Die Rückkehr der Wölfe

Dokumentarfilm | Schweiz 2019 | 95 Minuten

Regie: Thomas Horat

Seitdem der Wolf auch in Mitteleuropa wieder heimisch wird, mehren sich die Konflikte mit einer extensiven Land- und Almwirtschaft. Der Dokumentarfilm geht den neuerlichen Auseinandersetzungen zwischen Wolf und Mensch am Beispiel der Schweiz nach und deckt viele Hintergründe einer scheinbar ewigen Feindschaft auf, die Mitte des 19. Jahrhunderts fast zur Ausrottung der Tiere führte. Hirten, Naturschützer und Verhaltensforscher steuern viele Aspekte eines fundamentalen Interessenskonfliktes bei, der im Kern um eine Neubestimmung des Menschen im Kontext des Lebens kreist. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
DIE RÜCKKEHR DER WÖLFE
Produktionsland
Schweiz
Produktionsjahr
2019
Regie
Thomas Horat
Buch
Thomas Horat
Kamera
Luzius Wespe
Musik
Artra Trio
Schnitt
Guido Henseler
Länge
95 Minuten
Kinostart
17.09.2020
Fsk
ab 6; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm

Seitdem der Wolf in Mitteleuropa wieder heimisch wird, mehren sich die Auseinandersetzungen zwischen einer extensiven Landwirtschaft und den wilden Tieren. Doku über einen verdrängten Konflikt.

Diskussion

Das Märchen vom Rotkäppchen und wie es den bösen Wolf bezwang, lehrt niemand mehr das Fürchten. Dafür wurde den Tieren ab Mitte des 19. Jahrhunderts in Mitteleuropa zu gründlich der Garaus gemacht, als dass der mythische Nachhall der grausigen Geschichten über Meister Isegrim noch Schrecken verbreiten würde. Doch jetzt kehrt der Wolf im Schutz eines veränderten Naturempfindens aus den östlichen Wäldern wieder nach Mitteleuropa zurück, was auf ein kurioses Interesse und eine fast zärtliche Neugier stößt. Zumindest so lange, bis Meldungen von gerissenen Schafen oder anderen Nutztieren die Runde machen. Die in den Medien gefällig ausgeleuchtete Wolf-Euphorie gerät dann schlagartig wieder in eine Schieflage, wenn Schäfer oder Jäger gegen die strengen Schutzbestimmungen der Wölfe rebellieren und eine Freigabe zum Abschuss verlangen.

Die Dokumentation „Die Rückkehr der Wölfe“ des Schweizer Filmemachers Thomas Horat zeichnet den neuerlichen Konflikt zwischen den scheuen Raubtieren und dem Herrschaftsanspruch der Menschen am Beispiel der Schweiz nach, wo 2011 erstmals wieder Wolfswelpen registriert wurden. Prompt gerieten die Gemüter alsbald in Wallung, weil die Schafe auf den Gebirgshängen jetzt wieder „behirtet“ oder anderweitig beschützt werden müssen, um größere Verluste durch Wolfriss einzudämmen. Auch besonnene Almbauern rechnen dann bis in betriebswirtschaftliche Details vor, was die Duldung der Wölfe in den Alpen für Kosten nach sich zieht.

Der Zankapfel Wolf

In anderen Regionen wie Bulgarien oder auf dem Balkan war der Wolf hingegen nie ganz verschwunden, weshalb das Wissen um Abwehr- und Schutzmaßnahmen, aber auch um Formen der Koexistenz nicht in Vergessenheit geriet. Der redliche Film bietet eine ganze Reihe von Zeitgenossen auf, die als Wolfschützer, Verhaltensforscher oder Biologen viele interessante Aspekte über das bis in Urzeiten zurückreichende Verhältnis von Mensch und Wolf beisteuern, etwa dass beide sozial ähnlich gestrickt seien – und sich schon aus diesem Grund lieber aus dem Weg gehen. Doch alle Exkursionen an die Lausitz, nach Österreich, Westpolen oder Minnesota führen immer wieder in die helvetischen Gefilde zurück, zur exemplarischen Kluft zwischen Raubtier und Revierbesitzer, ein Interessenskonflikt, der sich durch politische Maßnahmen zwar mindern, aber nicht beseitigen lässt. Am Zankapfel Wolf konkretisiert sich eine grundlegende Alternative: Ob man weiterhin vom Primat des Menschen als dem Herrn der Schöpfung ausgeht, dessen Absichten und Ziele sich im Konfliktfall alle anderen unterordnen müssen, oder ob nicht vielmehr alle Kreaturen fundamentale Rechte und Ansprüche besitzen, die das auf Effizienz oder Erholungswerte hin optimierte Natur-Biotop des Menschen in Frage stellen.

„Die Rückkehr der Wölfe“ kreist um diese Frage, ohne sie systematisch zu vertiefen. Es geht dem Regisseur eher darum, die verschiedenen Positionen darzulegen und ihre wenig reflektierten Hintergründe und Kontexte aufzudecken, etwa die Rivalität um das Wildbrett, das in Europa bei der Ausrottung der Wölfe durchaus eine Rolle spielte, oder den Einfluss der Tollwut bei der Konfrontation von Wolf und Mensch. Selbst in Bulgarien wird die Koexistenz mit den Wölfen schwieriger, seitdem die landwirtschaftlichen Flächen und mit ihnen die Größen der Herden schrumpfen; ein totes Tier schmerzt anders, wenn man statt 100 nur noch zehn Schafe auf die Weide schickt.

Die „Krone der Schöpfung“

Der über mehrere Jahre hinweg produzierte Film trägt eine Menge solcher Details zusammen, die meisten davon in Gestalt von Interviews und Statements, die mit malerischen Landschaftsaufnahmen aus den Wildregionen verbunden werden. Dokumentarisch interessant ist das alles eher weniger, zumal „Die Rückkehr der Wölfe“ mit zahllosen Fernsehformaten konkurriert, die über ein weit höheres Budget verfügen und ihr Geld primär in bildästhetische Finessen investieren. Nur am Rande blitzt in „Die Rückkehr der Wölfe“ das Potenzial einer geduldigen Beobachtung von Wirklichkeit auf, wenn es im wettergegerbten Gesicht eines zerzausten Schweizer Hirten, der jedes Tier seiner Herde beim Namen kennt, verräterisch zuckt, in Erinnerungen an Verluste, oder wenn man eine Wolfsforscherin beim Selbstversuch beobachtet, die sich in eisiger Wildnis auf dem Boden kauernd einem Wolfsrudel aussetzt. Es ist nicht die Spannung oder die Angst um die Frau, die in Bann schlägt, sondern das beiläufige, fast desinteressierte Verhalten der wilden Tiere, die ein wenig an ihr schnuppern, aber bald wieder von dannen ziehen. Der Blick auf die Welt würde sich enorm verändern, wenn die „Krone der Schöpfung“ sich mehr in den Fluss des Lebens einordnen würde.

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