Selbst Geheilt

Dokumentarfilm | Deutschland 2020 | 99 Minuten

Regie: Stephan Petrowitsch

Auf der Suche nach den Selbstheilungskräften des Organismus stellt der Dokumentarfilm rund 20 Heiler und deren Methoden vor, mit denen sie menschliches Leiden unter Rückbesinnung auf ursprüngliche Energien kurieren wollen. Neben den Therapeuten lässt der gänzlich unkritische Werbefilm stets auch deren Anhänger zu Wort kommen, die begeistert über ihre Erfolge berichten. Die schlichten Aufnahmen sind von einer schwelgerischen Musik und einem esoterisch angehauchten Kommentar unterlegt. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2020
Regie
Stephan Petrowitsch
Buch
Stephan Petrowitsch
Kamera
Stephan Petrowitsch
Musik
Andrew J. Carter
Schnitt
Nikolai Marl · Carola Vogler
Länge
99 Minuten
Kinostart
27.08.2020
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm

Dokumentarfilm über alternative Methode der Selbstheilung.

Diskussion

Ziemlich früh fällt in dem Dokumentarfilm „Selbst Geheilt“ nach einem Verweis auf die Virologen Robert Koch und Louis Pasteur der erstaunliche Satz, dass Infektionskrankheiten heute kaum noch eine Bedrohung darstellen. Das legt die Vermutung nahe, dass die Produktion wohl vor Corona fertiggestellt wurde. Dennoch erstaunt, dass diese Fehleinschätzung vor dem Kinostart nicht entfernt oder zumindest relativiert wurde. Doch auch ohne die aktuell grassierende Pandemie dürfte die pauschale Verharmlosung von Infektionskrankheiten eine ziemlich steile These sein. Solche hat der Film noch reichlich zu bieten.

Fünf Jahre, nachdem Stephan Petrowitsch in seinem Film „Wunder der Lebenskraft“ (2015) Heiler und Gurus besucht hat, um deren Methoden vorzustellen, begibt er sich nun auf die Reise, um sich Techniken der Selbstheilung erklären zu lassen. Gleich zu Beginn des Films wird angedeutet, dass es dabei ums Ganze geht. Zu sphärischen Klängen sieht man die Weltkugel, und aus dem Off erklärt ein Sprecher mit märchenhaftem Tonfall: „Unsere Erde - ein wunderschöner Planet. Die Natur hat alles für ein perfektes Leben vorgegeben.“ Doch dann verfinstert sich die Stimme: „Aber es gibt einen Störfaktor: den Menschen!“ Während man als Zuschauer noch an diesem Intro knabbert, klagt der Erzähler über menschliche Gier, Lebensmittelvergeudung, gefährliche Strahlungen, Umweltverschmutzung, explodierende Gesundheitskosten und das kollektive Versagen der Politik. Aber es gibt Hoffnung, so die Botschaft des Films: durch die Selbstheilungskräfte des Körpers kann man der Misere entkommen.

Eine Fastenkur kann nicht schaden

Dass man sich gesünder ernähren soll, weniger Fleisch ratsam wäre und ab und zu eine Fastenkur nicht schaden kann, hat man schon mal gehört. Solche eher hausbackenen Weisheiten listet der Film zwar auch auf, doch sie spielen eine untergeordnete Rolle. Der Autor gefällt sich mehr darin, Praktiken vorzustellen, mit denen (vielfach selbsternannte) Heiler angeblich erstaunliche Erfolge erzielen. Etwa mit Biokybernetik, die sich auf die Stimulation von Reflexzonen auf der Hautoberfläche stützt, oder der „Gravitational Wellness“, bei der man sich durch das kurzzeitige Heben schwerer Gewichte angeblich von vielen Leiden befreien könne. Bei den Aufnahmen aus einem Studio in Atlanta, wo man diese Technik lernen kann, fragt man sich allerdings, warum alle Probanden zum Sportdress russische Filzstiefel tragen. Ob das eine Reminiszenz der aus Russland stammenden Betreiber ist? Oder ist das Schuhwerk für den Heilungsprozess unabdingbar? Die Teilnehmer erzählen jedenfalls allesamt strahlend, wie sie durch „Gravitational Wellness“ ins Leben zurückgefunden haben.

Dieses schlichte Prinzip bleibt bei allen Heilern und ihren Praktiken dasselbe. Zunächst erhalten die Porträtierten Gelegenheit, ohne Unterbrechung oder Nachfragen die Vorzüge ihrer Methoden zu rühmen, und danach kommen, quasi als Beleg, die Geheilten zu Wort. Das ist auch bei Hongchi Xiao nicht anders. Der ehemalige Banker aus Hong Kong lehrt das sogenannte Paida Lajin. Eine Technik, bei der durch fortwährende Schläge auf einzelne Körperteile so ziemlich alle Krankheiten bis hin zum Krebs geheilt werden sollen. Der Autor hält hier allerdings den Hinweis für angebracht, dass Hongchi Xiao schon mehrfach verhaftet wurde, weil es im Rahmen seiner Therapiesitzungen schon zu Todesfällen gekommen ist. „Menschen sollten sich bei jeder Therapie ihren gesunden Menschenverstand bewahren“, heißt es dazu lapidar aus dem Off.

Jenseits der Grenze zur unfreiwilligen Komik

Es gibt durchaus seriöse Filme über alternative Heilmethoden und ganzheitliche Ansätze, die die gängige Schulmedizin hinterfragen. Doch diese Dokumentation kommt wie ein Werbefilm daher. Daran ändern auch die gelegentlich eingestreuten Statements von Ärzten und Wissenschaftlern nichts, zumal sie allesamt kaum kein gutes Haar an ihren traditionell orientierten Kollegen lassen. Mit dem meist salbungsvollen Off-Kommentar, der ständig von Energiefeldern, Körpermitten, Verspannungen und Harmonie spricht und so einen Esoterik-Sound erzeugt, in dem es von Sätzen wie „Durch eine intensive Meditationserfahrung gewann er schließlich tiefere Erkenntnisse“ nur so wimmelt. Hinzu kommen eine schlichte, oft auch schwülstige Musik, die nahezu ohne Unterlass erklingt, sowie eine recht amateurhafte Bildgestaltung, die die Aussagen über Gesundheit und Harmonie mit Natur-Idyllen unterfüttert. Wenn sich der Autor selbst in Szene setzt, indem er etwa in einem leeren Hörsaal mit gewichtiger Miene in Büchern blättert, bewegt sich das Ganze jenseits der Grenze zur unfreiwilligen Komik.

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