Krimi | Deutschland 2019 | 86 Minuten

Regie: Christoph Gampl

Ein blinder Killer führt einen Auftrag nicht zu Ende, sondern rettet ein kleines Mädchen und flieht fortan vor der Rache des Auftragsgebers durch Berlin, wobei er dessen Nachstellungen ein ums andere Mal entkommt. Der in bestechendem Schwarz-weiß gedrehte Gangsterfilm erzählt eine simpel gestrickte und streckenweise wie eine Comic-Verfilmung anmutende Geschichte mit vielen Genre-Motiven und -Klischees. Der glänzende Hauptdarsteller und ein engagiertes Ensemble sowie eine dynamische Kamera und filmhistorische Anklänge heben ihn etwas über einen belanglosen Kiez-Krimi hinaus. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2019
Regie
Christoph Gampl
Buch
Christoph Gampl · Boris Naujoks
Kamera
Eeva Fleig
Musik
Greatest Kidz
Schnitt
Christoph Gampl · Markus Schmidt · Marek Weinhold
Darsteller
Kida Khodr Ramadan (Momo) · Blerim Destani (Kadir) · Dunya Ramadan (Junah) · Susanne Wuest (Jessica) · Frederick Lau (Tony)
Länge
86 Minuten
Kinostart
21.05.2020
Fsk
ab 16; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Krimi | Thriller

In Schwarz-weiß gedrehter Gangsterfilm um einen blinden Killer in Berlin, der ein kleines Mädchen verschont und zusammen mit seinem Helfer vor der Rache des Auftraggebers flieht.

Diskussion

Weißer Schaum tanzt auf der Gischt, wenn die Wellen sich schon weit vor dem Strand brechen; aus dem Off sinniert ein Mann auf Arabisch über das Geräusch der Brandung und die Leere nach dem Töten. Aber es ist nur ein Traum. Schnell findet Momo (Kida Khodr Ramadan) wieder in seine Arbeitsroutine zurück: ein Killer, verkleidet als Pizzalieferant, bei einem Job in einer Berliner Mittelschichtswohnung.

Auf der Straße wartet Kadir (Blerim Destani), sein Freund und Kollege, im Auto. Beide hat es aus dem Libanon nach Berlin verschlagen: ein untrennbares Gespann, denn Momo ist zwar einer der Besten seines Fachs, aber: blind. Vielleicht hat er seine beste Zeit wirklich schon hinter sich, wie manche meinen, denn zum ersten Mal erledigt er einen Auftrag nur zum Teil. Er tötet zwar den Mann und die Frau in der Wohnung, aber das kleine Mädchen Junah (Dunya Ramadan) lässt er leben, er nimmt es sogar mit.

Kadir spürt, dass dies Ärger geben wird. Denn nun muss er zusammen mit Momo und dem Mädchen vor dem albanisch-stämmigen Auftraggeber fliehen. Der heuert die blonde Jessica (Susanne Wuest) an, damit sie die drei liquidiert. Die Killerin versucht zunächst, Kadir zu dem Mord zu überreden, doch der lehnt ab. Als sein Spätkaufladen abbrennt, beginnt er aber zu zweifeln. Doch auch Momo bereitet sich auf einen letzten Showdown vor. Die Entscheidung fällt im Fahrstuhl des Hotels und im Boxring.

Ein Potpourri aus Genreklischees

In bestechenden Schwarz-weiß-Bildern überträgt „Man von Beirut“ ein Potpourri von Genreklischees auf eine multikulturelle Zwischenwelt in der Berliner Gegenwart, zwischen Schwarzgeld und illegalen Geschäften, bezahlten Killern, Spielsalons, Box-Clubs, Fitnessstudios, Spätkauf und steinreichen Rap-Musikern. Der Plot ist archaisch: Der bewaffnete Held verweigert dem bösen König den Gehorsam. Weitere klassische Motive kommen hinzu, etwa der Wettstreit zwischen Killer und Killerin, Freundschaft und Verrat sowie der Held und das Kind.

All das vermittelt Regisseur Christoph Gampl durchaus unterhaltsam mit überzeugenden Darstellern: dem im Libanon geborene Hauptdarsteller Kida Khodr Ramadan und seiner Tochter Dunya. Aber auch Susanne Wuest überzeugt als spröde, geheimnisvolle Killerin, ebenso Frederick Lau, Lucas Gregorowicz, Blerim Destani und Mišel Matičević in prägnanten Kurzauftritten.

Der soziale Realismus von „Man from Beirut“ ist einfach gestrickt, die Dialoge stellenweise simpel, fast wie aus einer Comic-Verfilmung. All das hat man schon oft gesehen und gehört – doch der ebenso gutmütige wie grausame Ausdruck des Hauptdarstellers, die eisige Eifrigkeit seiner Kontrahentin und die Vielzahl engagierter Schauspieler tragen dazu bei, dass die Genre-Vorgaben nicht in Langeweile oder Klischees abgleiten.

Eine bestechende Kameraarbeit

Wenn „Man from Beirut“ sich nicht in einem sympathisch-belanglosen Kiez-Krimi erschöpft, liegt das auch an der dynamischen Bildgestaltung von Eeva Fleig, die mit harten Kontrasten und Luftaufnahmen arbeitet, die Geschichte aber auf Augenhöhe der Protagonisten erzählt und wunderbar fließend aus der Gegenwart in filmhistorische Anmutungen des Genres wechselt, etwa wenn Jessica mit dem Rollkoffer die Kolonnaden des Flughafen Tempelhofs entlangläuft oder Momos Heimweh sich metaphorisch in den Wellen bricht.

„Man from Beirut“ besitzt einen trockenen, manchmal fast traurigen Humor und erinnert damit mehr an „I Hired A Contract Killer“ von Aki Kaurismäki als an Tarantinos „Pulp Fiction“. Der Film lebt von seinen Klischees, ist aber keine Genreparodie. Der von Heimweh geplagte Killer Momo überlebt in der kriminellen Schattenwelt nur durch sein Gehör und seine Intuition; in seinem Gleichmut verkörpert er sehr treffend den gesellschaftlichen Pessimismus des „Film noir“. Ein solcher Film kann kein Happy End haben, allenfalls lässt er eine dezente Hoffnung aufschimmern. „Hast du schon einmal etwas vom Libanon gehört?“, fragt Momo das kleine Mädchen. In diesem Moment wird die Brandung farbig.

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