Schatten der Mörder - Shadowplay

Serie | Kanada/Deutschland 2020 | Minuten

Regie: Máns Márlind

Achtteilige historische Thrillerserie im kriegszerstörten Berlin, in der 1946 eine neue Polizeieinheit im amerikanischen Sektor aufgebaut wird. Im Zentrum agieren der amerikanische Einsatzleiter sowie dessen deutsche Kollegin, die eine Hilfstruppe unbewaffneter Frauen anführt. Ziel der beiden ist es, einem Berliner Verbrecherkönig das Handwerk zu legen. Parallel dazu übt der vermisste Bruder des Amerikaners Rache an untergetauchten NS-Tätern. Trotz aufwändig gebauter Kulissen, internationaler Besetzung und multiperspektivischer Erzählweise mäandert die Serie überraschungsarm in diversen Genres, ehe eruptive Gewaltexzesse den zerfaserten Handlungsfluss weiter unnötig torpedieren.

Filmdaten

Originaltitel
SHADOWPLAY
Produktionsland
Kanada/Deutschland
Produktionsjahr
2020
Regie
Máns Márlind
Buch
Máns Márlind
Kamera
Erik Sohlström
Musik
Nathaniel Mechaly
Schnitt
Sven Budelmann
Darsteller
Taylor Kitsch (Max McLaughlin) · Michael C. Hall (Tom Franklin) · Logan Marshall-Green (Moritz McLaughlin) · Nina Hoss (Elsie Garten) · Tuppence Middleton (Claire Franklin)
Länge
Minuten
Kinostart
-
Genre
Serie

Berlin anno 1946: Die Trümmerlandschaft der geteilten Stadt als Serienkulisse für eine internationale Serienproduktion um Schuld und Sühne, alte und neue Verbrecher. Ab 30.10. zu sehen im ZDF und in der ZDF-Mediathek.

Diskussion

Berlin 1946: Im ersten Sommer nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist von Hitlers geplanter „Welthauptstadt Germania“ und deren Reichskanzlei nichts als Schutt und Asche geblieben. Denn die von den alliierten Siegermächten zuerst zerbombte und nun besetzte Stadt gleicht bis auf piekfeine Randbezirke wie Dahlem oder Steglitz weitgehend einer Trümmerlandschaft. Gleichzeitig rollen unter der Aufsicht amerikanischer GIs und diverser Vertreter der westlichen Besatzungszonen sowohl der Wiederaufbau wie die Entnazifizierung zögerlich an. Schließlich ist der „Nazi-Spuk“ noch nicht vollends zu Ende: Viele NS-Täter seien untergetaucht, heißt es bei den beschwerlichen Aufräum-Aktionen unter den nicht immer nur kuschenden Bevölkerungsgruppen, die sich vor allem aus Frauen, Kindern, Senioren und diversen „displaced persons“ zusammensetzen.

Good luck, Mr. America!“

Gleichzeitig stehen an vielen Brandmauerresten nach wie vor reichlich undiplomatische Straßenparolen wie „Berlin bleibt deutsch“, was den kürzlich eingetroffenen US-Polizisten Max McLaughlin (Taylor Kitsch) sichtlich irritiert. Zusammen mit der deutschen Hauptkommissarin Elsie Garten (Nina Hoss) soll der New Yorker Ermittler eine amerikanische Zivilpolizei aufbauen. Die Voraussetzungen dafür könnten nicht schlechter sein: „Es gibt keine Straßen mehr“, raunt ihm eine der zahllosen Trümmerfrauen regungslos entgegen. „Good luck, Mr. America!“

Der Argwohn vieler Deutscher gegenüber den Siegermächten ist vielerorts greifbar. Zudem lässt sich aus ausgemergelten Frauen, halbwüchsigen Kriegswaisen und älteren Kriegsversehrten keinesfalls eine schlagkräftige Einsatzgruppe rekrutieren, wie Max schnell feststellen muss. Und so dienen ihm erst einmal die Reste eines ehemaligen Bankgebäudes als provisorisches Polizeirevier sowie eine Reihe abgebrochener Stuhlbeine als „Schlagstöcke“ für seinen heterogenen Straßentrupp.

Zahlreiche offene Rechnungen

Parallel versucht Elsie, ihren in Russland vermissten Mann Leopold Garten (Benjamin Sadler) ausfindig zu machen, der inzwischen in Berlin inhaftiert sein soll, weshalb sie sich notgedrungen an den so skrupellosen wie galanten Offizier Izosimov wendet, der sie wiederum bald erpresst, um die nächsten amerikanischen Wiederaufbaumaßnahmen zu sabotieren und gleichzeitig den gewaltigen Schwarzmarkt auf russischer Seite weiter zu protegieren.

Draußen zwischen den Schuttbergen gehen derweil immer wieder einzelne Sowjetsoldaten rücksichtlos gegen „fringsende“ Zivilisten wie Kinder vor, so dass der soziale Unfrieden weiter hochkocht, den auch der im Untergrund agierende Gynäkologe Dr. Hermann Gladow (Sebastian Koch), genannt „Engelmacher“, als Berlins neuer Al Capone unentwegt befeuert. Zu ihm strömen schon seit längerem junge, desillusionierte „deutsche Fräuleins“ wie Karin Mann (Mala Emde), die nach Vergeltung strebt, weil sie am Ende der Kriegswirren von amerikanischen Soldaten vergewaltigt wurde und nun einen Arzt sucht, der verbotenerweise Abtreibungen vornimmt.

