Action | Polen 2020 | 105 Minuten

Regie: Patryk Vega

Ein junger polnischer Polizist wird in den Südosten des Landes versetzt, wo er bald zum Paten des Rotlicht-Milieus aufsteigt und mit kompromittierenden Sexvideos die politische Elite kontrolliert. Der an einen wahren Polizeiskandal angelehnte Actionthriller setzt zunächst auf grotesk-morbide Gewaltdarstellungen und düstere Orgien, tritt dramaturgisch zunehmend aber auf der Stelle und mündet in ein verschwörungstheoretisches Szenario, wonach der russische Geheimdienst hinter allem steckt.

Filmdaten

Originaltitel
PETLA
Produktionsland
Polen
Produktionsjahr
2020
Regie
Patryk Vega
Buch
Grzegorz Barlog · Olaf Olszewski · Patryk Vega
Kamera
Norbert Modrzejewski
Musik
Lukasz Targosz
Schnitt
Tomasz Widarski
Darsteller
Antoni Królikowski (Daniel Sniezek) · Piotr Stramowski (Dawid Kostecki) · Monika Ambroziak (Kasia) · Rafal Cieszynski (Marek) · Henryk Talar (Vater)
Länge
105 Minuten
Kinostart
10.09.2020
Fsk
ab 18; f
Genre
Action | Thriller

Temporeicher Actionthriller um einen korrupten polnischen Polizisten, der im Osten des Landes im Rotlicht-Milieu die Strippen zieht, dabei aber dem russischen Geheimdienst aufsitzt.

Diskussion

Patryk Vega, der Pate des zeitgenössischen polnischen Actionfilms, wendet sich in „Petla“ erneut den Verstrickungen zwischen Polizei und organisiertem Verbrechen zu. Mit schnellen Schnitten, tarantineskem Humor und einer Portion Voyeurismus geht es um den sogenannten „Vorkarpaten-Skandal“, der das Land vor einiger Zeit heftig aufwühlte.

Vega wurde im Jahr 2005 mit „Pitbull“ bekannt. Der Film über eine Polizeieinheit zwischen Alltagsfrust und adrenalingeschwängerter Action war so erfolgreich, dass er eine Fernsehserie und zwei Sequels nach sich zog. In seiner mittlerweile 25 Titel umfassenden Filmografie entwickelte Vega ein Erfolgsrezept, das Authentizität mit Action mischt, angereichert mit einer gehörigen Portion Sex und in den Hauptrollen mit gutaussehenden Stars besetzt. Vega setzt auf die Angst des Publikums vor einem Staat, dessen Exekutive sich vor allem selbst bedient. Die Rollen zwischen organisiertem Verbrechen und Polizei verschwimmen, Geheimdienste kontrollieren Politik und Gerichtsbarkeit. Ein undurchsichtiges Spiel, in dem eine korrupte Elite an den Fäden hängt, die sie in der Hand zu halten glaubt. Das Volk bleibt, zwischen Abscheu und Angst, in der Zuschauerrolle.

Die Geschichte von Daniel Sniezek

Meist wird daraus spannende Unterhaltung wie in den „Pitbull“-Filmen oder dem Thriller „Secret Wars“, der sich mit einem ins Leere laufenden Einsatz einer Spezialeinheit beschäftigt. Ihre Kraft beziehen Vegas Filme aus der Lebensnähe der Akteure – Polizisten zwischen Überstunden und Alkoholproblem, die sisyphosartig gegen das Verbrechen ankämpfen und unmerklich die Seite wechseln. Zuletzt schlichen sich in seine Filme allerdings zunehmend James-Bond-Motive ein, etwa in „Frauen der Mafia“, die das Publikum auf der Suche nach der eigentlichen Story mit enormem Variantenreichtum und immer schnelleren Schnitten überforderten.

