Serie | USA 2020 | 383 (acht Folgen) Minuten

Regie: Toby Haynes

Eine Gruppe von Comicfans und Verschwörungstheoretikern entdeckt in einer Graphic Novel versteckte Hinweise darauf, dass die Menschheit in Gefahr durch eine ominöse Organisation sei. Im Glauben daran, dass diese Bedrohung und die Hauptfigur des Comics, eine Untergrundkämpferin, sehr real seien, stürzt sich die Gruppe ins Abenteuer, das Unheil zu verhindern. US-Remake einer britischen Verschwörungs-Thrillerserie, die im Vergleich zum qualitativ höheren Original unausgegoren und zahnlos bleibt. Merklich auf jüngeres Publikum ausgerichtet, fällt sie am ehesten durch ihre Parallelen zu realen Verschwörungstheorien auf. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
UTOPIA
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2020
Regie
Toby Haynes · Susanna Fogel · J.D. Dillard
Buch
Gillian Flynn · Ryan Enright
Kamera
Shawn Kim · Stephan Pehrsson
Musik
Jeff Russo
Schnitt
Scott Turner · Kyle Traynor · Lisa Bromwell · Jonathan Schwartz
Darsteller
Sasha Lane (Jessica Hyde) · Desmin Borges (Wilson Wilson) · Dan Byrd (Ian) · John Cusack (Dr. Kevin Christie) · Ashleigh LaThrop (Becky)
Länge
383 (acht Folgen) Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 16; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Serie | Thriller

Ein mysteriöser Comic, eine Truppe Nerds, eine zwielichtige Heldin und eine ganz große Verschwörung: Ein US-Remake der gleichnamigen britischen Serie.

Diskussion

Jessica Hyde ist nicht Laura Palmer. Dabei umgibt sie sicherlich eine ganz ähnliche Aura des Rätselhaften, wie sie einst die junge Frau in David Lynchs Serienklassiker „Twin Peaks“ umwehte. Gut, Laura Palmer liegt gleich in der ersten Folge totenstarr am Fluss der titelgebenden Stadt; die mysteriöse Jessica Hyde bringt dagegen Menschen um. Aber hat sie je gelebt? Immerhin stammt sie aus einem Comic!

Nicht in den Schaltzentralen der Macht finden sich weltverändernde Schriftsätze. Manchmal sind es die Müllberge im Wohnzimmer eines Messies, die widerwillig Nachrichten von globaler Bedeutung gebären. Ein Haufen knittriger Einzelblätter, die in der Summe nichts Geringeres ergeben als die meisterwartete Fortsetzung eines Comics, die es je gab. Zumindest unter ihrer kleinen, aber glühenden Fangemeinde. Die Rede ist vom Comicband „Utopia“, von dem seine Jünger nichts Geringeres erwarten als Aufschlüsse über das Ende der Welt: „Utopia“ soll versteckte Hinweise darauf enthalten, wer wann und wo die abstrus scheinenden Verschwörungstheorien des ersten Bandes wahr werden lässt. Wer ist Jessica, wer ihr ominöser Gegenspieler Mister Rabbit? Und warum gibt es sie scheinbar ganz real im wirklichen Leben? Ist der Comic eine Art gezeichnete Autobiographie, deren schemenhafter Autor ein Chronist einer finalen Weltverschwörung ist?

Eine Gruppe von Nerds als Zielscheibe

Becky (Ashleigh LaThrop), Ian (Dan Byrd), Wilson (Desmin Borges), Samantha (Jessica Rothe) und Grant (Javon Walton) spinnen in ihrer Online-Community die wildesten Theorien. Kein Wunder, dass die Nachricht, auf einer Comic Con würde das Manuskript von „Utopia“ zum Kauf angeboten, die Truppe dazu bewegt, sich erstmals leibhaftig zu treffen. Aber wundert es tatsächlich, dass am Tage des Verkaufs bis auf die fünf sämtliche Interessenten inklusive der Verkäufer sterben? Und wundert es, dass plötzlich jemand auf der Bildfläche erscheint, der sich Jessica Hyde nennt?

Wer sich einmal in den Bann von „Utopia“ begibt, der muss mit allem rechnen. Und so flieht die Truppe zusammen mit ihrer Heldin, von der sie immer noch nicht ganz weiß, ob sie nicht ihre Mörderin sein wird. Denn es braucht eine ganze Weile, bis die Fragmente der Loseblattsammlung komplettiert, geordnet und analysiert sind. Und derweilen tobt in den USA eine rätselhafte Seuche, die vornehmlich die Kinder trifft.

