Drama | Mexiko/Frankreich/Kolumbien 2020 | 96 Minuten

Regie: Yulene Olaizola

Ein mexikanisches Drama, angesiedelt an der Grenze zwischen Mexiko und Belize in den 1920er-Jahren: Weil sie sich nicht mit einem Großgrundbesitzer verheiraten lassen will, flieht eine junge Frau in den Dschungel, verfolgt von Häschern ihres Zukünftigen. Sie findet Aufnahme bei einer Gruppe von Arbeitern, die im Wald Kautschuk ernten. Die Anwesenheit der Frau sorgt in der Männergruppe bald für Spannungen und Konflikte, sie allerdings erweist sich als wehrhafter als zunächst angenommen. Der von einem Roman von Rafael Bernal inspirierte Dschungel-Western ist bemüht, anthropologische und mythologische Elemente in Einklang zu bringen. Eine Vermengung, die nicht durchgängig glückt. Überzeugend sind indes vor allem die eindringliche Soundkulisse und die evokative Prämisse. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
SELVA TRÁGICA
Produktionsland
Mexiko/Frankreich/Kolumbien
Produktionsjahr
2020
Regie
Yulene Olaizola
Buch
Yulene Olaizola · Rubén Imaz
Kamera
Sofía Oggioni
Musik
Alejandro Otaola
Schnitt
Rubén Imaz · Yulene Olaizola · Israel Cárdenas · Pablo Chea
Darsteller
Indira Andrewin (Agnes) · Gilberto Barraraza (Ausencio) · Mariano Tun Xool (Jacinto) · Lázaro Gabino Rodríguez (Caimán) · Eligio Meléndez (Mundo)
Länge
96 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Drama | Mystery

Ein zwischen Realität und Mystik changierendes Drama um eine junge Frau, die in den 1920er-Jahren bei einer Gruppe von Kautschuksammlern im Dschungel Mexiko und Belize für Spannungen sorgt.

Diskussion

Grüne Unschärfe, wabernde Formen ohne klare Konturen. Der Dschungel im Grenzgebiet zwischen Mexiko und der Kolonie Britisch-Honduras in den 1920er-Jahren. „Hier hat alles dieselbe Farbe. Alles scheint irgendwie gleich zu sein. Verborgen vor unseren Augen. Die Schmetterlinge, die Palmen, die Lianen. Alles scheint geduldig zu warten auf die Ankunft des Feindes.“ So schildert man es der jungen Agnes (Indira Rubie Adrewin). Sie ist der Kontrast, sie schält sich mit ihrem weißen Gewand aus dem ewigen Grün. Das macht sie nicht zwangsläufig zum Feind, aber zum irritierenden Fremdkörper. Diese Störung der chaotischen Harmonie im Dschungel zwischen Nationen und Zeitaltern ist die Grundlage von Yulene Olaizolas „Tragic Jungle“.

Ein sublimierter Slasher-Film

Der Dschungelfilm ist meist ein Western ohne Horizont. Beide Spielarten mythologisieren das Land, formen es gleichzeitig zur psychologischen Projektionsfläche und zur politisch-ökonomischen Kampfzone. Auch der vierte Spielfilm der spanischen Regisseurin verbindet den Urwald als Geisterwelt mit seiner ganz konkreten Materialität. Im Kern der Erzählung steht eine Gruppe von „Chiclero“, die den weichen Saft des Breiapfelbaums sammeln, um daraus Gummi zu machen. Das weiße Gold ist umkämpft, andere Sammler ziehen durch die Wälder. Eines Tages entdecken sie die bewusstlose Agnes und nehmen sie mit in ihr Lager. Ein englischer Großgrundbesitzer macht Jagd auf die junge Frau. Sie weckt auch das Begehren der Arbeiter, die ohnehin angespannte Stimmung schlägt in allgemeines Misstrauen und Feindseligkeit um.

„Tragic Jungle“ wurde bei den Filmfestspielen von Venedig uraufgeführt und lässt sich mühelos in der zeitgenössischen Festivallandschaft verorten. Kalkulierend langsam und immerzu die eigene Vieldeutigkeit beschwörend ist dieser sublimierte Slasher-Film weit davon entfernt, ein Unikat zu sein. Die Regisseurin verschränkt vieldiskutierte Topoi der Gegenwart miteinander: Destruktives männliches Begehren und Kolonialismus, die hier einer ähnlichen Logik folgen. Das weibliche Andere und indigene Mythen, die sich dem entgegenstellen.

