Science-Fiction | USA 2020 | Minuten

Regie: Luke Scott

Im 22. Jahrhundert hat ein Krieg zwischen Atheisten und Gläubigen große Teil der Erde verwüstet. Die Menschheit schickt deshalb Siedler auf den Planeten Kepler-22b. Zwei Androiden sollen auf der neue Welt Kinder großzuziehen. Doch auch am Ende der 600 Lichtjahre währenden Reise setzen sich dieselben Konflikte wie in der Heimat fort. Die aufwändig produzierte Serie überbaut einen recht simplen Science-Fiction-Plot wenig überzeugend mit hochtrabenden theologischen und philosophischen Fragen. Reizvoller ist der Kontrast zwischen Effekt- und weitläufigen Landschaftsausnahmen.

Filmdaten

Originaltitel
RAISED BY WOLVES
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2020
Regie
Luke Scott · Ridley Scott · Alex Gabassi · Sergio Mimica-Gezzan
Buch
Aaron Guzikowski
Kamera
Ross Emery · Erik Messerschmidt
Musik
Ben Frost
Schnitt
Jennifer Barbot · Michael Ruscio
Darsteller
Travis Fimmel (Marcus) · Jordan Loughran (Tempest) · Ethan Hazzard (Hunter) · Winta McGrath (Campion) · Aasiya Shah (Holly)
Länge
Minuten
Kinostart
-
Genre
Science-Fiction | Serie

Aufwändige Science-Fiction-Serie um eine Besiedlung eines fernen Planeten, auf dem sich die alten Konflikte der Menschheit fortsetzen.

Diskussion

Ein spiegelglattes Raumschiff stürzt durch eine raue Felslandschaft. Ein Fremdkörper, gänzlich fehl am Platz. Objekt und Terrain wirken, als hätte man sie als Verneinung des jeweils anderen geschaffen. Zivilisation gegen Wildnis. An Bord: Zwei Androiden, so ebenmäßig wie ihr Schiff. Sie versuchen auf Kepler-22b, 600 Lichtjahre von der Erde entfernt, eine neue Heimat für die Menschheit zu erschließen. Ein neuer Planet als neues Grenzland, ein neuer wilder Westen. Doch ganz so einfach ist es in „Raised by Wolves“ nie. Die Science-Fiction-Serie erzählt von den Widersprüchen, die sich durch alles und jeden ziehen. Vom Inhumanem im Menschen, von der Menschlichkeit der Maschinen; von der Barbarei der Zivilisation und der Gnade der Natur.

Ein futuristischer Religionskrieg

Die Menschheit versucht einmal mehr, sich selbst zu entkommen. Im Jahr 2145 tobt ein globaler Krieg zwischen Gläubigen und Atheisten. Beide Fraktionen versuchen, neue Planeten zu besiedeln. Die Atheisten haben dabei einen logistischen Vorteil: Ihnen verbietet kein Dogma, Kinder von Androiden aufziehen zu lassen. Daher können sie leichtere, schnellere Schiffe ohne Lebenserhaltungssysteme aussenden. So sind die Maschinen Mutter (Amanda Collin) und Vater (Abubakar Salim) die ersten Siedler auf dem unerschlossenen Exoplaneten. Sie haben eingefrorene Föten bei sich, doch eins ums andere fallen die Kinder den harschen Bedingungen zum Opfer. Warum gerade Campion (Winta McGrath) die erbarmungslosen Winter und knappen Rationen überlebt, ist nicht klar.

Nach etwas mehr als einem Jahrzehnt erreichen auch die Gläubigen in ihren Archen den Planeten, unter ihnen der Hauptmann Marcus (Travis Fimmel) und seine Frau Sue (Niamh Algar). Sie suchen auf dem Planeten nicht nur eine Zukunft, sondern auch einen Teil ihrer Vergangenheit. Wie eine Folie legen sich alte Konflikte über die neue Landschaft. Deshalb ist „Raised by Wolves“ auch eine Serie über die Beziehung zwischen Ideen und Materie. Was bleibt von edlen Überzeugungen im Angesicht von Hunger und Verzweiflung? Welches Gebet mag die trockene Erde gefügig machen?

Bei den ersten beiden Episoden der Serie führt Ridley Scott Regie, der damit die großen Themen seiner Karriere lückenlos fortführt. Zuletzt erzählten etwa „Prometheus“ oder „Alien: Covenant“ von der Hoffnung der Menschheit jenseits aller Horizonte.

Ein Regenbogen aus Graustufen

Einige leichte Überarbeitungen des Drehbuchs, und „Raised by Wolves hätte Teil der „Alien“-Reihe sein können. Die Episoden 3 und 4 wurden von Scotts Sohn Luke Scott inszeniert, ohne dass es einen spürbaren Bruch gäbe. Formal ist die Serie ohnehin nicht übermäßig reizvoll; sie wird eher vom stellenweise angenehm rasanten Plot und den - recht blassen – Figuren bestimmt.

