The Vigil - Die Totenwache

Horror | USA 2019 | 90 Minuten

Regie: Keith Thomas

Ein junger, von einem tragischen Ereignis gezeichneter Mann, der seiner jüdisch-orthodoxen Gemeinde den Rücken gekehrt hat, springt bei einer Totenwache ein. Dort muss er sich gegen einen Dämon behaupten, der sich vom Schmerz seiner Opfer ernährt. Metaphorisch und kammerspielartig erzählt der tief in der jüdischen Kultur und Mythologie verwurzelte Low-Budget-Horrorfilm von der Unüberwindbarkeit eines Traumas. Der ambitionierte Ansatz sowie einige gelungene Schockeffekte verlieren sich jedoch immer wieder in einer unausgegorenen Dramaturgie, die zu oft auf das angsterfüllte Gesicht des Hauptdarstellers und die alles verschlingende Dunkelheit setzt. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
THE VIGIL
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2019
Regie
Keith Thomas
Buch
Keith Thomas
Kamera
Zach Kuperstein
Musik
Michael Yezerski
Schnitt
Brett W. Bachman
Darsteller
Dave Davis (Yakov Ronen) · Menashe Lustig (Reb Shulem) · Malky Goldman (Sarah) · Lynn Cohen (Mrs. Litvak) · Fred Melamed (Dr. Kohlberg)
Länge
90 Minuten
Kinostart
23.07.2020
Fsk
ab 16; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Horror

In der jüdischen Kultur und Mythologie verwurzelter Low-Budget-Horrorfilm über einen jungen Mann, der bei einer Totenwache für einen Verstorbenen mit einem Dämon zu tun bekommt.

Diskussion

Für den abgebrannten Yakov (Dave Davis) ist es ein verlockendes Angebot: 400 Dollar soll er bekommen, wenn er über Nacht den Leichnam eines alten Mannes namens Rubin bewacht. Normalerweise wird das jüdische Ritual der Totenwache zwar von einem Hinterbliebenen übernommen, weil es in diesem Fall aber nur eine demente Witwe gibt, wird die Aufgabe einem „Shomer“ wie Yakov übertragen.

Für den schüchternen, immer leicht nervös herumblickenden jungen Mann wird dieser eigentlich sehr simple Auftrag allerdings zur Kraftanstrengung. Gerade noch haben wir ihn bei einer Selbsthilfegruppe gesehen, in der Aussteiger aus jüdisch-orthodoxen Gemeinschaften auf ein säkulares Leben vorbereitet werden. Für Yakov fühlt sich dieses Leben noch sehr ungewohnt an. Er muss nicht nur lernen, wie Bewerbungen geschrieben werden oder man ein Handy bedient, sondern etwa auch seine Scheu überwinden, eine Frau zum Abschied zu umarmen.

Ein gefundenes Fressen für den Mazzik

Der Job als „Shomer“ bedeutet für ihn deshalb auch die Rückkehr in eine Parallelwelt, von der er sich gerade erst mühsam gelöst hat. Und es wird in Keith Thomas Low-Budget-Horrorfilm „The Vigil – Die Totenwache“ nicht die einzige Herausforderung einer äußerst turbulenten Nacht sein. Denn bald  bekommt Yakov es mit einem Mazzik zu tun: einem Dämon, der sich vom Schmerz seiner Opfer ernährt. Wie der Holocaust-Überlebende Rubin ist auch der schwer traumatisierte Yakov – der meint, am Tod seines jüngeren Bruders schuld zu sein – ein gefundenes Fressen für den bösen Geist.

Die Besonderheit an Thomas’ Debütfilm ist seine tiefe Verwurzelung in der jüdischen Kultur. Angesiedelt ist er im urbanen Mikrokosmos einer überwiegend jiddisch sprechenden Gemeinde, dreht sich um religiöse Rituale und greift auf ein Wesen aus der jüdischen Mythologie zurück. Und auch der Ursprung des Schmerzes von Rubin und Yakov liegt in einer Erfahrung, die von persönlicher Ohnmacht ebenso geprägt ist wie von antisemitischer Gewalt.

Wie konsequent der Film innerhalb dieses Kosmos bleibt, offenbart schon, dass es ihm weniger um eine äußere Bedrohung als um eine innere Zerrissenheit geht. Die spärlich beleuchtete Wohnung im orthodoxen New Yorker Viertel Borough Park wirkt mit ihren flackernden Glühbirnen und polternden Geräuschen zwar wie ein klassisches Geisterhaus, vorwiegend muss sich Yakov aber seiner eigenen Verwundbarkeit stellen.

Das eigentliche Grauen ist ein qualvolles Trauma

Das eigentliche Grauen in „The Vigil“ ist ein qualvolles, unüberwindbares Trauma und der Mazzik, der kaum und meist nur von hinten zu sehen ist, seine Verkörperung. Wenn Yakov etwa aus dem Haus flieht, krümmen sich seine Gliedmaßen vor Schmerz und zwingen ihn, zurückzukehren. Und so wie der böse Geist als Metapher für ein überwältigendes und unauslöschliches Leid dient, so erzählt auch die Befreiungsgeschichte des Films nur vordergründig vom Fluch des Mazziks, tatsächlich aber von der Überwindung einer persönlichen, tief sitzenden Angst.

Wegen seiner starken psychologischen Grundierung wirkt es konsequent, dass sich „The Vigil“ inmitten seines kammerspielartigen Settings auch visuell vor allem auf seinen Hauptdarsteller und ein bedrohlich rumpelndes Sounddesign konzentriert. Nur selten weist etwas aus dieser Situation hinaus – mal ist es etwa eine kurze Rückblende, mal ein Telefonat oder ein Video, in dem Rubin die Natur des Mazzik erläutert. Dass der Film vieles buchstäblich im Verborgenen lässt, mag vor allem eine Budgetfrage gewesen sein und hätte ein guter Anlass für ein geschicktes Spiel mit dem Unbekannten werden können.

Die Wirkung erschöpft sich

Allerdings stolpert Thomas immer wieder über seinen Minimalismus. Statt seine 90 Minuten Laufzeit dafür zu nutzen, tiefer in die Seelenwelt seiner Hauptfigur vorzudringen oder stärker auf genretypische Spannungsmomente zu setzen, verliert er sich immer wieder in Szenen, die etwas zu diffus und planlos mit der unheimlichen Atmosphäre umgehen. Irgendwann hat sich die Wirkung von Yakovs angsterfülltem Gesicht und der alles verschlingenden Dunkelheit dann auch erschöpft. Was neben einem ambitionierten Ansatz und einigen Schockmomenten letztlich bleibt, ist ein Drehbuch mit zu viel Leerlauf.

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