The Mortuary - Jeder Tod hat eine Geschichte

Episodenfilm | USA 2019 | 108 Minuten

Regie: Ryan Spindell

Horror-Episodenfilm über ein Leichenschauhaus, in dem der Bestatter eine junge Bewerberin mit gruseligen Geschichten aus der Vergangenheit beeindrucken will. Dabei geht es etwa um einen Oktopus im Badschrank, einen Aufreißer, der mit seinen eigenen Waffen geschlagen wird, sowie um die Bewerberin selbst. Gelungen sind die temporeich und mit sarkastischem Unterton inszenierten Episoden im nostalgischen Retro-Look vor allem dann, wenn sie mit absurden Übertreibungen die Grenzen zwischen Grauen und Komik verwischen. Die bemühte Originalität, mit der versucht wird, die Konventionen des Genres auszustellen, wirkt dagegen ziemlich penetrant.

Filmdaten

Originaltitel
THE MORTUARY COLLECTION
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2019
Regie
Ryan Spindell
Buch
Ryan Spindell
Kamera
Elie Smolkin · Caleb Heymann
Musik
Mondo Boys
Schnitt
Eric Ekman · Joseph Shahood
Darsteller
Clancy Brown (Montgomery Dark) · Caitlin Custer (Sam) · Christine Kilmer (Emma) · Jacob Elordi (Jake) · Ema Horvath (Sandra)
Länge
108 Minuten
Kinostart
22.10.2020
Fsk
ab 16; f
Genre
Episodenfilm | Fantasy | Horror

Horror-Episodenfilm über einen Leichenbestatter, der eine junge Frau mit gruseligen Geschichten zwischen Grauen und Komik beeindrucken will.

Diskussion

Es war einmal ein junger Schürzenjäger namens Jake (Jacob Elordi). Während er sich von den Nerds in seiner Studentenverbindung als großen Aufreißer feiern ließ, verkündete er den Mädchen auf dem Campus scheinheilig das Ende des Patriarchats. Eines von ihnen verführte er und setzte sich heimlich über den Wunsch hinweg, beim Sex zu verhüten. Die Strafe folgte sogleich. Was mit einem seltsamen Ausschlag begann, gipfelte in einem unappetitlichen Body-Horror-Exzess.

Schließlich landet Jake, wie fast alle Figuren im Horror-Omnibusfilm „The Mortuary – Jeder Tod hat seine Geschichte“, in einem staubigen viktorianischen Leichenschauhaus. Hier plaudert der selbst schon halb verweste Bestatter Mr. Dark (Clancy Brown) fleißig aus dem Nähkästchen. Die furchtlose und etwas altkluge Sam (Caitlin Custer) möchte bei ihm anheuern und die gruseligsten Erzählungen aus Darks Laufbahn hören. Von dieser Rahmenhandlung ausgehend, versammelt „The Mortuary“ eine Reihe von Lagerfeuergeschichten und steht dabei vor den Herausforderungen eines jeden Episodenfilms: Das Niveau zu halten und alles zu einem schlüssigen Ganzen zu verbinden.

Moralische Verfehlungen und ihre Bestrafung

Die verschiedenen Episoden sind zwischen den 1950er- und 1980er-Jahren angesiedelt und erzählen mit genießerischem Sarkasmus von moralischen Verfehlungen sowie ihrer Bestrafung. Dabei verbinden sie einen nostalgischen Retro-Look mit zeitgemäßen Rollenbildern. Unterhaltsam ist der Film über weite Strecken wegen seiner flotten Inszenierung und dem gekonnten Wechsel zwischen den verschiedenen Erzähltönen.

In der längsten Episode geht es etwa um den eigentlich aufopferungsvollen Ehemann Wendell (Barak Hardley), der seine schwer kranke, nur noch vor sich hinvegetierende Ehefrau (Sarah Hay) wegen finanzieller Probleme aus dem Weg räumen will. Was wie eine Art Sterbehilfe-Drama beginnt, wandelt sich durch einige unvorhergesehene Ereignisse zu einer schwarzen Komödie voller blutiger Scheußlichkeiten. Zu Höchstform läuft „The Mortuary“ sowieso immer dann auf, wenn er sich ganz seinen hemmungslosen und absurden Grausamkeiten hingibt. Wenn Regisseur Ryan Spindell Wirbelsäulen knacken und Körper zerbersten lässt, verschwimmen auch die Grenzen zwischen Grauen und Komik.

Das Geschichtenerzählen ist immer auch ein Thema

Allerdings versammelt „The Mortuary“ nicht nur schaurig lustige Geschichten, sondern will auch das Geschichtenerzählen selbst zum Thema machen. Immer wieder sind sich Mr. Dark und Sam uneins darüber, was eine gelungene Erzählung ausmacht. Die junge Frau pflügt dabei jede Episode im Nachhinein als vorhersehbar, belehrend oder schlichtweg nicht gruselig auseinander. Einiges von dieser demonstrativen Abgeklärtheit findet sich auch in der Haltung des Films. Er will nicht einfach nur bespaßen, sondern auch originell, clever, filmhistorisch bewandert und ironisch überlegen sein.

Besonders penetrant drängt sich diese etwas eitle Herangehensweise in der letzten Episode in den Vordergrund. Sams Vorgeschichte als Babysitterin, die von einem irren Killer heimgesucht wird, inszeniert Spindell nicht nur als Slasherfilm im Stil von John Carpenters Halloween – Die Nacht des Grauens, sondern lässt auch genau solch ein Werk über den Fernsehbildschirm flackern. Auch ansonsten trägt die Episode ihr Bewusstsein für die Konventionen des Genres zur Schau. Alles wird ein wenig veralbert, soll aber trotzdem noch als Horrorfilm funktionieren. Das Problem ist dabei weniger die Metaebene, als die Tatsache, dass sie nur dazu dient, die eigene Bewandertheit nach außen zu tragen.

Klassisches Gruselkino und postmodernes Gegenstück

So wie man Mr. Dark mit seiner schwarzen Kluft und den blutunterlaufenen Augen als Verkörperung eines klassischen Gruselkinos verstehen kann, so wirkt die neunmalkluge Sam gewissermaßen wie das postmoderne Gegenstück dazu. Ob diese Art von Schlaumeier-Genre jedoch wirklich das Zeug für eine neue Horror-Generation hat, daran bleiben nach „The Mortuary“ so einige Zweifel.

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