Dokumentarfilm | Deutschland 2019 | 82 Minuten

Regie: Jasco Viefhues

1979 zog der Bergarbeiter-Sohn Jürgen Baldiga (1959-1993) aus dem Ruhrgebiet nach West-Berlin, wo er in die Schwulenszene eintauchte und ihre Akteure auch dann noch fotografierte, als das HI-Virus seinen Freundeskreis dezimierte. Aus dem Nachlass des Fotografen, der von AIDS Betroffene durch seine Kunst aus der Anonymität in die Öffentlichkeit holte, rekonstruiert der Film die Chronik eines doppelten Aufbegehrens, das die Krankheit offensiv thematisierte und das Versagen einer Gesellschaft anprangerte, in der AIDS viel zu lange an den Rand gedrängt wurde. - Sehenswert ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2019
Regie
Jasco Viefhues
Buch
Jasco Viefhues
Kamera
Hendrik Reichel
Schnitt
Reinaldo Pinto Almeida
Länge
82 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 16.
Genre
Dokumentarfilm

Doku über den Fotografen Jürgen Baldiga (1959-1993), der mit seinen Bildern über Menschen, die an AIDS starben, das Versagen der Gesellschaft anprangerte.

Diskussion

„Mit jeder Zigarette, die wir rauchten, wurden wir einer weniger“, berichtet eine männliche Stimme aus dem Off. Sie meldet sich immer wieder zu Wort und gibt die Einträge aus dem Tagebuch von Jürgen Baldiga (1959-1993) wieder, Fotograf, Musiker, Amateurfilmer und nicht-akademischer Maler, der 1993 mit 34 Jahren an AIDS verstarb. Unterbrochen wird die Stimme vom düsteren Synthie-Avantgarde-Sound der 1980er-Jahre, kurz bevor Techno den Zeitgeist hedonistisch aufhellte.

Körperlichkeit & Kreativität

Auf den Musikschnipseln ist Baldigas echte Stimme zu vernehmen. Sie lässt keinen Zweifel daran, dass er die Provinz bewusst hinter sich gelassen hatte und die Freiheit in der Noch-nicht-Hauptstadt Berlin aus vollen Zügen genießen wollte. Für ihn bedeutete dies vor allem, Sex, Intensität um jeden Preis, Körperlichkeit und auch eine Prise kreativen Output. Kurz vor dem Ende dieser rasenden Existenz notierte Baldiga prahlerisch, dass er 4000 Männer geliebt habe. Ähnlich viele Grabkreuze tauchten zuvor in einem Kurzfilm auf, den er für eine Anti-Aids-Kampagne gedreht hatte.

1979 zog der Bergarbeiter-Sohn aus dem Ruhrgebiet nach West-Berlin, tauchte in die Schwulenszene ein, porträtierte in dokumentarischen Schwarz-weiß-Fotografien ihre Akteure und hörte damit auch nicht auf, als HIV seinen Freundeskreis zu dezimieren begann.

Drei Jahrzehnte später begibt sich der Regisseur Jasco Viefhues (Jahrgang 1980) auf seine Spuren. Er findet sie im Archiv des Berliner Schwulen Museums zwischen endlosen Regalen, wo der Nachlass von Baldiga verwahrt wird, flankiert von Selbstporträts und Aufnahmen, die andere bis zu seinem zuletzt selbst gewähltem Morphium-Tod von ihm gemacht haben. Weggefährten ordnen die Archivstücke in den Kontext des AIDS-Traumas ein, teilen persönliche Erinnerungen an die vielen Begräbnisse, die sie beinahe täglich zu absolvieren hatten und die der Trauer keinen Raum mehr ließen.

Offensiver Umgang mit dem Tabu

Nur wenige Infizierte trauten sich zu Beginn der 1990er-Jahre, ihre Erkrankung bekannt zu machen. Diejenigen, die diesen Schritt wagten, holte Baldiga aus der Anonymität heraus und lichtete sie mit allen Krankheitsstigmata ab. Da war er längst selbst von der Krankheit betroffen und pflegte einen offensiven Umgang mit dem Tabu. Der war auch nötig, denn die Politik scheute noch die Bewilligung von Hilfsgeldern für spezielle Pflege, Hospize oder teure Medikamente, die den Verlauf verlangsamten. Einige Ärzte boten aktive Sterbehilfe an, erfährt man, aber nur in der Illegalität.

Jürgen Baldiga, unermüdlicher Teilnehmer des Christopher-Street-Days und von Protestveranstaltungen gegen Aids-Diskriminierung, reagierte auf den Zerfall seines Netzwerks mit einer zunehmenden Faszination für Todesmotive. Er fotografierte sich selbst verzweifelt, auf Friedhöfen oder in der Pose von Caravaggio-Gemälden. „Wie macht man ein Feuer, das den Tod verkraftet?“, fragte er sich in seinem Tagebuch mit lyrischer Wut, zunehmend getroffen vom eigenen körperlichen Verfall, der seine bisherige Identität als attraktiver Traumlover in Frage stellte. Er wähnte sich in einer sinkenden Tauchglocke, verwelkend „in einem tiefen klaren See.“

Chronik eines doppelten Aufbäumens

Dank der vielen erhaltenen Dokumente und Filmaufnahmen erlebt man den Prozess dieses subjektiven und zugleich auch kollektiven Verschwindens beinahe körperlich nahe mit. Der behutsam collagierende Film fängt den Aufbruch der Jugend ebenso stimmig ein wie die plötzliche Vollbremsung, die in Folge der HIV-Krise Lebensläufe unerwartet schnell verkürzte. Den Überlebenden sitzt der Schock noch immer tief im Nacken, auch wenn sie versuchen, dem Unfassbaren mit Humor nachträglich den Stachel zu nehmen.

Baldigas Chronik des doppelten Aufbäumens, eingefroren in expliziten Aufnahmen von Sex und Krankheit, prangert das Versagen einer Gesellschaft an, die der „Seuche“ viel zu lange eine Relevanz für die Mehrheit absprach und es deshalb vorzog, das Sterben zu verschweigen. Der Film „Rettet das Feuer“ rettet diese Stimme aus der Vergessenheit und macht die Wichtigkeit ihrer Aufbewahrung so unaufgeregt wie erschütternd deutlich.

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