Action | Südkorea 2013 | 122 Minuten

Regie: Kim Sung-su

In einer südkoreanischen Stadt wird ein Container voll von Migranten entdeckt, von denen nur ein einziger die Reise überlebt hat. Schuld daran ist ein Virus, das sich schnell in der Region verbreitet. Die Regierung stellt die Stadt unter Quarantäne, Chaos breitet sich aus. Nur ein Rettungssanitäter und eine Ärztin können die Epidemie aufhalten und einer politischen Verschwörung entgegentreten. Wirrer und wenig origineller Katastrophenfilm mit schwer übersehbaren Schwächen in der Inszenierung und Figurenzeichnung. Musik und Schnitt sind im Dauereinsatz, verstärken jedoch nur den Eindruck eines grobschlächtigen Dutzendprodukts.

Filmdaten

Originaltitel
GAMGI
Produktionsland
Südkorea
Produktionsjahr
2013
Regie
Kim Sung-su
Buch
Lee Young-jong · Kim Sung-Soo
Kamera
Lee Mo-gae
Musik
Kim Tae-seong
Schnitt
Nam Na-young
Darsteller
Jang Hyuk (Kang Ji-koo) · Ae Soo (Kim In-hae) · Park Min-ha (Kim Mi-reu) · Ma Dong-seok (Jeon Gook-hwan) · Yoo Hae-jin (Bae Kyung-ub)
Länge
122 Minuten
Kinostart
06.08.2020
Genre
Action | Horror | Katastrophenfilm | Science-Fiction | Survival-Film

Ein südkoreanischer Katastrophenfilm über den Ausbruch einer Virus-Epidemie und eine Stadt im Ausnahmezustand, dem sich ein Sanitäter und eine Ärztin entgegenstellen.

Diskussion

Eine Entscheidung zwischen gesundem Geschäftssinn und Opportunismus: Die Busch Media Group bringt den in Südkorea bereits 2013 veröffentlichten Katastrophenfilm „Gamgi“ (etwa: Grippe) von Regisseur Kim Sung-su unter dem neuen Verleihtitel „Pandemie“ erstmals in die deutschen Kinos. Die fiktiven Schreckensbilder sind den realen scheinbar ähnlich genug, um sie im selben Begriff zu fassen. Dabei zeigt der Film gar keine Pandemie; die Geschehnisse bleiben auf den Seongnamer Stadtteil Bundang-gu nahe Seoul beschränkt. Ein Wissenschaftler im Film warnt sogar: „Es droht eine Epidemie!“ Vielleicht ist es ein logischer Schritt für den heutigen Kino-Zeitgeist: Statt den Schlagzeilen mit monatelangem Abstand nachzujagen, werden die Gegenwartsbezüge einfach ad hoc gebildet.

Die „Pandemie“ beginnt mit einem Container voll von Migranten, von denen nur ein einziger die Reise nach Südkorea überlebt hat. Alle anderen sind an einem unbekannten Virus gestorben, der sich in der Region rasant verbreitet. Die Regierung lässt die Stadt absperren und sogar die Mobilfunknetze abschalten. Chaos bricht aus. Der Ausnahmezustand bringt vor allem zwei Helden hervor: Den Rettungssanitäter Jigu (Jang Hyuk) und die Ärztin Kim In-hye (Ae Soo). Gemeinsam stellen sie sich der Krankheit und den fragwürdigen Entscheidungen der Mächtigen entgegen.

Verkauft wird das Versprechen der Aktualität

Eine Produktion, die ohne die Ereignisse der letzten Monate sicher nie in die deutschen Kinos gekommen wäre. Verkauft wird also das Versprechen, dass sich die Realität im Kino unmittelbar fortsetzt. Doch Aktualität war schon immer ein fragwürdiges Kriterium für Film-Qualität, weil es meist nur den Inhalt und selten die Form betrifft. Neue Inhalte verschleiern zu oft die immer gleichen Formen. Aus der Forderung nach (oder dem Versprechen auf) Aktualität spricht auch eine Sehnsucht nach dem Bekannten und Gleichen. Nach einem Kino als Echo der Wirklichkeit, nicht gestaltend und begleitend, sondern nur reproduzierend. Sicher auch nach einer Wirklichkeit, die vom Kino beherrschbar und dramatisch nachvollziehbar, also konsumierbar gemacht wird. Das Chaos des Alltags in drei Akten und mit Happy End. In ihrem bekannten Kapitel über die Kulturindustrie schrieben Horkheimer und Adorno: „Die alte Erfahrung des Kinobesuchers, der die Straße draußen als Fortsetzung des gerade verlassenen Lichtspiels wahrnimmt, weil dieses selber streng die alltägliche Wahrnehmungswelt wiedergeben will, ist zur Richtschnur der Produktion geworden.“

Und tatsächlich: Wenn in „Pandemie“ ein arroganter Politiker lachend verkündet: „Sie haben auch eine Riesenaufregung um die Schweinegrippe gemacht. Und die Todesrate war nicht höher als bei einer normalen Grippe“, dann spiegelt das zweifellos viele Diskussionen der letzten Monate wider. Wo ein Erkrankter hustet und dadurch überdeutlich sichtbare Aerosol-Partikel in einer Apotheke verteilt, erinnert das spürbar an Animationen aus aktuellen Nachrichtensendungen.

