Der Überfall - Es geht um mehr als Geld

- | Spanien 2018 | 101 Minuten

Regie: Koldo Serra

Eine alleinerziehende Mutter braucht 35.000 Euro, um einen korrupten Beamten des Jugendamts zu bestechen und so ihre Tochter wiederzusehen. Gerade als sie in einer Bank die letzten Details für einen Kredit abklärt, nehmen zwei Räuber die Anwesenden als Geiseln. Der Thriller beschreibt den Kampf einer hochintelligenten Frau, die alles versucht, trotz der schwierigen Lage die Bank lebend mit ihrem Geld zu verlassen, und überzeugt zudem mit tragikomischen Zwischentönen. Spannung generiert der in den Hauptrollen stark besetzte Film aus den Szenen zwischen den Protagonistinnen, der Unberechenbarkeit der Figuren, der Unvorhersehbarkeit der Geschichte sowie einer Countdown-Dramaturgie. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
70 BINLADENS
Produktionsland
Spanien
Produktionsjahr
2018
Regie
Koldo Serra
Buch
Javier Echániz · Juan Antonio Gil Bengoa · Asier Guerricaechevarría
Kamera
Unax Mendia
Musik
Fernando Velázquez
Schnitt
Josu Martínez
Darsteller
Emma Suárez (Raquel) · Nathalie Poza (Lola) · Hugo Silva (Jonan) · Daniel Pérez Prada (Carlos) · Bárbara Goenaga (Eva)
Länge
101 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 16
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.

Heimkino

Verleih DVD
Koch
Verleih Blu-ray
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Ein spanischer Thriller um einen Banküberfall, der jenseits gängiger Heist-Movie-Pfade wandelt und eine Geisel in den Muttelpunkt rückt, die eine ganz eigene Agenda hat.

Diskussion

Raquel Crespo (Emma Suárez) ist verzweifelt. Die alleinerziehende Mutter will ihr Kind wiedersehen, das Jugendamt verbietet es ihr allerdings. Die einzige Chance: Sie zahlt 35.000 Euro an einen korrupten Beamten, der in der Kinderfürsorge arbeitet. Und so klappert sie eine Bank nach der anderen ab, bis auf ihrer Liste nur noch eine übrig ist und ihr nicht mal ein Tag mehr bleibt. Der dortige Bankmitarbeiter ist zunächst wenig angetan von ihrer Geschichte. Als Raquel jedoch das Grundbuch des Hauses ihrer Eltern, in dem sie drinsteht, herausholt, findet sie doch Gehör. Es scheint alles rechtzeitig zu klappen mit ihrem Kredit. Bis plötzlich zwei Bewaffnete die Bank stürmen, um diese zu überfallen.

Der spanische Thriller, der bereits vor zwei Jahren auf dem Sitges Festival lief, ist hierzulande nun unter dem schlichten Titel „Der Überfall“ erschienen und erinnert auf den ersten Blick vom Titel her an ein Heist-Movie. Doch einen ausgeklügelten Überfallplan, eine spektakuläre Durchführung oder besondere Tricks der Räuber – wie für das Genre üblich – bietet der Film nicht. Die beiden Gangster Jonan (Hugo Silva) und Lola (Nathalie Poza) sind zudem nicht die klügsten Bankräuber. Als recht schnell etwas schiefgeht, müssen sie improvisieren. Doch einen Plan B zu ihrem Plan A (die Bank stürmen, die Anwesenden bedrohen, sich das Geld geben lassen und verschwinden) scheinen sie nicht zu haben.

Eine intelligente Geisel als brillante Strategin

Die Handlung ist zudem nicht aus dem Blickwinkel der Verbrecher erzählt, im Zentrum steht Raquel. Als sie als Geisel wie die anderen an der Wand sitzen muss, lässt sie ihr Ziel weiterhin nicht aus den Augen: Sie braucht das Geld und versucht alles, um es zu bekommen und lebend und mit den 35.000 Euro die Bank zu verlassen. Die, wie in einer Szene gesagt wird, hochintelligente Raquel erweist sich als brillante Strategin, die die Verbrecher manipuliert. Sie bekommt die Bankräuber dazu, dass sie als deren Stellvertreterin mit der Polizei spricht. Und so sagt sie den Beamten nicht nur das, was Lola ihr vorgibt, sondern gibt verschlüsselt noch weitere Informationen heraus.

Raquel erweist sich als klug, zielstrebig, aber auch ein wenig aggressiv. Großartig verkörpert von Emma Suárez, entwickeln sich vor allem zwischen ihr und der etwas psychopathischen und unberechenbaren Lola, gespielt von einer nicht weniger starken Nathalie Poza, intensive, fesselnde Momente. Spannung erzeugt der Thriller zudem durch seine Countdown-Dramaturgie: Nur wenige Stunden bleiben Raquel nach Beginn des Überfalls, bis die Hauptbank um 18 Uhr schließt und ihr das Geld aushändigen kann. Ihr Blick und der der Kamera gehen mehrmals zur Uhr an der Wand in der Bank. Die Minuten werden weniger, die Zeit rennt ihr davon.

Kein klassischer Genrefilm

Neben dem Geschehen zwischen Raquel und den Bankräubern sowie dem Überfall an sich gelingt es Regisseur Koldo Serra, der u.a. bei der Serie „Haus des Geldes“ mitinszeniert hat, Konflikte und Probleme anderer Figuren anzudeuten. Die beiden jungen Polizeibeamten, die die Verhandlungen leiten, müssen sich immer wieder Sprüche der älteren Kollegen der städtischen Polizei anhören. Der Bankmanager versucht, irgendwie mit seiner Sekretärin abzuklären, wie sie finanziell gut aus der Sache herauskommen können. Die osteuropäische Reinigungskraft – ebenfalls eine Geisel – erklärt, wie schrecklich das Leben im gelobten Westeuropa doch sei. Es sind teils tragikomische gesellschaftliche Zwischentöne, die spätestens dann absurd erscheinen, als ein wichtiges Fußballspiel beginnt und alles andere vergessen scheint. Sowohl die Polizisten vor der Bank als auch die Geiseln in der Bank versammeln sich vor Fernsehern, um mit Bilbao mitzufiebern. Diese Szenen fügen sich problemlos in die Erzählung ein.

„Der Überfall“ ist kein klassischer Genrefilm. Anders als in vielen anderen Genre-Vertretern sind die Verbrecher keine Experten auf ihrem Gebiet, es ist kein Hochglanz-Thriller, dessen Coup abläuft wie ein gut geöltes Uhrwerk. Rachel als Hauptfigur, ihr Handeln sowie einige weitere Wendungen machen den Film unberechenbar und unvorhersehbar, ein Spiel mit offenem Ausgang. Da mag am Ende vielleicht nicht alles plausibel sein, der Unterhaltung tut das aber keinen Abbruch.

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