Du hast das Leben vor dir

Drama | Italien 2020 | 94 Minuten

Regie: Edoardo Ponti

Ein 12-jähriger Flüchtlingsjunge kommt in Italien bei einer Ex-Prostituierten unter, die ihr Geld mit dem Hüten der Kinder einstiger Kolleginnen verdient. Zunächst ist das Verhältnis gespannt, doch die traumatisierte Holocaust-Überlebende und der viel zu früh erwachsen gewordene Junge nähern sich einander allmählich an. Der Neuverfilmung des gleichnamigen Romans von Romain Gary fehlt es trotz guter Darsteller an Bewegung, Atmosphäre und Zwischentönen. Die konventionelle Inszenierung wirkt statisch und findet nur selten zu ausdrucksstarken Bildern und Momenten. - Ab 12.

Filmdaten

Originaltitel
LA VITA DAVANTI A SÉ
Produktionsland
Italien
Produktionsjahr
2020
Regie
Edoardo Ponti
Buch
Ugo Chiti · Edoardo Ponti · Fabio Natale
Kamera
Angus Hudson
Musik
Gabriel Yared
Schnitt
Jacopo Quadri
Darsteller
Sophia Loren (Madame Rosa) · Ibrahima Gueye (Momo) · Babak Karimi (Mr. Hamil) · Abril Zamora (Lola) · Renato Carpentieri
Länge
94 Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Ab 12.
Genre
Drama | Literaturverfilmung

In der Neuverfilmung des gleichnamigen Bestsellers von Romain Gary spielt Sophia Loren eine Holocaust-Überlebende, die sich eines Flüchtlingsjungen annimmt.

Diskussion

„Du hast das Leben vor dir“ von Edoardo Ponti beruht auf einem Roman, dessen Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte seinerseits filmreif sind. 1975 erschien der gleichnamige Titel des französischen Erfolgsautors Romain Gary; der Autor veröffentlichte das Werk aber unter dem Pseudonym Emile Ajar – und wurde dafür noch im selben Jahr mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet. Den renommierten Preis aber hatte Gary unter seinem echten Namen bereits 1956 erhalten. Als herauskam, wer hinter Emile Ajar steckte, führte das zu einem der größten Skandale der französischen Literaturgeschichte. Denn laut den Statuten kann man diese Auszeichnung nur einmal erhalten. Dazu kommt, dass sich Gary bei seiner Hauptfigur, dem einsamen Jungen Momo, von seinem eigenen Sohn Diego inspirieren ließ, der aus der tragisch endenden Ehe des Literaten mit der US-amerikanischen Schauspielerin Jean Seberg stammte.

Der italienische Filmemacher Edoardo Ponti verfilmte allerdings weder die Genese noch die weiteren Verwicklungen rund um Garys Roman, sondern dessen Inhalt, ohne sich auch nur im Geringsten von den schillernden Begleitumständen des Buchs anregen zu lassen. Der Film lässt auch nicht erkennen, weshalb die Vorlage als preiswürdig galt und so erfolgreich war. Der Roman wurde bereits 1977 unter dem Titel „Madame Rosa“ fürs Kino adaptiert, unter der Regie von Moshe Mizrahi, mit Simone Signoret in der Titelrolle. Eine weitere (TV-)Verfilmung folgte 2010, mit und von Myriam Boyer. Nun also die dritte Adaption, mit Sophia Loren, der Mutter des Regisseurs Edoardo Ponti, in der Hauptrolle.

Unfreiwillige Ersatzmutter für einen Flüchtlingsjungen

Weshalb diese Geschichte noch einmal erzählt werden muss, macht „Du hast das Leben vor dir“ nicht so recht klar. Der Film ist eine eher hölzerne Angelegenheit. Er erzählt die Geschichte des 12-jährigen Flüchtlingsjungen Momo (Ibrahima Gueye), der in die Obhut von Madame Rosa gegeben wird. Die etwas wunderliche Ex-Prostituierte verdient ihr Geld damit, die Kinder einstiger Kolleginnen zu hüten. Von der Aussicht, auch Momo bei sich aufzunehmen, ist sie zunächst wenig begeistert – hat der Junge sie doch kurz zuvor auf der Straße beklaut. Tatsächlich bringt der aufmüpfige Momo eine gewisse Unruhe und Aggression in die Wohngemeinschaft mit Rosa und seinen „Stiefbrüdern“ Iosif und Babu; außerdem fängt er an, für einen lokalen Drogenhändler zu dealen.

Trotzdem kommt er halbwegs verlässlich dem „Nebenjob“ nach, den ihm seine neue Ziehmutter vermittelt. Denn auch wenn er es nicht zugeben würde, mag Momo den geduldigen Kioskbesitzer Mr. Hamil, der ihm eine Haltung und seine muslimischen Wurzeln nahezubringen versucht. (Wer sich dabei an einen anderen - ebenfalls verfilmten - Erfolgsroman erinnert fühlt: Éric-Emmanuel Schmitts Bestseller „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ wurde wiederholt vorgeworfen, ein Plagiat des Romain-Gary-Romans zu sein). Auch die traumatisierte Holocaust-Überlebende Rosa und der viel zu früh erwachsene Momo nähern sich peu à peu an: Zwei Versehrte, die lernen, sich zumindest ein wenig zu öffnen. Doch dann zerfällt die leicht verlotterte, aber durchaus liebevolle Wohngemeinschaft, und Rosa wird gegen ihren Willen ins Krankenhaus gebracht. Momo ist wild entschlossen, sie zu retten.

Sophia Loren und ihre Madame Rosa

Die Beziehung zwischen Momo und Rosa, der Halt, den sie einander geben, ist der Kern der Story. Doch in der Inszenierung von Edoardo Ponti hapert es ausgerechnet an der Figurenzeichnung; sie bleiben eher blass und dem Zuschauer fremd – was nicht den Darstellern anzulasten ist; gerade Ibrahima Gueye zeigt in seiner ersten Rolle schauspielerisches Potenzial. Und es ist eine Freude, Sophia Loren bei einem ihrer äußerst raren Filmauftritte der letzten Jahren wiederzusehen; die gealterte Diva demonstriert in den besten Momenten des Films, was diese Madame Rosa so faszinierend macht: eine Mischung aus vom Leben gehärtet und das Herz am richtigen Fleck, aus Pragmatismus und Wunderlichkeit, äußerem Verfall und innerer Freigeistigkeit.

Insgesamt fehlt es Drehbuch und Regie aber an Bewegung, Energie, Atmosphäre und auch an Zwischentönen, gerade in der Beziehung zwischen Momo und Rosa, aber auch bei den Nebenfiguren. Die ruhige, konventionelle Inszenierung hat etwas Statisches; da werden Behauptungen aufgestellt, statt die Entwicklung (zwischenmenschlicher) Emotionen spürbar zu machen und Bilder für die Gemütszustände der Protagonisten zu finden. Der Film versucht dies zwar mit mehreren Tanz- und Musikszenen, doch die sind allzu beliebig und uninspiriert ins Geschehen geschnitten. Auch wird Rosas Auschwitz-Vergangenheit teils eher lehrbuchhaft thematisiert.

„Du hast das Leben vor dir“ besitzt durchaus gelungene, anrührende Momente: etwa die Szene, wenn Momo seiner Ziehmutter einen Mimosen-Zweig aus Plastik schenkt – und sie dies völlig überzeugend zum „schönsten Geschenk, das ich je bekommen habe“ erklärt. Doch solche emotionalen Verdichtungen finden sich nur allzu vereinzelt, um den Film als Gesamtwerk überzeugen zu machen.

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