Abenteuer | USA 2020 | 156 Minuten

Regie: Denis Villeneuve

In einer fernen Zukunft übernimmt das Adelshaus Atreides die Herrschaft auf dem Wüstenplaneten Arrakis, um den Abbau eines kostbaren Rohstoffs zu überwachen. Doch der Auftrag erweist sich als tödliche Falle, was dramatische Ereignisse in Gang setzt, in deren Zug der junge Thronfolger der Atreides nach seiner Bestimmung sucht. Dabei spielen die indigenen Bewohner des Wüstenplaneten, die auf die Ankunft eines Messias warten, eine wichtige Rolle. Der erste Teil einer Neuverfilmung des gleichnamigen Science-Fiction-Romans von Frank Herbert entfaltet rund um die „Heldenreise“ seiner jugendlichen Hauptfigur ein intrigenreiches und gewaltvolles Drama mit dem Pathos einer griechischen Tragödie. Das monumentale Setdesign, der dröhnende Soundtrack und spektakuläre Kampfszenen befeuern ein megalomanisches Spektakel-Kino, in das Themen wie Kolonialismus, kapitalistische Ausbeutung und religiöse Heilssehnsucht einfließen. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
DUNE
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2020
Regie
Denis Villeneuve
Buch
Jon Spaihts · Denis Villeneuve · Eric Roth
Kamera
Greig Fraser
Musik
Hans Zimmer
Schnitt
Joe Walker
Darsteller
Timothée Chalamet (Paul Atreides) · Rebecca Ferguson (Lady Jessica) · Oscar Isaac (Herzog Leto Atreides) · Josh Brolin (Gurney Halleck) · Stellan Skarsgård (Baron Vladimir Harkonnen)
Länge
156 Minuten
Kinostart
16.09.2021
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Abenteuer | Drama | Fantasy | Literaturverfilmung | Science-Fiction

Bildmächtige Neuverfilmung des Science-Fiction-Romans von Frank Herbert um den Wüstenplaneten Arrakis und die Geheimnisse des jungen Thronnachfolgers Paul Atreides.

Diskussion

Wenn es Denis Villeneuve nicht gäbe, müsste man ihn erfinden. Geradezu perfekt scheint der franko-kanadische Regisseur eine immer wieder diagnostizierte Lücke im Gegenwartskino zu füllen. Eine kollektive, bewusste oder unbewusste Sehnsucht nach Ernsthaftigkeit im kommerziellen Kino findet in ihm einen Avatar. Feierlich dahingleitende Kontemplation in gedeckten Farben wider die buntwabernde Comic-Beliebigkeit. Er füllt Leinwände mit breit angelegter Sinnsuche, auf denen man zuletzt gar nichts dergleichen mehr zu finden hoffte. Doch wie die US-Konzeptkünstlerin Jenny Holzer schon 1982 als riesige Leuchtschrift über den Times Square strahlen ließ: „Protect Me From What I Want“.

Mit seiner Adaption des Science-Fiction-Klassiker „Dune“ von Frank Herbert aus dem Jahr 1965 inszeniert der Regisseur ein Spektakel der Leere. Einen pompösen Film über das Nichts und die endlose Dunkelheit jenseits der verdämmernden Zivilisation; eine Sammlung gewaltiger Bühnen, bevölkert von winzigen, verlorenen Menschen. Dort, wo nur die „[…] Leere der Wildnis und die Wüste, in der nichts lebt und nur die Sandwürmer und das Gewürz existieren können“, wie es im Roman über den Wüstenplaneten Arrakis heißt. Dune, der menschliche Todestrieb als Himmelskörper. Ein durch Gier verdorrter Garten Eden, auf dem das „Spice“ abgebaut wird, das nicht nur die entscheidende Ressource für interplanetare Reisen ist, sondern als Droge zugleich auch ein mächtiges Erkenntniswerkzeug darstellt.

Wo alles in Dunkelheit versinkt

Als solches ist es bitter notwendig: Villeneuve kleidet die von Frank Herbert, David Lynch und Alejandro Jodorowsky, aus Serien, Comics und Videospielen bekannten Ereignisse in protzige Schattenbilder, die oft wirken, als würde bald auch noch der letzte Rest wahrnehmbarer Welt in Dunkelheit versinken. Entscheidend sind weniger die Figuren – das edle Haus Atreides, die finsteren Harkonnen, das urtümliche Wüstenvolk der Fremen – als vielmehr, was sie umgibt.

Schon Villeneuves Film „Blade Runner 2049“ drängte in Richtung Installationskunst und gefiel sich als Sammlung von architektonischen Impressionen. Ewige Tempelräume, in denen der Film gemeinsam mit seinen Figuren nach der eigenen Menschlichkeit tastet. Auch „Dune“ ist eine Mischung aus Museum, Kathedrale und wehendem Sandmeer. Auf den Spuren von Yves Kleins Performance „Le Vide“, die Kunstliebhaber mit einer leeren Galerie konfrontierte. Überwältigungskino, das jeden Anflug von Schönheit auf dem Altar des Erhabenen opfert. Geprägt vom Gegenteil des „Horror Vacui“ – von einer grenzenlosen Lust an dem Abwesenden und „negative space“.

Hohepriester des Gottes Pathos

Villeneuves Protagonisten sind zumeist Suchende, die aufbrechen, um das Rätsel ihrer Existenz zu lösen, auch wenn die finale Erkenntnis sich oft als Katastrophe entpuppt. Das gilt auch für Paul Atreides (Timothée Chalamet), der von Träumen und Visionen heimgesucht wird. „Dreams are messages from the deep“, heißt es schon im Vorspann.

