Dokumentarfilm | Deutschland 2019 | Minuten

Regie: Volker Meyer-Dabisch

Dokumentation über Menschen, die sich für ein Leben außerhalb gesellschaftlicher Normen und Zwänge entschieden haben. Der Interviewfilm stellt verschiedene Ausstiegsmodelle vor und bietet als Reigen origineller Charaktere vor allem Einblicke in unterschiedliche Ansätze und Mentalitäten. Der Film setzt weniger auf eine schlüssige Dramaturgie als auf die Wirkung der Protagonisten, vorwiegend Männer, die als asketische Eremiten anscheinend die Freiheit gefunden haben, nach der sie sich sehnen. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2019
Regie
Volker Meyer-Dabisch
Buch
Volker Meyer-Dabisch
Kamera
Esther Dittmann
Musik
Gloomy Stars
Schnitt
Volker Meyer-Dabisch
Länge
Minuten
Kinostart
02.07.2020
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm

Dokumentation über verschiedene Ausstiegsmodelle von Menschen, die sich für ein Leben außerhalb gesellschaftlicher Normen und Zwänge entschieden haben.

Diskussion

Leila und Thibault wohnen in einem Lkw und erwarten ihr erstes Kind. Es soll in Berlin zur Welt kommen. Die beiden gehören zum Kinder- und Jugendzirkus Cabuwazi, träumen aber von einer eigenen Zirkusjurte, um durch Europa und Asien zu reisen und Workshops und Projekte zu realisieren. Noch extremer ist der Minimalist: Sein gesamtes Hab und Gut passt in einen kleinen Rucksack. Flieger lebt hingegen in einem Teepee an der Spree, zusammen mit einer wechselnden Schar Gleichgesinnter und einer Handvoll Touristen. Das winzige Zeltdorf mit Bar und Bühne mitten in Berlin ist eine Oase der Ruhe und Entspannung; Flieger kann sich allerdings auch wehren, wenn missliebige Gäste nicht gehen wollen.

Öff Öff ist seit 30 Jahren Schenker – er verschenkt, was er hat, und nimmt kein Geld, sondern lediglich Geschenke an. Er erklärt sein Prinzip einer basisdemokratisch aufgebauten Gesellschaftsordnung, die auf der Selbstverantwortung des Einzelnen fußt, und verweigert sich einer gesetzlich begründeten Gemeinschaft, zu der auch der Staat zählt. Der Fotograf Thilo lebt als Dachzelt-Nomade und fährt mit seinem Auto von einem Auftrag zum nächsten, womit er zum Vorreiter einer neuen Bewegung wurde: Er veranstaltet Dachzelt-Camps und -Festivals. In Interviewform vorgestellt werden außerdem Ansätze für nachhaltige Lebensformen wie das Projekt „Mein Grundeinkommen“, „Food Sharing“ oder das (illegale) Containern sowie ein Zentrum für Karriereverweigerung.

Der Regisseur sucht selbst einen neuen Lebensansatz

Als lockerer roter Faden dient Regisseur Volker Meyer-Dabisch die eigene Suche nach einem neuen Lebensansatz. Zur Untermauerung seiner Vorsätze schläft er offenbar während der Dreharbeiten im Kofferraum seines Kombis, mit dem er von Station zu Station reist; nur manchmal übernachtet er in einem Zelt bei den Protagonisten. Das alles wird aber nicht weiter thematisiert; der Filmemacher spricht nicht über seine Erfahrungen; unklar bleibt auch, ob er tatsächlich aus seinem bisherigen Leben aussteigen möchte oder dies lediglich vorgibt, um mit seinen Interviewpartnern ins Gespräch zu kommen.

Ansätze eines autobiografischen Dokumentarfilms sind in „Sonne im Herzen“ zwar vorhanden, doch Meyer-Dabisch nimmt im Verlauf des Films eine immer stärkere Beobachterfunktion ein, während seine persönliche Geschichte und die möglichen Beweggründe seines Ausstiegs in den Hintergrund rücken. Stattdessen liegt der Fokus auf den Interviewpartnern und damit auf „Talking Heads“.

Diese dramaturgische Unentschlossenheit sorgt dafür, dass die Reihenfolge der Stationen recht beliebig wirkt. Den Protagonisten wird dadurch kein Gefallen getan: Sie verblassen zu einem Sammelsurium mehr oder weniger origineller und sympathischer Persönlichkeiten. Es gibt keine Höhen und Tiefen, keine Steigerung und keine Entwicklung. Dennoch bleibt die Absicht spürbar, eine durchgängige Rahmenhandlung zu erschaffen, die als Klammer dient. Die angeblich unbeabsichtigte Entdeckung einiger Protagonisten wirkt dagegen extrem gewollt und gekünstelt; offenbar soll man glauben, dass Meyer-Dabisch zufällig mit der Kamera unterwegs war.

Meist bleibt es bei den gegenwärtigen Lebenumständen

Abgesehen von solchen handwerklichen Schwächen gibt es durchaus positive Aspekte, denn einige Gesprächspartner haben viel zu erzählen, und man hört ihnen gern zu. Merkwürdigerweise geht es dabei kaum um die Einsamkeit, die das Leben außerhalb der Gesellschaft und ihrer Regeln mit sich bringt. Viele dürften durchaus eine Familie haben: Ehepartner, Kinder, Eltern; doch die scheinen weder für den Filmemacher noch für seine Interviewpartner von Bedeutung zu sein. Die meisten Gespräche drehen sich um die gegenwärtigen Lebensumstände, es geht um die Erfüllung der Grundbedürfnisse im Hier und Jetzt, nur selten um Gedanken ans Alter oder an Krankheiten. Diese raren Momente sind in ihrer Ehrlichkeit und Nachdenklichkeit so erstaunlich wie bemerkenswert – die authentische Wirkung ist enorm, so dass man sich wünscht, es gäbe mehr von dieser gedanklichen Tiefe.

Man gewinnt den Eindruck, dass die meisten Protagonisten mit ihrer selbst geschaffenen und gewählten Freiheit zufrieden sind: Sie sind Eremiten, die sich der Askese widmen, allerdings ohne spirituellen Hintergrund.

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