Bones of Contention

Dokumentarfilm | USA 2017 | 75 Minuten

Regie: Andrea Weiss

Auf den Spuren des spanischen Dichters Federico García Lorca, der in den ersten Tagen des Spanischen Bürgerkrieges ermordet und anonym verscharrt wurde, spürt das dokumentarische Essay den Verbrechen der Franco-Diktatur nach. Historisches Originalmaterial, Gespräche und die poetischen Texte von García Lorca verbinden sich zu einer nuancierten Recherche über die Verfolgung insbesondere von Schwulen, Lesben und Transvestiten und wie schwer es der spanischen Gesellschaft immer noch fällt, sich mit den Verbrechen der Franco-Ära auseinanderzusetzen. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
BONES OF CONTENTION
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2017
Regie
Andrea Weiss
Buch
Andrea Weiss
Kamera
Carmen Vidal Balanzat
Musik
Joaquín Turina
Schnitt
Andrea Weiss
Länge
75 Minuten
Kinostart
21.05.2020
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm

Im Spiegel des Schicksals des Dichters Federico García Lorca rekapituliert der dokumentarische Essay den schwierigen Umgang Spaniens mit den Verbrechen der Franco-Ära.

Diskussion

Fast prophetisch spricht der Dichter Federico García Lorca in der „Fabel von den drei Freunden“ von seiner eigenen Ermordung: „Sie durchkämmten Cafés und Friedhöfe und Kirchen. Sie öffneten Tonnen und Schränke. Sie zerstörten drei Skelette, um ihr Zahngold auszubrechen. Sie fanden mich nicht mehr.“ Doch im Morgengrauen des 18. August 1936, einen Monat nach dem Putsch der spanischen Generäle, wurde Federico García Lorca in seiner Heimatstadt Granada von faschistischen Milizen erschossen. Er war das prominenteste Opfer der ersten Kriegstage. In den fast 40 Jahren der falangistischen Herrschaft über Spanien töteten Francos Schergen rund 140 000 Gegner und verscharrten sie in Massengräbern.

Der Dichter und die Faschisten

„Lorca eran todos“ („Lorca, das waren alle“): Die Inschrift auf dem Gedenkstein an dem Massengrab an der Landstraße von Viznar nach Alfacar nahe Granada, in dem zunächst die Überreste des Dichters vermutet wurden, ist für die US-Dokumentarfilmerin Andrea Weiss der Ausgangspunkt von „Bones of Contention“. Darin geht es um die Ermordung des politisch engagierten Schriftstellers, um die Verfolgung von Schwulen, Lesben und Transvestiten während der Diktatur und um die schwierige Auseinandersetzung mit der Vergangenheit in Spanien.

García Lorca verkörpert den kulturellen und politischen Aufbruch während der spanischen Republik, den Wandel tradierter Rollenbilder und auch den Kampf um sexuelle Selbstbestimmung. Weiss erzählt von dieser Entwicklung in einem zerrissenen, zurückgebliebenen Land, die zunächst obsiegte, dann aber den Repressionen des Faschismus zum Opfer fiel, der Homosexuelle als „sozial gefährliche Elemente“ verfolgte. Man steckte sie zur „Umerziehung“ in Gefängnisse oder in die Psychiatrie, während der Nationalkatholizismus das traditionelle Frauenbild wieder starkmachte.

Die Filmemacherin spricht mit Laura García Lorca, der Nichte des Dichters, und Historikern an den Orten seines Lebens und Sterbens in Granada. Sie lässt Opfer der Repression wie Irene Franc oder Antonio Rui zu Wort kommen, die hautnah miterlebten, wie noch im Jahr 1977 die erste Demonstration von Schwulen und Lesben in Barcelona von der Polizei brutal zusammengeknüppelt wurde; Homosexualität war bis ins Jahr 1985, also zehn Jahre nach dem Tod des Diktators, ein strafrechtlich verfolgtes Vergehen.

Späte Beschäftigung mit der Franco-Ära

Es geht in „Bones of Contention“ um die schwierige Auseinandersetzung der spanischen Gesellschaft mit den Verbrechen der Diktatur. Erst sehr spät, um die Jahrtausendwende herum, haben Bürgerinitiativen mit der systematischen Suche nach den Opfern der Diktatur begonnen. Einer der wichtigsten Aktivisten war Emilio Silva, der sich daran erinnert, wie sich aus der familiären Suche nach den Überresten seines Großvaters eine der wichtigsten sozialen Bewegungen in Spanien entwickelte.

„Bones of Contention“ ist ein vielschichtiger, formal allerdings recht klassisch inszenierter Film: Ein Off-Kommentar ordnet Archivaufnahmen und aktuelle Bilder ein; die Statements der Zeitzeugen ermöglichen emotionale Betroffenheit. Und doch unterscheidet sich der Film durch seinen engagierten Ton von vielen konventionellen Fernsehdokumentationen. Die Stimme aus dem Off trägt einen sehr spanischen Akzent in den englischen Text und transportiert dadurch eine verfremdete, fast theatrale Authentizität in den Film. Die Texte García Lorcas und die Aufnahmen aus seinem persönlichen Umfeld schaffen eine sehr poetische Atmosphäre.

Die Gebeine von Federico García Lorca

Unscharf bleibt der Film hingegen bei der Einschätzung der innenpolitischen Situation in Spanien und wie stark die Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit der Vergangenheit von der jeweils regierenden Partei abhängig war. „Bones of Contention“ wurde 2017 uraufgeführt; damals regierte in Madrid noch Mariano Rajoy von der konservativen Volkspartei, die politisch gegen jede Form einer Aufarbeitung der Verbrechen des Franco-Regimes war. Seit Rajoys Sturz im Jahre 2018 hat sich in dieser Hinsicht vieles verändert; zahlreiche Plätze und Straßen, die die Namen prominenter Repräsentanten der Diktatur trugen, wurden umbenannt. Selbst die Überreste des Diktators wurden aus dem faschistischen Mausoleum nördlich von Madrid in ein Familiengrab umgebettet. Auch holten die Angehörigen viele Opfer aus den Massengräbern und verschafften ihnen ein anständiges Begräbnis. Nur die Gebeine von Federico García Lorca wurden bis heute nicht gefunden.

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