Ähnlich ist es in „Petla“. Die Geschichte von Daniel Sniezek, dem Sohn einer Polizistenfamilie, der mit „Blut, Schweiß und Tränen“, so sein Vater bei der Vereidigung des Sohnes, die Polizeiarbeit auf der Straße erlernen soll, beginnt als pointenreicher Action-Krimi. Für Daniel geht zunächst alles schief, von einem nicht vereitelten Selbstmord bis zur Konfrontation mit einem Mob aus Wutbürgern, der dem jungen Beamten mit Lynchjustiz droht, wenn er einen tödlich verunfallten Motorradfahrer nicht wieder zum Leben erwecke.

Mächtiger Player hinter den Kulissen

Bis er an die zwielichtigen Zwillinge Alexej und Jewgeni gerät und nach Rzeszów versetzt wird, die Hauptstadt der Wojewodschaft Vorkarpatenland, nahe der Ukraine. Dort inszeniert sich der lokale Polizeichef in den sozialen Medien als harter Hund. Daniel hilft ihm dabei; zusammen mit den Zwillingen baut er einen tschetschenischen Terroristen zunächst auf, um ihn dann medienwirksam zu enttarnen.

Daniel lernt schnell, sich mit Erpressung, gefälschten Beweisen und kompromittierenden Sexvideos hochzuarbeiten. Mit Unterstützung des ukrainischen Geheimdienstes gelingt es ihm, zunächst das Rotlicht-Milieu in der Wojewodschaft zu übernehmen, den Handel mit illegalen Prostituierten zu kontrollieren und schließlich ein Luxus-Bordell zu errichten. Ärzte, Priester, Politiker und Staatsanwälte werden dort heimlich gefilmt und erpresst. Daniel wird zum mächtigen Player hinter den Kulissen, verliert aber die Kontrolle über sich selbst: Alkohol, Kokain, eine gehörige Portion Narzissmus und eine engagierte Staatsanwältin bringen seine kriminelle Karriere abrupt zu Fall.

Die Story hinter dem Plot

Die Brüder Alexej und Jewgeni und ihre dunklen Geschäfte gab es wirklich. Auch den Boxer Dawid „Cigany“ Kostecki, der in „Petla“ als unliebsamer Konkurrent ausgeschaltet wird. Kostecki kam im August 2019 in einem polnischen Gefängnis ums Leben. Auch die Figur von Daniel entstammt dem realen Leben; er gilt als Drahtzieher des „Vorkarpatenland-Skandals“, bei dem Angehörige der regionalen Oberschicht mit Sexvideos erpresst wurden.

Nach dem temporeichen Beginn, der mit seinem grotesk-morbiden und von blutigen Gewaltdarstellungen durchsetzten Humor eine Hommage an den frühen Tarantino ist, tritt „Petla“ zunehmend auf der Stelle. Zunächst wechseln sich düstere Orgien und Gewaltszenen mit opulenten Revue-Einlagen ab, später schizophrene Angstattacken mit Verschwörungstheorien. Aus einem männlichen Blickwinkel dick aufgetragen, aber hochprofessionell inszeniert, verdichtet sich das Spektakel mehr und mehr zu einer undurchsichtigen Kolportage. Bis Vega eine ungewöhnliche Reißleine zieht, um den roten Faden zu retten: Die Russen sind schuld! Offenbar wollte Vega, der in seinen bisherigen Filmen kein gutes Haar an den staatlichen Entscheidungsträgern seines eigenen Landes gelassen hat, es sich nicht komplett mit der polnischen Regierung verderben.

Die Urangst vor dem russischen Nachbarn

Oder könnte es nicht doch so gewesen sein? Ist ein Land, in dem Oppositionelle vergiftet werden und das in den 1930er- und 1940er-Jahren für zahlreiche Massenmorde an den Repräsentanten der polnischen Vorkriegselite mitverantwortlich war, nicht zu allem fähig? Vega funktionalisiert in „Petla“ nicht nur Gewalt- und Sexszenen, sondern auch die polnische Urangst vor dem russischen Nachbarn.

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