Von Liebe und Krieg

Kriegsfilm | Dänemark 2018 | 103 Minuten

Regie: Kasper Torsting

Deutsch-dänisches Kriegsdrama über einen dänischen Soldaten, der 1917 nach drei Kriegsjahren als Fremder in seine Heimat in Nordschleswig zurückkehrt. Doch gerade als zu seiner Frau und seinem kleinen Sohn wieder Nähe entsteht, soll er auf Betreiben eines deutschen Offiziers abermals an die Front geschickt werden. Der teils überzogen gespielte und symbolträchtig bebilderte Film schwankt zwischen psychologisch dichten, ergreifenden Momenten und plakativem Pathos. Die sentimental-oberflächliche Inszenierung wird dem authentischen Anspruch dadurch nicht gerecht. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
I KRIG OG KÆRLIGHED
Produktionsland
Dänemark
Produktionsjahr
2018
Regie
Kasper Torsting
Buch
Kasper Torsting · Ronnie Fridthjof
Kamera
Jesper Tøffner
Musik
Robin Hoffmann
Schnitt
Søren B. Ebbe · Simon Borch
Darsteller
Sebastian Jessen (Esben) · Rosalinde Mynster (Kirstine) · Tom Wlaschiha (Gerhard) · Thure Lindhardt (Hansen) · Ulrich Thomsen (Müller)
Länge
103 Minuten
Kinostart
15.10.2020
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Kriegsfilm | Liebesfilm

Deutsch-dänisches Kriegsmelodrama über einen Soldaten, der nach drei Jahren Krieg auch um Frau und Sohn kämpfen muss.

Diskussion

Vor hundert Jahren, am 14. März 1920, entschied eine Volksabstimmung in Schleswig den jahrzehntelangen Grenzstreit zwischen Dänemark und Deutschland. Die aufgrund des Zuschnitts der Wahlbezirke heftig umstrittene Abstimmung führte dazu, dass Nordschleswig an Dänemark fiel, während Südschleswig im Deutschen Reich verblieb. Zur Zeit des Ersten Weltkrieges war Nordschleswig noch Teil des Deutschen Kaiserreichs gewesen, weshalb 35.000 Nordschleswiger, von denen sich viele als Dänen fühlten, unter deutscher Flagge in den Krieg ziehen mussten. Vor diesem Hintergrund spielt „Von Liebe und Krieg“ von Kasper Torsting.

Eine Schwangerschaft ohne Vater

Das Drama erzählt die Geschichte der beiden dänischen Soldaten Esben und Jes, die 1917 nach drei Jahren an der Front in ihre Heimat zurückkehren. Esben, der im Alleingang einen feindlichen Panzer ausschaltete und seinen infolge einer Kriegsverletzung querschnittsgelähmten Freund in Sicherheit brachte, gilt als Kriegsheld. Die Verwundung an der Hand hat er sich allerdings selbst zugefügt; ein wohlmeinender Arzt erklärt ihn deshalb für kriegsuntauglich.

Nach Esbens Rückkehr erkennt sein kleiner Sohn Karl den Vater nicht wieder, und auch Esbens Frau Kirstine braucht Zeit, um sich wieder an ihn zu gewöhnen. Offenbar war der schneidige deutsche Offizier Gerhard während Esbens Abwesenheit in die Rolle des Ersatzvaters geschlüpft. Noch schlechter ergeht es Jes, der mit seiner Behinderung nicht klarkommt und dessen Frau Marie ein Verhältnis mit Gerhards sadistischem Gehilfen Hansen hat. Die Situation eskaliert, als der eifersüchtige Gerhard veranlasst, dass Esben nach seiner Genesung an die Front zurückgeschickt werden soll.

In einer Nacht-und-Nebel-Aktion versucht Esben daraufhin mit seiner Familie zu fliehen. Was scheitert. Doch immerhin gelingt es ihm, seinen Tod vorzutäuschen, sodass er sich auf dem eigenen Dachboden verstecken kann. Von dort aus muss er hilflos mitansehen, wie Gerhard seine Frau und seinen Sohn immer mehr umgarnt. Als Kirstine von Esben schwanger wird und ihr Geheimnis aufzufliegen droht, treffen die beiden eine verzweifelte Entscheidung.