Zudem taucht dann auch noch Max’ verschollener Bruder Moritz (Logan Marshall-Green) in Berlin auf. Als junger GI hatte er die Befreiung des Konzentrationslagers Dachau miterlebt und sich dort an einem Massaker an Ex-Aufsehern beteiligt, ehe er als Deserteur untergetaucht war. In Analogie zum deutschen Kinderbuchklassiker „Max und Moritz“ startet er in den Berliner Kriegsruinen einen sadistischen Rachefeldzug gegen weitere NS-Verbrecher.

Zu viele Handlungsstränge

Es sind in der Tat viele Einzelschicksale, die Showrunner Måns Mårlind zusammen mit seinem langjährigen Regie- und Drehbuchpartner Björn Stein im internationalen Serienmehrteiler „Schatten der Mörder – Shadowplay“ erzählt, der hierzulande in einer gewaltreduzierten Version an vier aufeinander folgenden Fernsehabenden in Doppelfolgen ausgestrahlt wird. Im Grunde viel zu viele, wenngleich sie auch durchaus multiperspektivisch erzählt und von Kameramann Erik Sohlström gerade in den Verfolgungsjagden und Schusswaffenszenen der ersten Episoden mitunter bestechend in Szene gesetzt sind.

Das preisgekrönte Showrunner-Team hinter Erfolgsserien wie „Die Brücke – Transit in den Tod“ versucht in dem 34 Millionen Euro teuren Historienstück mehrmals einen spannenden Handlungsbogen zu schlagen, was allerdings spätestens im wirren Serienfinale scheitert und „Schatten der Mörder – Shadowplay“ in toto etwas Unfertiges, Rohes verleiht.

In einer teilweise kruden Mixtur aus diversen narrativen Bausteinen des Genrekinos, die vom Film noir über das Familiendrama bis hin zum Horrorkino und dem Hollywood-Melodrama à la Douglas Sirk reichen, ist es durchgängig mühsam, zentralen Plotpoints sowie dem allzu mannigfaltigen Figurenkarussell zu folgen, aus dem trotz einer Reihe erstklassiger Schauspieler letztlich niemand herausragt.

Trotz Kulissen-Aufwands kein eindrucksvolles Bild des Nachkriegs-Berlin

Und so ergötzt man sich wenigstens an den imposanten Kulissen, die in einer ehemaligen tschechischen Mine sowie einer alten Zuckerfabrik in der Nähe von Prag entstanden und dort Setpiece für Setpiece aufwendig zusammengebaut wurden, was sich im Vergleich zu ähnlichen Seriengroßproduktionen aus Potsdam-Babelsberg durchaus sehen lassen kann.

Allein die frontal aufgenommenen und an literarische „Stream of Consciousness“-Passagen erinnernden Miniszenen (Elsie: „Ich habe Angst davor, dass ich für ihn nur noch Krankenschwester bin, keine Geliebte mehr, keine Partnerin.“) sorgen als kleine Referenz an Bergman und Brecht für eine der wenigen gelungeneren Metaebenen in der insgesamt ziellos mäandernden Handlung, die oft genug an der Grenze zum Kitsch operiert, wenn zum Beispiel die Häftlinge des KZs Dachau in Zeitlupe und mit salbungsvoller Erzählstimme aus dem Off befreit oder die Ruinenlandschaften Berlins von doppelten Regenbögen überspannt werden.

Klischees & Gore

Überhaupt werden deutsche Klischees in dieser sicherlich ambitioniert angelegten „Stunde Null“-Variante keineswegs ausgespart, wie es sich beispielsweise in der klassischen Familienkonstellation eines Ex-Nazis mit gehorsamer Frau und redlichem Nachwuchs unrühmlich potenziert.

„Berlin 1946 war die Verbrechenshauptstadt der Welt: Es gab 200.000 Vergewaltigungen, es gab 3000 Morde... Ich dachte, dass dies ein interessantes Umfeld ist, um etwas über Menschlichkeit zu erzählen“, erklärt Måns Mårlind den persönlichen Reiz hinter diesem unausgegorenen Stoff, der meilenweit von der selbstreferenziellen Komplexität von Filmen über die unmittelbare Nachkriegszeit wie Christian Petzolds „Phoenix“, Carol Reeds „Der dritte Mann“ oder Rainer Werner Fassbinders „Die Ehe der Maria Braun“ entfernt ist. Was jedoch in Erinnerung bleibt, sind unzählige Allgemeinplätze im Drehbuch („Moritz, Hitler ist tot.“ – „Aber sein Geist lebt fort.“) und seltsam grausig inszenierte Schockmomente, in denen unter anderem eine ehemalige Aufseherin des Frauen-KZs Ravensbrück von Moritz auf ekelerregende Weise zu Tode gegrillt wird.

Kommentar verfassen

Kommentieren