehend von ihren Schrullen bereinigt, dass sie ähnlich wie Artemis nur als Schatten ihrer selbst erscheinen.

Der Buchvorlage treu ist der Film darin, dass er öfters die Perspektive wechselt und mal Artemis, mal Holly ins Zentrum stellt – was im Rahmen einer Spielfilm-Dramaturgie im Gegensatz zum Roman allerdings arg hektisch wirkt und mit dazu beiträgt, dass die Handlung überfrachtet und zerfasert ist. Dass Mulch in einer sinnfreien Rahmenhandlung auch als Erzähler herhalten muss, um Informationen über die fiktive Welt beizusteuern, lässt die Verfilmung ebenfalls nicht pfiffiger erscheinen. Bleibt eigentlich nur die Action. Mit ihr hält die Inszenierung den Film einigermaßen am Laufen, allerdings mit einer Tendenz, den mitunter makabren Witz und die deftige Körperkomik der literarischen Vorlage durch steriles Effekte-Blitzgewitter zu ersetzen.

Da wünscht man sich, wie in einem der späteren „Artemis Fowl“-Bände, eine Zeitreise als Lösung: Bitte nochmal zurück ins Jahr 2013, als Disney an dem Projekt zu arbeiten begann! Um ein Drehbuch schreiben, das mehr vom frechen Geist des Originals einfängt.

Kommentar verfassen

Kommentieren