Kollektive Raserei

Gierig starren die Kautschuk-Sammler auf die junge Frau, eifersüchtig blicken sie auf den jeweils anderen. Szene um Szene steigern sie sich mehr in eine kollektive Raserei hinein. Dabei sind sie weniger klar herausgearbeitete Individuen als vielmehr eine Masse bedrohlicher Gesichtszüge. Ihre Namen werden genannt, zu vollwertigen Figuren werden sie dadurch nicht. Sie gleichen tatsächlich dem Cast eines Horror-Films, der fast zwangsläufig im Laufe der Zeit schrumpfen muss. Körper, die in ihrer Sehnsucht zu erobern und zu verletzen ihre eigene Verletzlichkeit vergessen.

Endlose Nahaufnahmen von Händen und Narben greifen nach Adjektiven wie „sinnlich“, doch letztlich dienen die detailverliebten Aufnahmen von Kamerafrau Sofía Oggioni selten einem höheren Ziel. Die Einzelbilder sind nie Punctum im Bilderfluss, sondern gehen im nebulösen Ganzen auf. „Tragic Jungle“ ist letztlich zu sauber, zu segmentiert, um wirklich die fiebrige Stimmung zu schaffen, auf die so viele Regieentscheidungen drängen. Die Darsteller wirken immer, als müssten sie nur einen Schritt aus dem Bildkader tun, um aller Gefahr und allen Unannehmlichkeiten zu entrinnen. Auch wenn in jeder Einstellung Schicht um Schicht von Unterholz und Ranken vor den Figuren platziert wird, entsteht kein Gefühl von Tiefe. Hier geht nichts verloren. Die Elemente der Kompositionen verfließen, bis vom Belizer Regenwald eine unscharfe Fototapete bleibt.

Die chemische Reaktion zwischen Mythos und Fakten kommt nicht richtig in Gang

Man erkennt die Intention: ein Gleichgewicht zu schaffen zwischen Mythos und Faktum, zwischen Horror und Anthropologie. Doch es fehlt Intensität und Nachdruck, alles wirkt halbherzig und unfertig. Filmtheoretiker André Bazin argumentierte dafür, selbst Träume wie einen Dokumentarfilm zu filmen. Tatsächlich sind die fast ethnographischen Aufnahmen von der Chicle-Herstellung ungemein interessant. Auch einige abstraktere, übernatürliche Sequenzen sind für sich stehend reizvoll. Einmal verschwinden zwei Menschen gemeinsam unter einer Wasseroberfläche. Die Wogen verschwinden nach und nach, bis nur noch die spiegelglatte Fläche bleibt. Als hätte es hier nie Menschen gegeben, keine Kämpfe, sondern immer nur diese dräuende Stille. Nur das Zusammenfließen beider erzählerischen Ebenen im Wachtraum missglückt. Manchmal wirkt „Tragic Jungle“ wie ein Experiment, das eigentlich funktioniert müsste: Die verschiedenen Inhaltsstoffe sind wohl gewählt und manierlich arrangiert. Doch egal, wie viel Energie in die Reaktion gesteckt wird, sie bleibt aus.

Herausragend: das Sounddesign

Eindrucksvoll ist das Sounddesign des Films. Die Musik setzt immer lückenlos fort, was als Geräuschkulisse aus den Untiefen des Dschungels dringt. Die Töne umschlingen, wo es die Bilder nicht vermögen. Voiceover ergänzen den dichten Klangteppich und schaffen ein Gefühl für eine Erzählperspektive jenseits der Zeit. Auch viele der Dialoge sind ungemein dicht. Eingangs ist Agnes noch mit einer Gruppe unterwegs. Ihre Schwester Florence rät ihr: „Du hättest den Engländer heiraten können.“, womit auch geklärt wäre, wieso dieser sie mit einem Gewehr durch den Urwald hetzt. „Du bist weiß genug für seine Familie“, verweist als nächster Satz auf die diffizile ethnische Gemengelage, auf die sichtbaren und unsichtbaren Hierarchien der kolonialen Weltordnung. „Du hättest eine reiche Frau werden können. Ich hätte ihm erst vermeintlich die Kontrolle überlassen und sie dann an mich gerissen“, wird dann ein Teil der kommenden Dynamik vorweggenommen. Denn es ist nie ganz klar, wer Opfer und wer Täter ist. 

Die beiden Schwestern entstammen einer alten Maya-Legende um den weiblichen Dämon Xtabay. Eine evokative Sirenen-Geschichte, reichhaltig in ihrer Symbolkraft. Man könnte sich sowohl einen wundervoll reißerischen Horrorfilm als auch eine durchdachte Analyse dieser Motive vorstellen. Yulene Olaizola entscheidet sich für einen interessanten, aber nicht gänzlich überzeugenden Mittelweg. Ihre Geschichte vom Verlorengehen geht verloren. Sie verliert sich in sich selbst und geht auf im ewigen Grün des Dschungels.

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