Coming-of-Age-Film | USA 2020 | Minuten

Regie: Silas Howard

Ein Serienprojekt der Theaterkünstlerin, Feministin und Schauspiel-Lehrerin Katie Cappiello rund um die Schüler einer High School in Brooklyn. Dabei greift die Serie Cappiellos Bühnenstück „Slut“ auf, in dem es um den sexuellen Übergriff auf eine Schülerin ging, und erweitert das Themenspektrum auf weitere Problemfelder und den Kampf um Zukunftsperspektiven, für den die Chancen je nach Gender- und ethnischer Zugehörigkeit ungleich verteilt sind. Bei dieser Fülle an Themen verliert sich die Serie bisweilen in Stereotypen, doch dem jungen Schauspielensemble gelingt es dennoch, den Figuren authentische Momente zu geben. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
GRAND ARMY
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2020
Regie
Silas Howard · Kim So Yong · Tina Mabry · Darnell Martin · Clement Virgo
Buch
Katie Cappiello · Ben Snyder · Alessandra Clark
Kamera
Ava Berkofsky · Autumn Eakin · Silas Howard · Andrew Wehde
Musik
Morgan Kibby
Schnitt
Ava Berkofsky · Autumn Eakin · Silas Howard · Andrew Wehde
Darsteller
Brittany Adebumola (Tamika Jones) · Odessa A'zion (Joey Del Marco) · Amir Bageria (Siddhartha Pakam) · Odley Jean (Dominique Pierre) · Maliq Johnson (Jayson Jackson)
Länge
Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Coming-of-Age-Film | Drama | Serie

An der Grand Army High School im New Yorker Stadtteil Brooklyn bereitet sich ein multikulturelles Grüppchen von Teenager auf die Zukunft vor und kämpft mit den aktuellen gesellschaftlichen Minenfeldern: Eine Miniserie als Generationenporträt.

Diskussion

Aus den schmuddeligen Klos einer Schulumkleide kommen merkwürdig stöhnende Geräusche. Gekicher von außen: „Die da drin lecken sich gegenseitig.“ Die Schülerin Joey schlägt von innen gegen die Tür: „Verpisst euch, ihr Fotzen!“ Sie nestelt tatsächlich zwischen den Beinen ihrer Freundin Gracey herum, aber in einer ganz anderen, nun ja, Angelegenheit: Sie hilft dem vor Panik heulenden Mädchen, ein verlorengegangenes Kondom aus seiner Vagina zu entfernen. „Findest du mich jetzt eklig?“, fragt die. „Nein! Ich liebe dich, okay?“ Joey trägt das Kondom triumphierend in die Umkleide und wirft es auf den Boden. „Wenn jemand von euch irgendetwas herumerzählt, dann mach ich diejenige fertig!“ Zu ihrer Freundin sagt sie nachdrücklich: „Wenn George zu blöd ist, ein Kondom zu benutzen, wird nicht mehr gebumst, ist das klar?“

Der Generation Z auf der Spur

Diese erste, bewusst explizite Szene der amerikanischen Serie „Grand Army“ macht unmissverständlich deutlich, was die folgenden neun Episoden sein wollen: ein unverblümter und authentischer Blick in das Leben der Generation Z. Auf der Grand Army High, benannt nach der nahegelegenen Grand Army Plaza im New Yorker Stadtteil Brooklyn, trifft eine multikulturelle Mischung an Jugendlichen aufeinander, die die Vorstellung von den USA als „Melting Pot“ wiederaufleben lässt. Die Serie folgt in mehreren Handlungssträngen einigen der Teenager: Joey, die mit provokant-frechen Aktionen feministische Standpunkte vertritt; Dominique, die als erste ihrer Familie auf die Uni gehen will; Sid, dem es schwerfällt, sich bei den konservativen Eltern als schwul zu outen; Leila, die alles dafür tut, um gemocht zu werden, und den beiden Kumpels Owen und Jayson, die gemeinsam Musik studieren wollen.

Auch das Genre High-School-Serie ist in der Generation Z angekommen und mit ihr die Themen und der Tonfall. Die Wirkmacht der sozialen Medien, der Drang zur politischen Teilhabe sowie das Hinterfragen eingeschliffener Machtstrukturen sind hier Thema – die Jugendlichen dieser Generation haben ihren Eltern eine Offenheit und Weitsicht voraus, die sich als „Wokeness“ zusammenfassen lässt.

Die Handlung verästelt sich in die Schicksale einzelner Schüler

Kurz nach dem Vorfall in der Umkleide löst ein Bombenanschlag auf dem Grand Army Plaza einen Lockdown in der Schule aus, während dem die gesamte Schülerschaft im Treppenhaus sitzt. Joey wird hier von einer Lehrerin für ihr knappes Outfit gerügt, obwohl sie direkt aus dem Sportunterricht kommt, Jayson und Owen bekommen Ärger, weil sie Dominique aus Spaß den Geldbeutel aus dem Rucksack nehmen, jedoch bei der Rückgabe 200 Dollar fehlen, und ein paar Jungs haben nichts Besseres zu tun, als eine „Bomb Pussy“ Liste anzulegen, auf die nur die „heißesten“ Mädchen der Schule gelangen.