Die Folgen werden mit einer überraschungslosen Grundkompetenz inszeniert; die Filmemacher greifen auf die Bilder des zeitgenössische Science-Fiction-Blockbusterkinos zurück, haben schlussendlich aber wenig in der Hand. Visuell bleibt alles so karg und trostlos wie der neu erschlossene Planet. Die Farbpalette ist ein Regenbogen aus Graustufen, manche Szenen erinnern fast an einen Schwarz-weiß-Film.

Die Erde des 22. Jahrhunderts mit ihren endlosen Industrieruinen wirkt nicht wie ein Ort, um den es sich zu kämpfen lohnt. Hoffnungslosigkeit regiert. Viele Einstellungen werden durch auffällige Partikel-Effekte dynamisiert. Schnee, Staub oder Rauch liegen in der Luft und wirbeln eifrig umher, ohne jedoch die grundlegende Sterilität zu vertreiben. Manchmal schwebt selbst Blut in kleinen Wölkchen durch die Luft; die Serie neigt zu einer gewissen Drastik. Die zahllosen Computerbilder sehen teuer aus und stellen ihr hohe Budget regelrecht aus. Schön oder interessant sind sie selten. Raumschiffe und Uniformen könnten auch aus der Neuauflage einer sehr alten Serie stammen, in der Retro- und gegenwärtiger Futurismus zusammenlaufen. Bei den Atheisten herrschen geometrische Formen vor, das eindeutig Designte. Die Androiden Vater und Mutter schmiegen sich in enge, glatte Latexanzüge, als müsste ihnen jede Reibung genommen werden. Die Mithraisten tragen eigentümliche Kreuzritter-Uniformen und etwas alberne „Mad Max“-Frisuren.

Religiöse Symbole und Metaphern allüberall

Alle computeranimierten Elemente bewegen sich ein wenig zu widerstandslos durch die Welt; ihre Beziehung zur physischen Realität scheint flüchtig. Die einnehmenden Landschaftsaufnahmen (gedreht wurde in Südafrika) kleben manchmal wie eine Fototapete hinter den bewegten Objekten. Das mag den Raumschiffen einen Clarke’schen Zauber verleihen – Technologie wird Magie – gibt der Fauna aber eine kuriose Note. Die nebelverhangenen Gebirgsmassive und endlosen Wüsten wirken umso realer, je weniger Substanz Maschinenwesen und Menschen haben. Alles Streben scheint im Angesicht der ewigen Natur geradezu lächerlich. Selbst für die Gläubigen werden Wind, Wetter und Gestein bald göttlicher als ihre Götter. Die Menschen stürzen in Abgründe, die wahrscheinlich schon Jahrtausende lang existieren und sich trotzdem ohne Warnung unter ihnen aufzutun scheinen.

Leider spielen sich die meisten der Konflikte nicht in dieser opulenten Bildwelt ab, sondern in langen und oft übermäßig plakativen Dialogen. Die Dichte religiöser Metaphern und Symbole ist etwas zu hoch: In der Ferne lockt ein tropisches Paradies, durch den Untergrund sollen sich Schlangen wühlen, viele Namen sind biblisch. Diskussionen um Identität und Erziehung haben ein wenig den Charakter eines Proseminars. Theologie mit Stützrädern, hier und da rascheln auch Richard Dawkins oder Christopher Hitchens durch die papierenen Dialoge. Aufklärung als Utopie mit Grenzen. Die Androiden-Mutter verkörpert einen kalten Hyperrationalismus, der schnell wieder in Wahnsinn umschlägt. Ausgerechnet die eindeutig Programmierten und Überzivilisierten gewinnen kreatürliche Qualitäten, wie in einer Geschichte von Jack London. Dann heulen Roboter zum Himmel wie Wölfe; wilde Tiere hingegen handeln nach geradezu edlen Motiven.

Die Erinnerung der Maschinen

Die Serie ist zeitgenössisch im Geist, also apokalyptisch. In der ersten Folge wird der unausweichliche Untergang der bisherigen Menschheit mit einigen Bildern und Satzfetzen abgehandelt. In der Zukunft ist sie so fehl am Platz wie das Raumschiff in der Felslandschaft. Ein weiterer Fremdkörper in einer unwirtlichen Existenz. Das ist das gruselige an „Raised by Wolves“: In Wahrheit kämpft der Mensch hier nicht mehr wirklich um seinen eigenen Stellenwert, sondern nur noch um seinen Platz in der Erinnerung der Maschinen. Also nicht um das Überleben als Schöpfer, sondern um die Tränen seiner Schöpfung.

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