Nobody Knows I'm Here

Drama | Chile 2020 | 87 Minuten

Regie: Gaspar Antillo

Ein korpulenter Mann war in seiner Jugend auf dem Weg in den Pop-Himmel, doch die Produzenten wollten nur seine Stimme und ließen einen attraktiveren Frontmann zu seinem Gesang auftreten. Ein tragisches Zusammentreffen ließ beide mit einem Trauma zurück, der Sänger zog sich in ein Einsiedlerleben zurück. Als eine lebhafte Frau auf seine Geschichte stößt, muss er sich seinem Schmerz stellen. Das Regiedebüt entwickelt ein klassisches Melodram zu einer surreal-metaphysischen Seelenanalyse, die tief in die verborgenen Ängste einer geschundenen Seele eintaucht und dort den heilsamen Zauber der Träume entdeckt. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
NADIE SABE QUE ESTOY AQUÍ
Produktionsland
Chile
Produktionsjahr
2020
Regie
Gaspar Antillo
Buch
Enrique Videla · Josefina Fernández · Gaspar Antillo
Kamera
Sergio Armstrong
Musik
Carlos Cabezas
Schnitt
Soledad Salfate
Darsteller
Jorge Garcia (Memo) · Millaray Lobos · Luis Gnecco · Alejandro Goic · Gaston Pauls
Länge
87 Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 14.
Genre
Drama

Mitreißendes Drama um einen Mann, dessen Träume von einer Musiker-Karriere einst scheiterten und der sich nun seinem Schmerz stellen muss.

Diskussion

Manchmal passen Träume in eine Plastiktüte. Für den einsiedlerischen Memo in dem Film „Nobody Knows I’m Here“ von Gaspar Antillo ist das sein selbst genähter Fantasie-Umhang aus Glitzer-Patchwork. Wenn er sich das Kleidungsstück umwirft, fühlt er sich in einer Parallelwelt, in der seine Musikkarriere nicht als Kinderstar endete. Dann bewegt sich der sonst träge trottende Riese plötzlich mit leichtfüßigen Tanzschritten zur Musik aus seinen Kopfhörern und bekommt den Jubel, der ihm vorenthalten wurde.

Diese Momente der Leichtigkeit und des Glücks sind jedoch rar in Memos Leben. Als Jugendlicher war er ein aufstrebender Pop-Star, der die Musikindustrie mit seiner Stimme bezauberte. Doch er war den Produzenten zu korpulent, weshalb sie den hippen Angelo im Fernsehen zu Memos Aufnahmen Playback singen ließen. „Nobody Knows I’m Here“ ist auch der Titel des Pop-Schlagers, mit dem Angelo zu Ruhm aufstieg, für Memo ist er ein bittersüßer Kommentar seines eigenen Daseins im Schatten des Stars. Sein Vater hatte diesen Deal für ihn zugesagt, seiner eigenen Enttäuschung machte Memo in einem spektakulären Wutausbruch Luft, bei dem er Angelo vor laufenden Fernsehkameras angriff und sich zum Hassobjekt aller Fans machte. Seitdem lebt er zurückgezogen auf einer einsamen Insel und hilft seinem Onkel mit der Schaffarm. Seine Stimme benutzt er weder zum Singen noch zum Sprechen und kapselt sich zusehends von seiner Umwelt ab.

Verschanzt hinter einer Fassade aus Heimlichtuerei

Der chilenische Filmemacher Gaspar Antillo erzählt in seinem Debüt „Nobody Knows I’m Here“ Memos Kindheitserinnerungen in körnigen Videoaufnahmen, sein Einsiedlerdasein in düsteren Naturbildern und seine Tagträume in surreal rotes Licht getaucht und verwebt diese drei Erzählfäden eng miteinander zu einem psychologischen Thriller. Memo ist wie besessen von Angelos Karriere und brütet in einem sich nur langsam erschließenden Zustand aus Trauma und Schuld vor sich hin. Scham und Wut haben eine tieftraurige Fassade aus Heimlichtuerei um ihn errichtet, die unüberwindbar scheint. Eine geschundene Seele oder ein dunkles Geheimnis – beides könnte dahinter lauern. Als sein Onkel sich bei einem Arbeitsunfall schwer verletzt, muss Memo gezwungenermaßen aus sich herauskommen und trifft auf die lebhafte Marta, die ihm hilft, sich seinem Schmerz und seiner Geschichte zu stellen.

„Nobody Knows I’m Here“ wurde vom chilenischen Star-Regisseur Pablo Larraín produziert, und dieser hat hie und da Spuren in Antillos Film hinterlassen, ohne dessen eigene Vision zu überdecken. Larraíns politisch-psychologische Poesie weicht hier einer surreal-metaphysischen Seelenanalyse und macht Memo zu einem Pendant von Larraíns scheiterndem Tony-Manero-Imitator in „Tony Manero“. Die düstere Kameraarbeit von Larraíns Weggefährten Sergio Armstrong überzieht Memos Geschichte mit einer unbestimmten Vorahnung, die sich aus der Dramaturgie des Verheimlichens speist. Der große Mann wirkt mit seinem gelben Parka im Wald der regnerischen Insel wie ein Kind aus einem Stephen-King-Roman, an dem böse Kräfte zerren und zehren.

„Lost“-Star Jorge Garcia zeigt seine schauspielerische Bandbreite

Dieses wortkarge Riesenkind spielt Jorge Garcia mit einer solch empfindsamen Anmut, dass auch in Passagen von etwas schablonenhaftem Melodram immer das Persönliche seiner Geschichte durchschimmert. Garcia, der als heimlicher Star des Serienhits „Lost“ (2004-2010) seinen Durchbruch hatte, findet in Memo eine kongeniale Rolle zum Kauz Hurley. Auch der saß oft mit Kopfhörern abseits des Geschehens, versuchte, das Beste aus einer übermenschlichen Katastrophe zu machen und ihr sogar kleine Momente des Glücks abzuringen. Garcia steigert Memos Mimik und Gestik subtil von traurig-brütendem Huschen zu selbstsicherem Schreiten und zeigt unaufgeregt seine schauspielerische Bandbreite. Es ist zu hoffen, dass Garcia fortan wieder öfter zu sehen sein wird.

Memos Kopfhörer und die wie eine märchenhafte Wunderlampe traumrot leuchtende Tüte sind sein Rettungsanker. Dank des mysteriös flimmernden und klingelnden Soundtracks von Larraíns Haus-und-Hof-Komponisten Carlos Cabezas und des Titelsongs, der wie Adam Schlesingers „That Thing You Do!“ Ohrwurmqualitäten hat, wird auch Memos Liebe zur Musik mehr als greifbar. In einer bewegenden Schlussszene versucht Memo den Geist seiner Fantasie endlich zu befreien und für einen kurzen Augenblick Realität werden zu lassen, während der Schlager melancholisch-schmalzig kommentiert: „Here I come, I won’t be long. Feel I’m dreaming all my life. Something’s wrong, I don’t belong. Nobody knows I’m here. Won’t go back, I’m out of sight. Cosmic dust fills the night. No sounds and no lies. Forgot who am I, I can’t find home, I don’t belong. Nobody knows I’m here.“ Allein für diesen zauberhaften Kinomoment ist Gaspar Antillos Film lohnenswert, denn Garcias bescheidene Präsenz lässt ihn so unaufdringlich in Memos Schicksalskitsch aufgehen, dass man sich diesem mit überbordender Rührseligkeit in die Arme werfen möchte.

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