Aus diesem Treppenhaus heraus verästeln sich dann auch die Handlungsstränge der gesamten Serie. Joeys Geschichte nimmt dabei eine prominente Stellung ein. Sie wehrt sich zunächst gegen die Diskriminierung der Lehrerin und macht mit einer „Free the Nipple“-Aktion auf die Dauersexualisierung des weiblichen Körpers aufmerksam. Als ihre Kumpels Luke und George sie auf einer Taxifahrt vergewaltigen, kehren diese ihren freizügigen und offenen Umgang mit ihrem Körper gegen sie. Dieser Handlungsstrang folgt in weiten Teilen einem Theaterstück, das Serienmacherin Katie Cappiello bereits an vielen Schulen inszeniert hat: „Slut – The Play“. Sie macht darin auf das Paradox aus Sexualisierung und Täter-Opfer-Umkehr aufmerksam.

Ein wilder Mix

Spätestens hier wird deutlich, dass „Grand Army“ sich selbst weniger im Geiste klassischer High-School-Komödien sieht, sondern vielmehr auf einer Welle mit Serien wie „Euphoria“ (seit 2019) oder der immer wieder problematisierten „Tote Mädchen lügen nicht“ (2017-2020). Die Aufarbeitung aktueller Themen und Geisteshaltungen steht im Vordergrund, und so schreibt „Grand Army“ sich die „Wokeness“ der jungen Generation auf die Fahne. Wie die High-School hier als Melting Pot firmiert, will die Serie genau dies für die Medienlandschaft sein und ordnet neben Joeys Drama jedem Teenager ein eigenes Trauma zu: Ein wilder Mix aus Sexismus, Rassismus, Homophobie, Klassismen, islamistischem Terror und Identitätskrisen jeglicher Art machen diesen Melting Pot jedoch zu einem überbordenden Allerlei, das die Figuren zum Opfer der Stereotypen werden lässt, die sie eigentlich durchbrechen sollten.

Da wird der haitianisch-stämmigen Dominique eine Zweckheirat mit einem Landsmann angetragen, um die Familie finanziell zu unterstützen, Sids Coming-out wird zur Lachnummer im Netz und die Kumpels Owen und Jayson werden für ihren Geldbeutel-Streich unverhältnismäßig hart bestraft. Es liegt nahe, dass das mitunter daran liegt, dass beide Afroamerikaner sind, und sie lösen eine schulweite Kontroverse über Rassismus und „racial profiling“ aus, die jedoch in Plattitüden über die Null-Toleranz-Politik der Schule endet. Dabei bleibt unbestritten, dass es all diese Probleme an Schulen und anderen Institutionen in genau dieser Fülle gibt, doch muss sich eine Serie durchaus selbst befragen, wie sie damit umgehen will. „Grand Army“ deutet dabei weniger auf Stereotype und Vorurteile hin, als dass sie diese reproduziert und unbewusst verstärkt.

„Trauma Porn“

Statt der eigentlich angestrebten Diversität und Repräsentation driftet der Plot dann bisweilen mit zu hohen Ansprüchen an sich selbst in „trauma porn“ ab, also der genüsslichen Zurschaustellung des Elends. Dabei hätte die Serie das Potenzial gehabt, zu zeigen, wie Jugendliche auf ihrer Identitätssuche auch übergreifende Verhaltens- und Denkweisen beeinflussen können, denn gesellschaftliche Veränderung und das pubertäre Einüben von gesellschaftlichen Regeln hätten hier eine breite Überschneidungsfläche geboten. In manchen Momenten blitzt dieses Potenzial durch, etwa in dem Keil, den die Bestrafung zwischen Owens und Jaysons Freundschaft treibt: Beide sind ausgezeichnete Saxophonspieler und erhoffen sich durch ihre Begabung einen Ausweg aus der Diskriminierung. Weil Owen es war, der den Geldbeutel aus Dominiques Rucksack genommen hat, wird er länger suspendiert als Jayson – und verpasst deshalb einen wichtigen Soloauftritt. Owen projiziert seine Enttäuschung auf Jayson, und dieser wiederum hadert mit dem Gefühl, den Freund hängen zu lassen, wenn er das Konzert dennoch spielt.

Solche Konflikte sind es, die „Grand Army“ letztendlich doch noch Leben einhauchen, weil sie sich nicht am Elend der Figuren ergötzen, sondern auch die langfristigen persönlichen Folgen der Diskriminierungen und Angriffe aufzeigen. Nicht zuletzt ist es das Schauspielensemble, das solche Momente auffängt und belebt – neben Odessa A'zion als Joey, Amir Bageria als Sid und Maliq Johnson als Jayson sind die Rollen mit jungen Darstellern und Darstellerinnen besetzt, die bereits in Cappiellos Theaterstück mitgewirkt haben und aus den manchmal oberflächlichen Dialogen dennoch greifbare Figuren machen. Die sich per Chat und Instagram anbahnenden Romanzen wirken dabei ähnlich lebensnah wie die herzlich-ruppige Mädchenfreundschaft zwischen Joey und Gracey.

Kommentar verfassen

Kommentieren