Als Arrakis im Jahr 10191 der Obhut seines Vaters, des Herzogs Leto Atreides (Oscar Isaac), übergeben wird, kommt er den Bildern von Wüstenkämpfern und heiligen Kriegen in seinem Inneren immer näher. Doch politisches Ränkespiel bringt alsbald jeden in Gefahr, der dem jungen Prinzen etwas bedeutet. Darunter auch seine Mutter, Lady Jessica (Rebecca Ferguson), die zur einflussreichen Schwesternschaft der Bene Gesserit gehört.

Der Film verwandelt die Darsteller in Statuen aus Marmor, in grimmige Steingesichter. Jeder Mann ein Atlas mit dem Gewicht der Welt auf seinen Schultern, jede Frau eine unerhörte Kassandra. Man spricht, als würde es Kraft kosten. Manchmal fällt es schwer, Figuren oder sogar Menschen zu erkennen, nicht nur Hohepriester für den großen Gott Pathos.

Die Bilder drängen zum Ikonischen

Seit „Die Frau die singt – Incendies“ (2009) drängen Villeneuves Bilder zum Ikonischen, wobei deren Kraft immer wieder von endlosen Erklärungen und aufdringlich schlichter Metaphorik unterminiert wurde. Das Expositorisch-Lexikalische seiner Filme bringt diesmal allerdings schon die Vorlage mit. Herberts Roman war immer schon auf paradoxe Weise gleichermaßen unverfilmbar und wie fürs Kino gemacht. Als Mischung aus galaktischer Bibel, fiktionaler Enzyklopädie und endlosem Namensregister ist die Fabel eher eine Liste als Literatur, eine Aufzählung von exotischen Neologismen, die die Unendlichkeit eines ganzen Universums suggerierten. Der Film sucht dieses Unermessliche in seinen Bildern. „Dune“ kennt fast nur noch Gesichter und Panoramen, den machtlosen Menschen und das Universum. Visuell lesbar ist der Einzelne nur als Heiligenbild oder als Teil kollektiver Geometrie, etwa als Soldat eines Bataillons. Es ist sicher kein Film der Nuancen, sondern im besten Fall brachial und im schlimmsten Fall tumb.

Eine typische Komposition: Zwei Menschen am untersten Bildrand kämpfen sich eine gebirgsähnliche Düne hinauf, die fast den ganzen Bildschirm füllt. Nur an der obersten Grenze der Leinwand ist ein Schlitz für den aus dem Weltraum schimmernden Mond. Oder: Herzog Leto in Gefahr, einsam auf endlosen Stufen aus schwarzem Stein, die in ihren Dimensionen so wirken, als wären sie nicht für Menschen gebaut. Alles ist titanisch, gigantomanisch, fast schon lächerlich groß. Bilder aus einem post-post-humanen Universum. All diese Kriege und Kabalen sind über die Jahrtausende hinweg zur Schicksalsmaschinerie geronnen, dem das Individuum sich hilflos gegenübersieht. Passend dazu auch die Musik von Hans Zimmer, eine Kriegserklärung an das Publikum; dramatisches Dröhnen trifft auf Orientalismus-Klischees.

Ein Transzendenz-Placebo

Ökologische Katastrophen, alternativloser Kapitalismus, archaische Hierarchien, Kolonialismus und ewige Konflikte wecken die Sehnsucht nach einer Macht, die über den steinernen Verhältnissen steht, nach einem Messias. Die Bene Gesserit nennen ihn den Kwisatz Haderach, die Fremen sehnen sich nach dem Außenweltpropheten Lisan al-Gaib. „Blade Runner 2049“, dem „Dune“ in vielerlei Hinsicht nachempfunden ist, war auch als Dekonstruktion klassischer Auserwählten-Mythen angelegt. Obwohl Frank Herbert nicht eben ein Freund charismatischer Über-Heroen ist, schwingt der Film sich zum Messianischen auf, hüllt sich in eine fadenscheinige Spiritualität und spielt mit den Sehnsüchten eines transzendental und kinematisch obdachlosen Publikums. Es ist eine Art von Kino, das von seiner eigenen Existenz manchmal so ergriffen ist, dass es nicht über das Beschwören seiner eigenen Urkräfte hinauskommt. Ein Transzendenz-Placebo. „Dune“ verlangt vom Zuschauer Ehrfurcht, wenn nicht sogar Unterwerfung, und gibt dafür wenig zurück, außer dem Gefühl des Unterworfenseins.

Deshalb muss die Frage erlaubt sein, ob die Filme von Denis Villeneuve oder auch Christopher Nolan nicht im selben Maße infantilisieren wie die der Marvel-Disney-Hegemonen. Als düsteres Spiegelbild, als Scheinalternative zementieren sie den Horizont des Traummediums Kino zu und meißeln ihre Namen in das Gestein am Rande unserer Wahrnehmung. In der Negation sind sie mit dem vernäht, was sie bekämpfen. Besinnungslose Prunksucht, Kunsthandwerk. Eine Leinwand voller Geld, nur ein wenig melancholischer.

Zwingend unvollendet

Der Film endet etwas plötzlich, fernab jeder greifbaren Dramaturgie, in jeder Hinsicht unvollendet. Visionen und Wirklichkeit sind erstmals zusammengefallen, doch kein Hauch von Finalität ist erahnbar. Franchise-Kino, „Dune – Part I“. Eigentlich wäre es konsequent, wenn nie ein zweiter Teil erscheinen würde. Wenn Villeneuves „Dune“ ganz Potenzial und Versprechen bliebe, ewig auf eine Leerstelle verweisend. Ins Nichts, auf das ohnehin alles in diesem endlos-öden Universum zustrebt. Eine Vision ohne die Schmach der Realität. Ein Traum, der Traum bleiben darf.

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