Der Kurier - Sein Leben für die Freiheit

- | Polen 2019 | 113 Minuten

Regie: Wladyslaw Pasikowski

Ein Porträt des Journalisten und Schriftstellers Jan Nowak-Jeziorański (1914-2005), einst ein Kämpfer der polnischen Untergrundarmee, der während der deutschen NS-Besetzung als Verbindungsoffizier zur Exilregierung in London fungierte. Als Kriegs- bzw. Agenten-Drama aufbereitet, verbindet der Film publikumswirksam Action und Emotion und kreist um eine mit reichlich Fantasie ausgeschmückte Episode aus dem Sommer 1944: Nowak wird von der polnischen Exilregierung auf eine gefährliche Mission zurück in die Heimat geschickt; in Warschau soll er die dortigen Patrioten davon informieren, dass die westlichen Alliierten den geplanten Aufstand nicht unterstützen werden, es also angeraten erscheint, diesen Aufstand gegen die Nazi-Tyrannei abzublasen. Vor Ort trifft Nowak allerdings eine andere Entscheidung. Dabei bleibt der Film als Porträt, weil er seine Hauptfigur allzu eindimensional aufs Helden-Podest stellt, etwas blass und spiegelt in seiner Darstellung nicht zuletzt auch das Geschichtsbild der Gegenwart, wenn in die Fabel um den NS-Widerstand gleich auch Anti-Sowjetische Tendenzen einfließen. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
KURIER
Produktionsland
Polen
Produktionsjahr
2019
Regie
Wladyslaw Pasikowski
Buch
Wladyslaw Pasikowski · Sylwia Wilkos
Kamera
Magdalena Górka
Musik
Jan Duszynski
Schnitt
Jaroslaw Kaminski
Darsteller
Philippe Tlokinski (Jan Nowak-Jezioranski) · Julie Engelbrecht (Doris) · Bradley James (Tom Dunbar) · Patricia Volny (Marysia) · Martin Butzke (Steiger)
Länge
113 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 16
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.

Heimkino

Verleih DVD
Capelight/Al!ve
Verleih Blu-ray
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In Polen werden gezielt Filme gefördert, deren Geschichtsbild zu dem passt, was die PiS-Regierung als Nationalbewusstsein fördern will. Dazu gehört auch dieses filmische Monument für den Journalisten und Schriftsteller Jan Nowak-Jeziorański (1914-2005).

Diskussion

Angesichts einiger aktueller polnischer Kinopremieren besteht kein Zweifel, dass das von der rechtskonservativen Regierungspartei PiS gestützte Kulturministerium Filme favorisiert und mit großem Budget ausstattet, die zur nationalen Ertüchtigung beitragen sollen. Gern greifen diese Produktionen auf historische Helden zurück, so wie Michał Rosas „Pilsudski“, das Porträt des Politikers Jozef Pilsudski, der nach seinem Machtantritt 1926 ein Regime errichtete, das er als „moralische Diktatur zur Gesundung des Staates“ bezeichnete und in dem er demokratische Strukturen systematisch aushöhlte: das erklärte Vorbild vonnPiS-Chef Jarosław Kaszynski.
Zu den Ingredienzien dieser Filme gehört nicht zuletzt eine tiefe Russlandfeindlichkeit. In „Die Legionen“ von Dariusz Gajewski beispielsweise, über Jugendliche, die im Ersten Weltkrieg innerhalb der österreichisch-ungarischen Armee für einen eigenen polnischen Staat kämpfen, reißen die Hauptfiguren russische Grenzpfähle nieder. Gefördert wurden solche Filme aus einem eigens eingerichteten Fonds zum hundertjährigen Jubiläum der Staatsgründung Polens im November 1918.

Brisante Nachricht aus London

In die Reihe dieser Arbeiten gehört auch der vom PiS-nahen „Museum des Warschauer Aufstands“ geförderte Film „Kurier“. Regisseur Władysław Pasikowski erinnert darin an den Journalisten und Schriftsteller Jan Nowak-Jeziorański (1914-2005), einst ein Kämpfer der polnischen Untergrundarmee, der während der deutschen NS-Besetzung als Verbindungsoffizier zur Exilregierung in London fungierte. Von den 1950er- bis in die 1970er-Jahre leitete Nowak dann die polnische Abteilung von Radio Free Europe in München.