Die Masse als Gefahr

Nur die melodramatische Kino-Katastrophe mit Helden und Rettungen in letzter Sekunde ist dann eben ausgeblieben. Im Film rast ein Auto in eine Tankstelle, die gewaltige Explosion lässt eine Gruppe von diskutierenden Ärzten zusammenzucken. Menschen spucken Blut gegen Autoscheiben und durch Supermarktgänge, Aufstände und Ausschreitungen verwüsten die Stadt. Die Masse als Gefahr, als immer Gewalt ausübender oder erfahrender Körper. Gesichts- und geistlos stürmt sie voran, fast wie in einem Zombiefilm. Sie haben kein eigenes Leben, sondern werden immer von äußeren Kräften und symbolischen Gesten gesteuert.

Natürlich werden die Hauptfiguren aus dieser gleichförmigen Öffentlichkeit gehoben, vor der Menschheit muss erst einmal eine Familie gebildet und gerettet werden. Vor allem Kim In-hyes Tochter Mi-reu (Park Min-ha) gerät immer wieder in Gefahr. Ein typisches Katastrophenfilm-Szenario. Die Regierung versagt, verstrickt sich in Zuständigkeitsfragen und Machtkämpfe. Falschverstandener Utilitarismus führt zu inhumaner Grausamkeit. So wird dann die Verwandlung einfacher Bürger in Helden notwendig. Individualismus triumphiert über Vermittlung und Demokratie. Das alles vollzieht sich in lächerlich pathetischen Helden-Gesten, die auch in einem Film von Roland Emmerich oder Peter Berg nicht alberner inszeniert würden. Die Hans-Zimmer-artige Musik von Kim Tae-seong tut ihr übriges. Gänzlich von Nuancen und sanften Zwischentönen befreit, kennt sie nur triefende Sentimentalität und donnernde Reiterkorps-Fanfaren.

Atemlose Ereigniswelle

Kein Element des Films bleibt von derartiger Übersteigerung verschont. Die Schauspieler mimen jeden Verzweiflungsschrei und jede Zornkrümmung, als hätten sie sehr viele Filme und sehr wenige Menschen mit starken Empfindungen gesehen. Von den ohnehin nur grob umrissenen Figuren bleibt wenig. Die Handkamera schaukelt und schlingert, als gäbe es etwas zu verheimlichen, und die schon 2013 veralteten Spezialeffekte zeigen, dass diese Annahme wohl nicht ganz falsch ist. Der Schnitt soll die atemlose Ereigniswelle ordnen. Die seit Star Wars im Blockbuster übliche Schwundstufe von D.W. Griffiths Montagetechnik nimmt hier noch den dramatischsten Momenten ihre Kraft. Um die Verbindung zwischen den vereinzelten Situationen darzustellen, wird hochfrequent hin- und hergeschnitten, bis der Film letztlich zum Trailer seiner selbst wird. Allein, was anderswo mitreißt und enthusiasmiert, offenbart sich hier überdeutlich als aufdringlicher Effekt.

Was weckt die Krise in den Menschen? Die Sehnsucht nach heldenhaften Einzelkämpfern sicher nur in wenigen Fällen. Zumal in „Pandemie“ jeder Mensch, der sich hervortut, eigentlich nur dazu dient, einen anderen zu negieren. Helden und Schurken als Nullsummenspiel. Vielmehr wohl den Traum von einer heroisierten Öffentlichkeit. Vielleicht auch nach empathisch vermittelter Intelligenz, nach dem Verstehen und Einordnen, nach einem Durchdringen der Prozesse, welches die unsichtbare Gefahr sichtbar und greifbar macht. Das alles bietet die lärmig-grobschlächtige Katastrophe in keinem Moment, ebenso wenig wie Intelligenz.

Realismus hat seine Grenzen

In Südkorea sahen „Gamgi“ über 3 Millionen Zuschauer. Selbst mit dem neuen Titel, Ausdruck von Volatilität und plastischer Warenförmigkeit, und dem Zeitgeschehen im Rücken, wird er in Deutschland natürlich keine vergleichbaren Zahlen erreichen. (Zumal die deutsche Synchronfassung klingt wie ein ambitioniertes Hobbyprojekt.) Das Kino verspricht die gefahrlose Begegnung mit der Gefahr, und wer nicht gerne mit Serienkillern zusammen Horrorsteifen anschaut, wird wohl auch keine Freude an der beengten Virus-Kino-Erfahrung in Zeiten einer Pandemie haben. Realismus hat seine Grenzen. Der totale Film bleibt ein Fluchtpunkt, der – zum Glück – nie erreicht wird.

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