Die Basis: Ein herausragendes britisches Serien-Original

Die von der Thriller-Autorin Gillian Flynn verfasste und produzierte dystopische Verschwörungs-Serie fußt auf einem gleichnamigen britischen Original: Jenes „Utopia“ (2013-2014), das ebenfalls diffus um das Schicksal einer Figur namens Jessica Hyde kreiste, hatte das Pech, in einer Zeit lanciert worden zu sein, in der abseitigere, schmerzhafte, ja verrückte Produktionen nicht die Zeit hatten zu reifen. „Utopia“ startete 2013 auf dem britischen Semi-Privatsender Channel 4, erntete hymnische Kritiken, aber mäßige Einschaltquoten, was nach nur zwei Staffeln zum Aus für die Serie führte; in Deutschland wurde sie – noch vor dem Streaming-Hype – 2014 auf RTL Crime versendet, ohne große Aufmerksamkeit zu finden. Auch nicht, als ihr im gleichen Jahr der „International Emmy“ für die beste Drama-Serie zuteilwurde.

Beste Voraussetzungen also, um so zu tun, als hätte es die zwei Staffeln von je sechs Teilen nicht gegeben, um sie als US-Remake neu zu lancieren. Wer weiß, was aus dem explosiven Stoff geworden wäre, wenn er, wie geplant, von David Fincher mit großem Budget für HBO realisiert worden wäre? Bei Amazon Prime ist nun für weniger Geld eine relativ zahnlose Serie herausgekommen, die wohl gänzlich in der Versenkung verschwinden würde, wenn nicht gerade Verschwörungstheorien so dermaßen im Trend liegen würden.

Der Corona-Zeitgeist der Paranoia

„This program is a work of fiction, and not based on an actual pandemic or related events” liest man vor jeder der acht Folgen: „Utopia” im Corona-Jahr 2020! Natürlich ist die Neuauflage lange vor Corona konzipiert und im Oktober 2019 bereits abgedreht gewesen, doch der Stoff passt. Immerhin dreht sich der Subplot um Kevin Christie (John Cusack), der mit seiner Pharmafirma Impfstoffe gegen todbringende Pandemien produziert. Zumindest macht er das die Öffentlichkeit glauben; was seine wirklichen Beweggründe sind, werden die Zuschauer erst im allerletzten Teil der Staffel erfahren, in dem viel geredet und erklärt werden muss, um die ganzen wirren Handlungsfäden zu einem großen Ganzen zu knüpfen. Überhaupt scheinen die von „Gone Girl“-Autorin Gillian Flynn erdachten Episoden vom Konzept her ein wenig kopflos umgesetzt, sodass man nicht wirklich weiß, wessen Geistes Kind die Serie sein soll.

Flynn kann nun freilich nichts für den Umstand, dass die Serie in einer Zeit ausgestrahlt wird, in der die Welt von Scharlatanen, abstrusen Verschwörungstheoretikern und selbsternannten „Querdenkern“ in den Bann geschlagen ist; nichtsdestotrotz erinnert das Paranoia-Szenario, das sie entfaltet, einigermaßen unangenehm an deren Weltbild. Die Regie hat es leider anders als das Original versäumt, das Groteske und das Fantastische des Plots auch visuell und dramaturgisch zu unterfüttern und belässt es diesbezüglich bei schlaglichthaften Einblendungen des in der Tat eindrücklich gezeichneten Comics. Hier spätestens merkt man das Fehlen solch kreativer audiovisueller Ideengeber wie David Fincher. Derart plakativ inszeniert, bleibt der Stoff nämlich näher an den naiven „Wahrheiten“ selbsternannter Impfgegner, als es den Machern lieb sein kann. Da nützen auch keine einleitenden Texttafeln.

Ein Remake für Teenager und Young-Adult-Publikum

Das US-Remake verspielt das Mystery-Potenzial des Stoffs, versandet in einem recht banalen und zudem unglaubwürdigen Action-Finale und ist zudem wesentlich stromlinienförmiger und zahmer inszeniert als das furiose Original. Der US-Zungenschlag zielt merklich aufs Teenager- und Young-Adult-Publikum ab, sodass die Serie zumindest im Einstieg weit weniger apokalyptisch daherkommt als die Version von 2013. Die „Verschwörer“ haben nichts Kafkaeskes mehr an sich; John Cusack als zwielichtiger Konzernchef Kevin Christie ist weder Mastermind noch Höllenhund, sondern chargiert eher als ein blasser Kapitalist. So ist das neue „Utopia“ nur noch ein lauwarmer Polit-Krimi, kein endzeitliches „Alice in Wonderland“. Es bleibt nur ein großartig gezeichneter Comic, dessen düstere Märchenhaftigkeit viel zu wenig auf die Spielhandlung abfärbt.

Und es bleibt Jessica Hyde, die einzig charismatische Figur der Serie. Von Sasha Lane brutal, wortkarg und eindrücklich mit scharfen Ecken und Kanten versehen und doch von der Regie über die Distanz der Serie eigentümlich unterbeschäftigt, sucht sie weiterhin nach sich selbst und ihrem Platz im Verschwörungsspiel, dessen Autor sich wohl erst noch offenbart – wenn eine zweite Staffel denn kommt.

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