Der junge Wallander

Krimi | Großbritannien 2020 | Minuten

Regie: Ole Endresen

In seinen jungen Jahren ermittelt der schwedische Kommissar Kurt Wallander in einem Fall über Rechtsextremismus und Waffenhandel. Die britisch-schwedische Serie knüpft an die berühmte Romanfigur an, wird jedoch weder dem späteren komplexen Charakter gerecht noch gelingt ihr ein kluger Kommentar zur politischen Aktualität. Stattdessen bewegt sie sich motivisch in weitgehend ausgetretenen Pfaden des „Nordic Noir“ und kann lediglich atmosphärisch an skandinavische Thriller-Vorbilder anschließen.

Filmdaten

Originaltitel
YOUNG WALLANDER
Produktionsland
Großbritannien
Produktionsjahr
2020
Regie
Ole Endresen · Jens Jonsson
Buch
Ben Harris
Kamera
Gaute Gunnari
Musik
Matti Bye
Schnitt
Erlend Kristoffersen · Theo Lindberg · Joakim Pietras
Darsteller
Adam Pålsson (Kurt Wallander) · Leanne Best (Frida Rask) · Richard Dillane (Hemberg) · Ellise Chappell (Mona) · Sara Seyed (Jasmine)
Länge
Minuten
Kinostart
-
Genre
Krimi | Serie

Eine Krimiserie um eine jugendliche Variante des schwedischen Kommissars Kurt Wallander aus Henning Mankells erfolgreicher Romanreihe: Als Berufseinsteiger ermittelt er in einem Fall über Rechtsextremismus und Waffenhandel.

Diskussion

Als Polizist muss man bluffen können. Wenn man aber als junger und empathischer Gesetzeshüter die involvierten Personen eines Falls persönlich kennt, wenn man zum Beispiel mit der Nachbarin, der Mutter eines Verdächtigen, befreundet ist oder wenn man mit einer Flüchtlingshelferin ins Bett geht, die möglicherweise einen Verdächtigen schützt, dann wird das mit dem Bluffen natürlich schwierig.

Netflix hat der Ermittlerfigur Kurt Wallander aus der erfolgreichen Buch- und Serienreihe von Hennig Mankell ein jugendliches Update verpasst, bei dessen Resultat man bezweifeln kann, ob der verstorbene Autor damit d’accord wäre. Die sechsteilige Serie erzählt von einem jungen Wallander, spielt aber im gegenwärtigen Malmö. Das ist nicht die einzige und auch keine so schlimme Differenz zum Original.

Naiv und mitleidig verhört der junge Wallander die Verdächtigten

Viel schwieriger ist es, den zukünftigen Charakter des Alkoholikers und Workaholics mit depressiven Tendenzen im jungen Milchbubengesicht des schwedischen Schauspielers Adam Pålsson wieder zu erkennen. In Episode vier kippt er immerhin ein Bierchen vor dem Fernseher. Er wirkt naiv gegenüber dem leitenden Kommissar (autoritär und linkisch: Richard Dillane) und seiner Vorgesetzten (resolut und zynisch: Leanne Best). In Verhören hat der Polizei-Rookie meistens Mitleid mit den Befragten. Das mit dem Bluffen gehört wie schon erwähnt auch (noch) nicht zu seinen Skills.

Die Serie ist somit gleichzeitig als Krimi und Coming-of-Age-Geschichte angelegt, was eine irritierende Balance ergibt. Eine Nebenhandlung beinhaltet eine ungelenkig inszenierte Affäre. Einmal verarztet die Flüchtlingshelferin Wallanders Bauchmuskeln. Zwei Folgen später landen die beiden im Bett. Später muss die Frau als Verbindung zu einem Verdächtigen herhalten. Am Ende spaziert sie mit dem Ermittler händchenhaltend trotzdem nach Hause. Eine konsequente Frauenfigur sieht anders aus.

Im eigentlichen Kriminalfall geht es um Rechtsextremismus und Waffenhandel. Wallander, der im Sozialviertel Rosengård von Malmö lebt, bekommt eines Nachts mit, wie draußen von einer Menschenmenge ein junger Schwede grausam ermordet wird, an einen Zaun gefesselt und mit einer Granate im Mund, die ihn zerfetzt. Das Opfer hat am Tag zuvor mit dem Sohn von Wallanders Nachbarin, einer Immigrantin, beim Fußballspielen gestritten. Klar, dass der Mordverdacht sofort auf ihn fällt. Wallander glaubt dies jedoch nicht und beginnt zu ermitteln.

Taten haben Folgen

Die Suche führt Wallander erst (fürs Krimi-Genre typisch) auf eine falsche Fährte – teilweise mit unangenehmen Konsequenzen. So muss der junge Wallander langsam erkennen, dass er nicht immer nur als neutraler Dritter agiert. Taten haben Folgen. Auch das lernt jeder Heranwachsende.

Dass die Ermittlungen zur Stiftung eines mächtigen schwedischen Familienunternehmens führen, gehört nicht gerade zu den überraschenden Wendungen des Krimi-Prequels. Zwei Brüder, ein Unternehmer und ein Stiftungsleiter, streiten sich ums Erbe, und die Mutter wartet den Tod ihres Manns ab. Wie reiche Familienmitglieder entfremdet von- und trotzdem miteinander leben, haben Autoren wie Stieg Larsson und Hennig Mankell selbst viel eindrücklicher und fundierter beschrieben.

Weite Landschaften und enge Wohnungsschluchten

Atmosphärisch schafft es die britisch-schwedische Koproduktion trotzdem, die großen skandinavischen Thriller-Vorbilder zu erreichen. Im Laufe der Serie färbt sich das Laub der Wälder herbstlicher. Nebelschwaden, Regen und Sonne wechseln sich ab, während die Kamera durch weite Landschaften und enge Wohnungsschluchten streift. Elektroklänge kreieren Schwere, Opernarien und Popsongs Leichtigkeit.

Wie viel mehr man aus der Hauptfigur und den Themen herausholen hätte können, zeigt die finale Episode. Wallander löst den Fall, doch die Gerechtigkeit kommt zu kurz. Hier zeigt die Serie, dass Wallanders Coming-of-Age eigentlich die Geschichte einer lebenslangen Desillusionierung sein sollte. Ungläubig blickt er zu Boden. Ihm wird klar, fast nichts bewirkt zu haben. Es wird nicht die letzte Enttäuschung sein. Für Wallander steht das Leben noch bevor.

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