Action | Deutschland 2020 | 280 (sechs Folgen) Minuten

Regie: Barbara Eder

Eine sechsteilige Serie um die mythenumrankte Varusschlacht 9 n. Chr. In einer freien Geschichtsinterpretation rückt die Verfilmung die Ereignisse ins Bild, die zum berühmten Gefecht im Teutoburger Wald führten. Im Zentrum der Erzählung steht die Figur des germanischen Helden Arminius, der in der historischen Rezeptionsgeschichte zur deutschen Heldenfigur schlechthin wurde. Die Serie zeichnet ihn als Ziehsohn des römischen Kriegsfürsten Varus, der nichtsdestotrotz nicht bereit ist, seine Loyalität gegenüber den Germanen abzulegen. Die Darstellung der Schlacht und ihrer Vorgeschichte krankt allerdings an einer einfallslosen Inszenierung, schlechten Dialogen und an einer ideologischen Schieflage, die sich besonders am Ende der Serie offenbart.

Filmdaten

Originaltitel
BARBAREN
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2020
Regie
Barbara Eder · Steve St. Leger
Buch
Arne Nolting · Jan Martin Scharf · Andreas Heckmann
Kamera
Christian Stangassinger
Musik
Maurus Ronner · Ali N. Askin
Schnitt
Charles Ladmiral · Alexander Griffith
Darsteller
Jeanne Goursaud (Thusnelda) · Laurence Rupp (Arminius) · David Schütter (Folkwin) · Urs Rechn (Kunolf) · Bernhard Schütz (Segestes)
Länge
280 (sechs Folgen) Minuten
Kinostart
-
Genre
Action | Historienfilm | Serie

Ein deutscher Heldenmythos in Serienform: Die Varusschlacht (9 n. Chr.) und ihre Vorgeschichte als Antiken-Spektakel, das viel zu ungebrochen volkstümelnde Klischees wiederkäut.

Diskussion

Wer ein waschechter Germanenkrieger sein will, der weiß, wann der Zeitpunkt gekommen ist, um mit den Wölfen zu heulen. Er weiß auch, wie man maximal einschüchternd herumbrüllt, sich den Wanst mit Bier volllaufen lässt und wie man im Ernstfall seinen römischen Erzfeind nach den Regeln des Schwert- und Streitaxthandwerks in seine körperlichen Bestandteile zerlegt. Auch für den Germanensex ist der wilde Waldbewohner jederzeit gerüstet, selbst wenn das heißt, sich vorab gegnerischer Blutspritzer am eigenen Leib zu entledigen. Der Akt an sich ist freilich germanenheiß, gestählte Männerleiber treffen auf nordisch-blondes Göttinnenmaterial.

So in etwa stellen sich der Streamingdienst Netflix und die deutschen Macherinnen und Macher der Serie „Barbaren“ den vorgeschichtlichen Germanenalltag vor. In ihrer sechsteiligen Serie widmen sie sich der mythenumrankten Varusschlacht. Genau genommen handelt ihre sehr freie Geschichtsinterpretation von den Ereignissen, die zu jener Großschlacht im Teutoburger Wald führten.

Arminius als cleverer Taktiker, der sich für sein „wahres“ Volk entscheidet

Drei Figuren stehen dabei im Vordergrund: die cheruskische Fürstentochter Thusnelda (Jeanne Goursaud), der römische Präfekt Arminius (Laurence Rupp) sowie ein ausgesprochen aufsässiger Zeitgenosse, der den unwahrscheinlichen Namen Folkwin Wolfspeer trägt (David Schüttler). Wir befinden uns im Jahr 9 nach Christus. Die verschiedenen Germanenstämme sind ein zerstrittener Haufen. Die Besatzungsmacht der Römer fordert von ihnen regelmäßigen Tribut in Form von Nahrungsmitteln und Grundgütern. Bisweilen verschwindet auch mal ein Germanenzögling in den Fängen der Besatzungstruppen. Das wollen sich die Stämme nicht länger bieten lassen. Sie begehren zusehends auf. Für eine konzertierte Aktion gegen die Streitmacht vom Mittelmeer fehlt es jedoch an vereinigter Schlagkraft. 

