Dokumentarfilm | Deutschland 2020 | 96 Minuten

Regie: Julian Wittmann

Auf der Suche nach Freiheit reisen zwei Brüder aus Oberbayern auf ihren historischen Zündapp-Mopeds von ihrer Heimat bis nach Las Vegas. Das auf der Reise gesammelte dokumentarische Material enthält durchaus atmosphärische Qualitäten und interessante Begegnungen, auf die sich der Dokumentarfilm allerdings nicht verlässt. Stattdessen hat er eine hölzerne und überflüssige fiktive Rahmenhandlung hinzugefügt, die Vorurteile über Provinzialität befeuert und ebenso störend wirkt wie der naive und redundante Off-Kommentar, der von Banalitäten und Klischees geprägt ist. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2020
Regie
Julian Wittmann
Buch
Julian Wittmann
Kamera
Markus Schindler
Musik
Ulrich Wiedemann
Schnitt
Kilian Wiedemann
Länge
96 Minuten
Kinostart
13.08.2020
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm

Dokumentarfilm über zwei Brüder aus Oberbayern, die sich auf ihren historischen Zündapp-Mopeds von ihrer Heimat aus auf den Weg nach Las Vegas machen, um die Freiheit zu suchen.

Diskussion

Zum Beispiel die Sequenz mit dem Hells Angel: Die ist wirklich stark. Irgendwo in New Mexico werden Julian und Thomas, die beiden Zündapp-Fahrer in der Lederhose, nach einer Reifenpanne von einem kräftigen Kerl in Rocker-Kutte aufgelesen. Der erzählt ihnen im Folgenden alle möglichen Stories über sein illegales, „tödliches“ Leben als Club-Mitglied. Und betont so oft, dass ihm alles egal ist – die Polizei, sein Leben, das Leben der anderen, sein Krebs –, dass völlig klar wird, dass eben genau das nicht stimmt. Nur mit Mühe schaffen es Julian und Thomas, ihren anhänglichen und ziemlich gruseligen neuen „Freund“ wieder abzuschütteln.

Wieso verlässt sich „Ausgrissn! In der Lederhosn nach Las Vegas“ nicht auf spannende, vielsagende Begegnungen wie diese? Wieso bloß begingen die Protagonisten und Filmemacher Julian und Thomas Wittmann den fatalen Fehler, eine so plumpe wie öde fiktive Rahmenhandlung um ihre dokumentarischen Aufnahmen aus den USA zu basteln? Wieso jazzt der naive Off-Kommentar ständig Plattitüden zu tollen Erkenntnissen hoch? Und wieso muss alle paar Minuten betont werden, wie „unglaublich“, „verrückt“, „unfassbar“, „absurd“ oder „hirnrissig“ das Projekt ist, mit zwei historischen Zündapp-Mopeds mit Maximalgeschwindigkeit 40 km/h rund 12.000 Kilometer vom oberbayrischen Bad Reichenhall bis Las Vegas zu fahren? Das mag ja so sein – nur können es wohl die wenigsten leiden, wenn ihnen derart penetrant unter die Nase gerieben wird, wie sie etwas zu finden haben sollen. Das ist vielleicht das Hauptproblem an „Ausgrissn!“: Dass es an Raum und Luft für die eigene Wahrnehmung fehlt – ausgerechnet! Wo es doch um Freiheit und die Suche danach in der endlosen landschaftlichen Weite der USA geht.

Die besten Momente sind, wenn Ruhe einkehrt

Tatsächlich gelingen dieser Mischung aus Doku und szenischem Filmteil die besten Momente immer dann, wenn in ihrem dokumentarischen Part Ruhe einkehrt. Wenn sowohl der Off-Kommentar als auch die fiktive Rahmenhandlung in einem oberbayrischen Wirtshaus, wo der Film nach der Rückkehr der beiden Brüder vorgeführt werden soll, gerade Sendepause haben. Etwa wenn Julian und Thomas tagelange Zwischenstation bei dem Selbstversorger James in Arkansas machen, einem lebensklugen Aussteiger – dann entstehen Atmosphäre, sinnliche Eindrücke und eine Ahnung davon, wo eine lange Reise den Reisenden hintragen kann. Oder wenn die Brüder vor einer Ruine herumsitzen und sich darüber unterhalten, ob der Trip eigentlich den eigenen Erwartungen entspricht. In solchen Szenen kommt man den beiden dann auch mal etwas näher.

Der Off-Kommentar nämlich sorgt tendenziell für das Gegenteil: Der wiederholt derart redundant seine zwei, drei Grundgedanken, dass das eher Distanz schafft. Zumal dabei Banalitäten von der Art verbreitet werden, dass „Reisen auch Davonlaufen bedeuten kann“. Diese unbedarfte Haltung mag anfangs noch ganz charmant erscheinen. Sie wirkt aber zunehmend ermüdend, wenn mit großer Ernsthaftigkeit tausendfach abgenudelte Klischees über das „Land of the Free“ (Stichwort „Smalltalk“, „amerikanischer Traum“, „Oberflächlichkeit“) verhandelt werden und die Brüder zudem längst überholten USA-Mythen nachjagen. Auch die fiktive Handlung in der heimatlichen Wirtschaft, die eigentlich nur darauf herumreitet, was die ängstlichen Daheimgebliebenen in ihrer Kleingeistigkeit so alles verpassen, schafft nicht gerade Sympathiepunkte. Damit entsteht der fatale Eindruck, dass das USA-Abenteuer es nötig hat, seine eigene „Größe“ an der vermeintlichen „Kleinheit“ der anderen aufzurichten.

Die Bilder vermitteln Atmosphäre

Was für ein schöner kleiner Film übers Davonfahren und Zurückkommen „Ausgrissn!“ hätte werden können, wenn man die hölzerne Rahmenhandlung und den allzu flach schürfenden Off-Kommentar weggelassen hätte! Die tollen, atmosphärischen Bilder von Kameramann Markus Schindler, der die Brüder auf ihrer Tour begleitete, geben eine Ahnung davon. Das alles ist umso bedauerlicher, als in „Ausgrissn!“ sehr offensichtlich viel leidenschaftliches Herzblut von zahlreichen Non-Professionals steckt.

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