Dick Johnson ist tot

Dokumentarfilm | USA 2020 | 89 Minuten

Regie: Kirsten Johnson

Ein filmisches Porträt des 86-jährigen, an Alzheimer leidenden Pensionärs Dick Johnson durch seine Tochter, die Kamerafrau und Regisseurin Kirsten Johnson. Die Dokumentaraufnahmen aus seinem Leben werden von Spielfilmsequenzen begleitet, in denen der ältere Herr immer wieder einen gewaltsamen Tod findet. Ein origineller Hybridfilm, der im Modus verspielter Collage aber nie ganz zu den Implikationen des Themas Endlichkeit vordringen kann. Im Bemühen, den Entstehungsprozess stets mitzudenken, vertraut der Film zu selten der Kamera und stellt so eher Distanz her. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
DICK JOHNSON IS DEAD
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2020
Regie
Kirsten Johnson
Buch
Kirsten Johnson · Nels Bangerter
Kamera
Kirsten Johnson
Schnitt
Nels Bangerter
Länge
89 Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Dokumentarfilm

Origineller Doku-Hybrid über einen an Alzheimer erkrankten Mann im Angesicht seiner Endlichkeit.

Diskussion

„Einen natürlichen Tod gibt es nicht. Nichts, was einem Menschen je widerfahren kann, ist natürlich, weil seine Gegenwart die Welt in Frage stellt“, schrieb Simone de Beauvoir in „Ein sanfter Tod“ über das Sterben ihrer Mutter. Und weiter: „Alle Menschen sind sterblich: aber für jeden Menschen ist sein Tod ein Unfall und, selbst wenn er sich seiner bewusst ist und sich mit ihm abfindet, ein unverschuldeter Gewaltakt.“

Eine Blutfontäne spritzt hervor

In gewisser Weise ist der Dokumentarfilm „Dick Johnson ist tot“ von Kirsten Johnson eine Adaption dieses Satzes. Das Porträt ihres an Alzheimer leidenden Vaters C. Dick Johnson kleidet den herannahenden Tod in jene Gewalt, die ihm innewohnt.

Ein ums andere Mal lässt sie sein Ableben inszenieren, bei dem er sich selbst spielt. So wird Dick Johnson von herabfallenden Gegenständen erschlagen oder stürzt die Stufen hinunter, die letztlich auch das Leben seiner Ehefrau gekostet haben. Ein Bauarbeiter schlägt ihm durch eine ungeschickte Drehung ein Nagelbrett gegen den Hals, eine Blutfontäne spritzt hervor.

Ein Moment von düsterem Slapstick. Makabre Szenen mit universeller Implikation: Verwandeln wir nicht alle den Tod in eine Fiktion, um Distanz zu seiner Wirklichkeit zu gewinnen? Vielleicht bestätigt jeder Tod auf der Leinwand die eigene Unsterblichkeit. Und wenn jedes Unglück in „Dick Johnson ist tot“ mit Rufen aus dem Off und der Entlarvung als Inszenierung endet, gilt das vielleicht auch für den entscheidenden Moment. Den gewaltsamen Toden gemeinsam ist die Gnade der Plötzlichkeit. Den Kampf ihrer Mutter mit Alzheimer beschreibt Johnson als „langen Abschied“.

Die grotesken Szenen werden in konventionellere Dokumentaraufnahmen eingebettet. Die Filmemacherin begleitet ihren Vater beim letzten Tag in seiner psychotherapeutischen Praxis in Seattle und beim Einzug in seine neue Wohnung in New York, direkt neben der ihren. Beim Arztbesuch, dem Urlaub in Lissabon und einem Treffen mit seiner High-School-Liebe. Familiärer Alltag: Kinder zur Schule bringen, kochen, Straßenbahn fahren. Man lernt Dick als humorvollen, klugen Mann kennen. Er isst gerne Schokoladenkuchen und erinnert an den Protagonisten von Pixars „Oben“, besonders auf seinem Hochzeitsfoto. Seine Ehefrau ist sieben Jahre zuvor verstorben. In Johnsons Dokumentarfilm „Cameraperson“ (2016) finden sich Aufnahmen, in denen die Mutter verwirrt durch ihre Wohnung irrt. In Interviews bezeichnete die Regisseurin die Verwendung des Materials als „Verrat“ an ihrer Mutter, gleichzeitig aber auch als großen Liebesbeweis. In „Dick Johnson ist tot“ sind diese Bilder erneut zu sehen.