 Um diese Figur einem großen und jungen Publikum näher zu bringen, wählt Pasikowski eine mit reichlich Fantasie ausgeschmückte Episode aus dem Sommer 1944. Nowak wird von der in London ansässigen polnischen Exilregierung auf eine gefährliche Mission zurück in die Heimat geschickt. In Warschau soll er die dortigen Patrioten davon informieren, dass die westlichen Alliierten den geplanten Aufstand nicht unterstützen werden, es also angeraten erscheint, diesen Aufstand gegen die Nazi-Tyrannei abzublasen.

 Nowaks Odyssee, die mit einem missglückten Fallschirmsprung beginnt, läuft in einer Mischung aus Action und Emotionen ab; Pasikowski hat, seitdem er mit dem Mafia-Thriller „Psy" ("Hunde")“ (1992) einen der publikumsstärksten polnischen Filme der postsozialistischen Ära inszenierte, beste Erfahrungen mit einer solchen Mixtur. Alle paar Minuten gerät der Kurier in neue, schier unüberwindliche Situationen, die er mehr oder weniger spielend, mit Mut und viel Glück übersteht.

 Die Computeranimationen von Luftkämpfen, brennenden Flugzeugen, Schießereien und Explosionen sind zwar nicht unbedingt auf Hollywood-Niveau, erfüllen aber ihren Zweck. Zur Spannungssteigerung erfindet Pasikowski zwei Nebenfiguren: einen jungen Agenten, der SS und Gestapo eine auf Papier gekritzelte Porträtskizze zuspielt und sie so in die Lage versetzt, den Helden sofort nach seiner Ankunft in Polen per Steckbrief zu verfolgen. Und eine als schwedische Femme Fatale getarnte Gestapo-Agentin, die sich bereits in London an ihn heranpirscht und ihm schließlich auch in Warschau gefährlich nahekommt. Diese Konstellation bedient Klischees, wie sie das Kino seit Ewigkeiten nutzt. Zum Glück kennt Nowak nur seine Mission und fällt nicht auf die blonde Gefahr herein.

Der Helden auf dem Podest

Philippe Tłokiński spielt den Kurier als zielbewusste, dabei tugendsame und manchmal auch etwas tollpatschige Figur. Szenen wie die in der er versucht, als Erwachsener endlich das Fahrradfahren zu erlernen, sind leider viel zu selten: Der doch sehr hehre Film hätte an Lockerheit gewonnen, wenn die Autoren ihren Helden vom Podest herab geholt und ihn mit differenzierteren Eigenschaften ausgestattet hätten. Auch die Nazifiguren bleiben vorwiegend dem Schema verhaftet. Dass sie zum Scheitern verurteilt sind, weiß der kundige Zuschauer sowieso aus dem Geschichtsunterricht.
Im Grunde läuft die ganze Verfolgungsjagd auf eine Szene am Schluss des Films hinaus, in der Nowak zur großen pathetischen Rede ausholen darf. Endlich am Ziel, vor den jungen Warschauer Patrioten, erklärt er hier, wie er selbst die historische Lage einschätzt. „Wenn wir“, so beschwört Nowak seine Schicksalsgenossen, „das erste Mal in unserer Geschichte kampflos aufgeben, dann brechen wir den Geist unserer Nation. Dann werden wir das tun, was die Deutschen nicht geschafft haben. Und was auch die Sowjets wahrscheinlich nicht schaffen. Wir werden nicht nur verlieren, sondern aufgeben. Und das geht weiter, bis hin zur totalen Sowjetisierung. Das werden wir teuer bezahlen. Zu Lasten der Generationen, die nach uns folgen...“

Aktuelle Feindbilder aus der Gegenwart

Der Kurier ruft also, wider seinen ursprünglichen Auftrag, zum Aufstand gegen die NS-Besatzer auf. Und erteilt, was in diesem Moment noch viel wichtiger erscheint, auch der vor Warschau stehenden Roten Armee und ihrem System eine Generalabfuhr. Historisch mag eine solche Rede zweifelhaft sein; immerhin setzten viele Warschauer seinerzeit durchaus auf die Hilfe der heranrückenden Armeen Stalins. Doch weil Geschichtsfilme oft weniger über die Ära aussagen, in der sie spielen, und mehr über die Zeit, in der sie gedreht werden, sind die mit heiligem Ernst vorgetragenen Drehbuchsätze durchaus als gegenwärtige Handlungsanweisung zu verstehen: Es scheint, als wolle „Der Kurier“ vor allem den ideologischen Widerstandsschliff gegen den – jedenfalls aus PiS-Perspektive – aktuellen Feind im Osten liefern.

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