Dokumentarfilm | Deutschland 2020 | 85 Minuten

Regie: Philipp Majer

Fünf Taxifahrer gehen rund um den Globus ihrer Arbeit nach. Aus ihren Widerfahrnissen und Begegnungen webt der dramaturgisch geschickt verdichtete und musikalisch wunderbar orchestrierte Dokumentarfilm ein süß-saures Mosaik aus Befindlichkeiten, intimen Beobachtungen und Überlebenstechniken. Die unaufdringliche Weitung der individuellen Perspektiven auf gesellschaftliche Themen verwandelt die Erzählungen dabei in einen kritischen Spiegel einer unaufhörlich beschleunigten Welt. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2020
Regie
Philipp Majer
Buch
Philipp Majer
Kamera
Philipp Majer
Musik
Tobias Göbel
Schnitt
Philipp Majer
Länge
85 Minuten
Kinostart
11.06.2020
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm

Beobachtungen im Fond von fünf Taxis rund um den Globus, die sich zum süß-sauren Mosaik einer beschleunigten Welt verbinden.

Diskussion

„Unvorhersehbar, nie langweilig, unwiderstehlich“: So beschreibt die Berlinerin Bambi ihren Job als Taxifahrerin. Die schwarzgekleidete Blondine kutschiert ihre Kunden mit Vorliebe nachts zu den Party-Hotspots der Hauptstadt. Mal diskutiert sie mit ihnen über die neuesten Musiktrends, mal über die Strategien, mit denen man als Schotte ins begehrte Berghain kommt. Mitunter muss sie sich auch Avancen eines lesbischen Pärchens erwehren, das ihr unverblümt einen flotten Dreier anbietet. Bambi meistert auch diese Situation mit bemerkenswerter Selbstsicherheit, spricht aber auch von Einsamkeit und dem Wunsch, einer der attraktiveren Kunden möge den Mut haben, sie anzurufen, nachdem er sich im nächtlichen Rausch ihre Privatnummer eingesteckt hat.

Einmal um den Globus in 24 Stunden

Wer schon immer eine Fortsetzung von Jim Jarmuschs „Night on Earth“ vermisst hat, bekommt mit „World Taxi“ eine dokumentarische Variation geboten, die sich vor dem Vorbild nicht zu verstecken braucht. Regisseur Philipp Majer (Jahrgang 1982) verwebt fünf über den Globus verteilte Erzählstränge eines 24-Stunden-Arbeitstags zu einem süß-sauren Mosaik aus Befindlichkeiten, intimen Beobachtungen und Überlebenstechniken, dramaturgisch getaktet und ins Universale überhöht entlang von atmosphärischen Slow-Motion-Einsprengseln, die stets vor einem Kontinent-Wechsel eingeschoben werden. Die Kamera verweilt dabei über weite Strecken in den Taxis, wagt sich gelegentlich aber auch auf die Straße, während einer Pause am Imbissstand oder zum sonntäglichen Spaziergang.

Während das hedonistische Berlin ohne materielle Sorgen auszukommen scheint, treiben die Menschen in Senegal handfeste Probleme um. Selbst der Einstieg in ein Taxi zieht sogleich eine Diskussion über gestiegene Preise nach sich und die Aufforderung an den noch jungen Mamadou, die Bezahlung der Fahrt preiswerter zu gestalten. Kaum sitzen Frauen im Fond des Wagens, beginnt eine Debatte über die Kunst des männlichen Fremdgehens und die Vorteile einer Vielehe. Manch einer kann sich diesen Lebensentwurf nur als Arbeitsmigrant in Europa vorverdienen. Aber davon kann der Taxi-Philosoph Mamadou nur abraten. In der Fremde beginne man immer bei null, da man die Verhältnisse des Landes nicht kenne. Da kämpfe er sich lieber durch die staubigen Straßen von Dakar, wo zwar niemand Regeln respektiere, aber jeder Pop-Song um das Zusammensein mit den besten Frauen kreist.

Die Armut zwingt zur Prostitution

Der asiatische Kulturraum gibt sich nicht so schnell geschlagen. Tony, der Taxifahrer aus Bangkok, hat schon manch eine Initiative ergriffen. Jahrelang schuftete er auf einem Kreuzfahrtschiff für wenig Geld. Jetzt kann er immerhin mit seiner Frau telefonieren und parallel ein Schwätzchen mit den Fahrgästen über fehlende Meinungsfreiheit, die unsinnigen Militärausgaben der Regierung oder die grassierende Prostitution halten. Obwohl es offiziell immer noch illegal sei, wären Frauen und Männer durch die Armut gezwungen, ihre Körper zu verkaufen, konstatiert er abgeklärt.

An der Grenze zu Mexiko spielen sich ähnliche Dramen ab. Drogenhandel und Morde verhindern einen funktionierenden Arbeitsmarkt in Juárez. Die Bewohner verdingen sich deshalb zu Niedriglöhnen in der benachbarten US-Landwirtschaft und nehmen die Anfeindungen dortiger Arbeitsloser in Kauf. Oder sie ziehen wie Sergio nach El Paso und transportieren mit ihrem Taxi adipöse US-Amerikaner, die sich in ihrem Land keine Krankenversicherung leisten können, in mexikanische Krankenhäuser, wo sie ihren Magen verkleinern lassen.

Bill Clinton grüßt von den Plakaten

Konterkariert wird diese beinahe absurde Begegnung von dem Massenmord in Las Vegas, verursacht durch einen Attentäter, der 2017 vom Hotelfenster aus auf die Besucher eines Festivals schoss. Bevor man gänzlich den Glauben an die Segnungen des American Way of Life verliert, schwärmt in Pristina der Taxifahrer Destan über die gewonnene Unabhängigkeit des Kosovo, flankiert von gigantischen Plakaten von Bill Clinton, die jede zweite Fassade schmücken. Wäre da nicht die Wut über die lokale Korruption und die Angst, dass selbst dieses dysfunktionale System durch einen gewaltsamen Putsch verloren gehen könnte.

Überall dort, wo die jeweilige Konstellation zu banal geraten könnte, schafft es der Regisseur, nicht zuletzt dank seiner klug gewählten Protagonisten, eine gesellschaftskritische Ebene zu integrieren, die das Geschehen um Zeitdiagnostik bereichert, an Orten, zu denen letztlich auch Berlin gehört, an denen das Lachen mangels Perspektiven schnell gefriert, mag die Freiheit des Unterwegsseins auch noch so hoffnungsvoll stimmen. Das gilt auch für die unterlegte Rockgitarren-Musik in ihrem Wechsel zwischen Unaufdringlichkeit und plötzlichem Dröhnen, so unerbittlich, dass man nie wieder in ein Taxi steigen möchte in einer Welt, die sich zwar unentwegt dreht, aber keinen rettenden Ausgang bietet.

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