Die Besessenen (2020)

Horror | USA 2020 | 94 Minuten

Regie: Floria Sigismondi

In der Neuverfilmung der titelgebenden Grusel-Novelle von Henry James ist die Geschichte einer jungen Gouvernante, die sich in einem viktorianischen Anwesen um zwei Waisenkinder kümmern soll, in die Gegenwart verlagert. Mit stylischen Bildern und viel Gespür für Zwischenmenschliches spielt die Inszenierung mit Rollenzuschreibungen und Verhaltensmuster, weiß mit dem Horrorpotenzial des Stoffes aber wenig anzufangen, das in lieblosen Schockeffekten und einem wirren Finale verpufft.

Filmdaten

Originaltitel
THE TURNING
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2020
Regie
Floria Sigismondi
Buch
Chad Hayes · Carey W. Hayes
Kamera
David Ungaro
Musik
Nathan Barr
Schnitt
Duwayne Dunham · Glenn Garland
Darsteller
Mackenzie Davis (Kate Mandell) · Finn Wolfhard (Miles Fairchild) · Brooklynn Prince (Flora Fairchild) · Barbara Marten (Mrs. Grose) · Joely Richardson (Darla Mandell)
Länge
94 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 16
Genre
Horror | Literaturverfilmung

Heimkino

Verleih DVD
Universal
Verleih Blu-ray
Universal
DVD kaufen

Eine junge Frau, die in einem alten Anwesen zwei Waisen als Gouvernante betreuen soll, gerät in einen nicht endenden Albtraum. Neuverfilmung von Henry James’ Grusel-Novelle „Die Drehung der Schraube“.

Diskussion

Beim Kofferpacken vermacht Kate (Mackenzie Davis) ihrer Mitbewohnerin zähneknirschend eine zerrissenen Jeans. Für eine angehende „Gouvernante“ ist das kein passendes Outfit. Hals über Kopf hat die junge Frau mit der blonden Bob-Frisur eine Stelle als Hauslehrerin für die Waise Flora (Brooklyn Prince) angenommen. Dabei scheint sie für das Kind eher eine Freundin denn eine Autoritätsperson sein zu wollen. Die langjährige Haushälterin Mrs. Grose (Barbara Marten), die sie durch das gigantisch große Anwesen führt, begegnet Kate derart abschätzig, dass die junge Frau selbst wie ein zurechtgewiesenes Kind wirkt. Und als unvermittelt Floras Teenager-Bruder Miles (Finn Wolfhard) in dem Anwesen auftaucht, nachdem er wegen Gewalt gegen einen Mitschüler vom Internat geflogen ist, stößt Kate schnell an ihre pädagogischen Grenzen.

Mit „Die Besessenen“ versucht sich Regisseurin Floria Sigismondi an einer Neuadaption von Henry James’ 1898 erschienener Grusel-Novelle „The Turn of the Screw“ („Die Drehung der Schraube“). Darin sieht sich eine neue Gouvernante mit geisterhaften Erscheinungen konfrontiert, die auf dunkle Geheimnisse in der Vergangenheit hinweisen. Der Film verlagert die Handlung ins Jahr 1994 und blendet gleich am Anfang eine Nachrichtenmeldung über den Selbstmord des „Nirvana“-Frontmann Kurt Cobain ein. Sigismondi, die zu dieser Zeit vor allem Musikvideos gedreht hat, blickt leicht nostalgisch auf das von der Grunge-Kultur geprägte Jahrzehnt. Besonders Miles wird mit seinem Schlabberpulli und den schwarzen, übers Gesicht hängenden Locken zum Inbegriff melancholischer Rebellion. Er schließt sich in sein Zimmer ein, hört laut Rockmusik oder prügelt auf das Schlagzeug ein.

Auf Augenhöhe im Gothic-Horror-Setting

Zu Flora hat die neue Hauslehrerin dagegen einen besonderen Draht. Weil Kates Mutter in einer psychiatrischen Anstalt lebt, ist auch sie ohne Eltern aufgewachsen. Mit einem besonderen Gespür für die leiseren Töne entwirft die Inszenierung inmitten des Gothic-Horror-Settings eine Begegnung auf Augenhöhe. Während Floras markante Gesichtszüge wie die einer älteren Frau aussehen, wirkt Kates verspielte Mimik betont mädchenhaft. Mit dem provokanten bis feindseligen Miles wird Kate dagegen schwerer fertig. Wenn sie ihm nach einem Streit als Friedensangebot ihr Lieblingsalbum schenkt, wirkt sie fast wie eine Teenagerin, die mit ihrem Schwarm gerade ein Mixtape austauscht. Miles reagiert auf diese Versuche, eine Verbindung aufzubauen, allerdings auf eine passiv-aggressive Art, die latent bedrohliche Züge annimmt.

Mit seinen stylischen Bildern und seinem Gespür für Zwischenmenschliches entwickelt „Die Besessenen“ zunächst durchaus Potenzial, das der Film im weiteren Verlauf aber nur bedingt zu nutzen weiß. Je mehr Kate über die Vergangenheit des Hauses erfährt – über ihre zu Tode gekommene Vorgängerin und den dubiosen Reitlehrer Quint, der für Miles eine wichtige Bezugsperson war –, desto mehr wird sie von Albträumen und Visionen geplagt. Das angemessen gemächliche Erzähltempo weicht dann immer mehr dem erfolglosen Versuch, den Film mit lieblosen Schockeffekten in einen Horrorthriller zu verwandeln.

Keine wirkliche Interpretation der Literaturvorlage

Aber auch die Orientierungslosigkeit, mit der sich „Die Besessenen“ durch die Geschichte schleppt, wird dem Film zum Verhängnis. Dass die literarische Vorlage oft nur auf Andeutungen setzt und einiges – wie die Zuverlässigkeit der Erzählerin – offenlässt, bietet für eine Adaption eigentlich dankbare Möglichkeiten, Aspekte stärker zur betonen und zu interpretieren. Wie wenig der Film diese Chance jedoch nutzt, zeigt sich besonders an Miles. Während der Junge etwas in Benjamin Brittens Opernversion explizit das Opfer von Quints sexuellen Übergriffen ist und in Jack Claytons Verfilmung „Schloß des Schreckens“ (1961) als Wirt von Quints Geist offensiv mit der Gouvernante flirtet, belässt es Sigismondi bei diffuser Bockigkeit und einer nicht näher geklärten Bindung zum dämonischen Reitlehrer.

Tatsächlich greift „Die Besessenen“ schließlich doch noch ein ambivalentes Motiv aus der Vorlage auf und interpretiert es auf eigenwillige Weise. Allerdings in Form eines arg konstruierten und wirr inszenierten Überraschungsendes.

Kommentar verfassen

Kommentieren