Auftritt Arminius. Sein strategisches Ziel ist es, die Differenzen zwischen den Stammesfürsten beizulegen. Der Erzählkniff der „Barbaren“: Arminius tritt in einer Art Doppelrolle auf. Zum einen als Ziehsohn des römischen Feldherren Varus – der hat einst den kleinen Arminius aus seinem Germanenheim entführt. Zum anderen als Thronfolger des Herrschers der Cherusker. Die Stammesfürsten misstrauen Arminius. Nachvollziehbar, denn eben noch stapfte Arminius in Senatorentracht durch germanische Gemeinden, im nächsten Augenblick zeigt er sich als Statthalter mit großen Versprechen für sein „eigentliches Volk“. Beim Zweifel an seinen hehren Absichten helfen ihm nur die Götter weiter. Mit denen im Bunde ist Thusnelda. Sie wird auf Umwegen Arminius’ Gattin werden. Die Fürstentochter steht mit den Allerhöchsten in regem Dialog, ihre irdische Ausdrucksweise ist bisweilen derb: „Ich wusste, dass du eines Tages zurückkehren würdest, aber ich hatte keine Ahnung, dass du so ein Arschloch sein würdest.“

Ein prekärer deutscher Heldenmythos

Im Unterschied zu den Römern, die hochnäsig-geschliffen auf Latein parlieren, sprechen die Darsteller der Germanenstämme bodenständiges und zeitgenössisches Deutsch. Der historische Zusammenhang ist somit, zumindest schon mal auf sprachlicher Ebene, gestiftet – von den alten Germanen zu den Bundesdeutschen von heute.

Bei der Aktualisierung des Hermann-Mythos beweisen die Showrunner der „Barbaren“ freilich wenig Sensibilität für dessen Rezeptionsgeschichte und reproduzieren relativ ungebrochen die Deutungsmuster aus dem 19. und 20. Jahrhundert, als die Hermanns-Figur im Kontext der Befreiungskriege und der Nationalstaatsbestrebungen zur Ikone deutscher Einheit und als solche später von den Nazis in den Dienst der eigenen Ideologie gestellt wurde – Christian Dietrich Grabbes „Hermannsschlacht“, neben Heinrich von Kleists gleichnamigem Stück die zweite große Bühnenfassung des historischen Stoffs, erlebte ihre Uraufführung 1934 als völkisches Weihespiel. In der Netflix-Adaption des Hermann-Stoffes blitzen zu viele der alten Stereotypen wieder auf: Der germanische Freiheitskämpfer und deutsche Held Arminius stellt sich den kaltblütigen römischen Eroberern mit ihrer imperialen Expansionspolitik entgegen. Auf der einen Seite das Naturvolk, das zur solidarischen Stammesgesellschaft geeint wird, auf der anderen ehrlose und herrschsüchtige Fremdlinge. Besonders Varus (Gaetano Aronica) erscheint in der Inszenierung der Regisseure Barbara Eder und Steve St. Leger zwar väterlich-milde gegenüber seinem Ziehsohn Arminius, zugleich jedoch als Figur ohne Bodenhaftung, als überfeinerter und amoralischer Sadist, als Mann von Welt, dem Begriffe wie Tradition, Heimat- und Bodenverbundenheit nichts gelten.

Verloren im ideologischen Nebel

Es liegt oft Nebel über dem Teutoburger Wald. So auch am Tag der großen Schlacht, die bald schon näherrückt. Wann immer sich in „Barbaren“ aber eine Nebelwand durchs Bild schiebt, hat man als Zuschauer der Serie das Gefühl, hier soll etwas verborgen bleiben. Und sei es nur die dürftige, wahrnehmbar von der modernen Forstwirtschaft geprägte Waldszenerie. Die Kulissen insgesamt wirken seltsam aufgeräumt und lieblos, die gestalterische Anmutung abgekupfert von Serienvorbildern wie „Vikings“ oder „The Last Kingdom“, inszeniert jedoch ohne deren filmisches Geschick. Die Dialoge bewegen sich auf Seifenopernniveau.

Weitaus schlimmer aber ist der ideologische Nebel, in den sich die „Barbaren“-Produktion blindlings verrennt. So bemüht sich die Filmemacher zeigen, einen „unpolitischen“ Arminius vorzulegen, so sehr entgleitet ihnen am Ende die Inszenierung der Varusschlacht selbst. In den Schlussminuten offenbart sich eine befremdliche deutsch-germanische Rachefantasie an den römischen Besatzern – ein revanchistischer Gewaltrausch. Auf die unappetitlichen Details sei an der Stelle verzichtet. Das krude Germanengetümmel „Barbaren“ wird – so steht es zu befürchten –, das Publikum finden, das es verdient.

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