Diesseits und jenseits: Familienfotos

Dieser nicht sonderlich originelle, aber spannende oder aufwühlende Plot soll auf einer „wahren Begebenheit“ beruhen. Dass ein historischer Hintergrund aber noch keine authentische Atmosphäre garantiert, offenbaren die kerzenschön stilisierten Bilder, mit denen Torsting die oftmals klischeebehafteten Drehbuchvolten plakatiert. Schon die in dramatische Streicher- und Klavierklänge getauchten Aufnahmen aus dem Krieg geraten eine Spur zu pathetisch.

Ein wenig abseits der Front versuchen Esben, Jes und ein deutscher Soldat ein zerbombtes Haus zu sichern, in dem sich französische Soldaten verschanzt haben. Der Deutsche verfängt sich im Stacheldraht. Um seine verräterischen Schreie zu unterdrücken, pressen die beiden anderen seinen Kopf so lange in die schlammige Erde, bis er endlich stillhält. Für immer. Esben, der in seiner Brusttasche ein Schwarz-weiß-Foto seiner kleinen Familie bei sich trägt, schleicht sich mit Jes ins Haus, wirft eine Granate in das Zimmer mit den Franzosen und tötet anschließend einen Schwerverwundeten mit einem gezielten Kopfschuss. Dann greift er in dessen Manteltasche und zieht ein Foto heraus, das den Toten mit dessen Frau und Kindern zeigt. Ein andermal versucht der Fahrer des Panzers, in den Esben eine Granate geworfen hat, lichterloh brennend aus der Luke zu klettern; erstarrt dann aber auf halbem Weg zu einem schwarzverkohlten Mahnmal.

Der Krieg im Off

„Von Liebe und Krieg“ verlagert den Stellungskrieg mit seinen Materialschlachten und Schützengräben vermutlich aus Budgetgründen ins Off, was in den Kriegsszenen eine surreale Stimmung evoziert, die unter den aufgerissenen Augen der überspielenden Darsteller vom Albtraumhaften ins Theatralische kippt. Mit der Rückkehr der beiden Soldaten in ihre Heimat beruhigt sich die Inszenierung vorübergehend etwas. Vor allem für die Entfremdung und zögerliche Annäherung zwischen Vater und Sohn, Mann und Frau findet der Film den passenden Tonfall; mit kleinen Gesten und ohne viel Worte. Die männlichen Antagonisten aber könnten genauso gut aus einem Film über den Zweiten Weltkrieg stammen, zwei lupenreine Fieslinge mit Nazi-Aura. Tom Wlaschiha spielt Gerhard keinen Deut anders als seinen Gestapo-Chef Hagen Forster in der Serie „Das Boot“: ein kaltblütiger Mistkerl mit gelegentlichen Anflügen von Menschlichkeit. Und der dänisch-stämmige Hansen, der sich als Quasikollaborateur den Deutschen anbiedert, ist und bleibt ohnehin ein waschechter Sadist.

Dieses moralische Gefälle trägt ebenso wenig zur Glaubhaftigkeit des Films bei wie das Pathos, das in dem Maße zurückkehrt, in dem sich die Handlung zuspitzt. Da lässt der kleine Karl sein Holzflugzeug durchs Morgenrot flattern, während Kirstine die Nachricht erhält, dass Esben gestorben sei. Spätestens wenn der offiziell für tot erklärte Esben sich einige Tage später nachts wie Aschenputtel aus seinem Versteck schleicht und mit wehendem Mantel über ein Feld eilt, um von außen durch die Fenster des Ballsaals zu beobachten, wie Kirstine und Gerhard gerade besonders zärtlich miteinander tanzen, ist das Drama endgültig zum Melodram erstarrt.

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