Moral ist eine Sache der Kamerafahrten

Die Ethik des Filmens ist kompliziert, gerade im Angesicht von Tod und Verfall. „Die Moral ist eine Sache der Kamerafahrten“, wird Luc Moullet zitiert; die Umkehrung „Kamerafahrten sind eine Sache der Moral“ stammt von Jean-Luc Godard. Wie nah darf der chinesische Dokumentarfilmer Wang Bing an die ebenfalls alzheimerkranke „Mrs. Fang“ (2017) heran, die zwischen fast desinteressierten, laut streitenden Verwandten und Nachbarn stirbt? Wann muss er sich zurückziehen? Auch davon erzählt „Dick Johnson ist tot“: Vom Pathos der Finalität, das Künstler anzieht. Von der scheußlichen Gier, einzufangen und auszustellen, Menschen auf Humankapital zu reduzieren. Von den Grenzen des Realismus.

Kirsten Johnson denkt durch ihren Film. Der Verrat an der Mutter darf nicht wiederholt werden. Es gab keine „guten“ Aufnahmen von ihr; vom Vater soll es später einmal welche geben. Doch was ist überhaupt ein „gutes Bild“ von einem Menschen? Ein schönes, ein lustiges, ein würdevolles?

Das Scheitern ist Teil des Films

Derart diffizile moralische Dilemmata werden durch die Dreharbeiten konkretisiert. Was dem 86-jährigen Johnson seelisch zuzumuten ist, bekommt auch eine physische Entsprechung. Als für die Szene mit dem Nagelbrett ein Blutschlauch an seinem Hals platziert wird, glaubt er zuerst, ihm solle Blut abgenommen werden. Während des Drehs erklärt er plötzlich, Schmerzen zu haben, noch schlimmere als jene, die seinen Schlaganfall vor 30 Jahren begleiteten.

Kirsten Johnson bricht ab. Dieses Scheitern ist Teil des Films. Sie will bewahren, ohne zu entstellen. Ihrer Kamera kommen zwei widersprüchliche Aufgaben zu: Sie muss gleichermaßen stummer Zeuge und ein Instrument zur Konstruktion von Wirklichkeit werden, also neutral und parteiisch zugleich agieren. Das gelingt nur vereinzelt. Die kubistische Logik des Films, unentwegt seinen Entstehungsprozess auszustellen, hinterfragt auch die vermeintlich intimen, unmittelbaren Augenblicke. Der altersmüde Ausdruck, der sich beim Herumalbern mit seinen Enkeln in das Gesicht von Dick Johnson schleicht, wirkt plötzlich wie eine Regieanweisung. Gerade in seinen letzten Momenten verwandelt sich der Film in einen Zaubertrick. Tom Sawyer klingt an, auch Mark Twain selbst. Man könnte das „verspielt“ nennen. Schlussendlich wirken viele der Kapriolen von „Dick Johnson ist tot“ wie eine Ersatzhandlung – wie das gequälte Lächeln, welches verdecken soll, dass man keine adäquate Antwort auf große Fragen findet.

Ich lebe, also filme ich

Natürlich ist es naheliegend, der erdrückenden Ernsthaftigkeit des Todes mit ostentativer Leichtigkeit zu begegnen. Einmal schläft Dick Johnson ein und schwebt mitsamt seiner Liege zur Zimmerdecke; ein Spezialeffekt unter vielen. Um einen Moment von großer Angst zu visualisieren, wird um ihn herum ein schauerliches Halloween-Set errichtet. Dick Johnson ist Siebenter-Tags-Adventist, seine Kinder wurden streng protestantisch erzogen. Auch für das Versprechen des Himmels gibt es eine albern bunte Sequenz mit goldenem Konfetti und angeklebten Aureolen. Das Jenseits als Musikvideo, zu grell und billig, wie der Anfang eines „Jackass“-Films. „Ob man sich die Unsterblichkeit als eine himmlische oder eine irdische vorstellt – solange man am Leben hängt, tröstet sie nicht über den Tod hinweg“, schreibt de Beauvoir.

Kino ist immer auch ein Traum vom Leben. Die Kamera bewahrt und friert in der Zeit ein. „Ich lebe, also filme ich. Ich filme, also lebe ich“, entwarf der Avantgarderegisseur Jonas Mekas seine Kino-Epistemologie. Doch „Dick Johnson ist tot“ fehlt dieses simple Vertrauen in die Kamera. Er funktioniert am besten, wenn einfach nur gefilmt wird. Das passiert zu selten. Und selbst dann nagen die Zweifel von tausend grellen Effekten an jedem Bild.

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