Dokumentarfilm | Frankreich/Großbritannien 2019 | 85 Minuten

Regie: Carlos Casas

Ein Elefant und sein Elefantenführer sind auf dem Weg zu einem sagenhaften Friedhof der Dickhäuter; Wilderer, die hinter Elfenbein her sind, sind ihnen auf der Spur – doch dann nimmt die Reise zunehmend metaphysische Züge an. Ein experimenteller Film, der zunächst recht konkret und bildgewaltig bei seiner tierischen Hauptfigur bleibt, um sich dann zu einem assoziativen, ins Transzendentale spielenden Trip durch Urwälder, Legenden, Kinogeschichte und Wahrnehmungsräume aufzulösen. Trotz einer ambitionierten Bild- und Tonsprache bleibt der Film dabei allerdings zu vage, um die mythischen Dimensionen, in die er vorstoßen will, greifbar zu machen. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
CEMETERY
Produktionsland
Frankreich/Großbritannien
Produktionsjahr
2019
Regie
Carlos Casas
Buch
Carlos Casas
Kamera
Benjamín Echazarreta
Musik
Ariel Guzik · Sebastian Escofet
Schnitt
Felipe Guerrero
Länge
85 Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Dokumentarfilm

Eine Arbeit des spanischen Künstlers und Filmemachers Carlos Casas: Ein Elefant und sein Elefantenführer sind auf dem Weg zu einem sagenhaften Friedhof der Dickhäuter; Wilderer sind ihnen auf der Spur – doch dann nimmt die Reise immer mehr metaphysische Züge an.

Diskussion

Der Künstler und Filmemacher Carlos Casas versteht sich als Entdecker, der an entlegenen Orten der Erde Bilder macht. Sein „Cemetery“ geht dabei noch einen Schritt weiter als seine bisherigen Arbeiten, denn statt eines konkreten erforscht der Katalane hier einen mythischen Raum. Damit begibt er sich auch schnurstracks in jenes Minenfeld des zeitgenössischen Festivalkinos, in dem es oft nur so von Vagheiten wimmelt und die konkrete Beziehung zu den Bildern schwerfällt. Stattdessen soll man überwältigt werden, fühlen oder gar schlafen, was im Kino natürlich stärker funktionieren würde als zuhause, wo man den Film nun sehen kann, der am 18.11.2020 beim Streamingdienst MUBI seine Deutschland-Premiere hat.

Zwischen „Alien“ und Apichatpong Weerasethakul

Inspiriert von populären Mythen rund um Elefanten, die in ein archaisches Land reisen, wenn sie bereit sind zu sterben, driftet der Film in drei Kapiteln in eine digitale Übersinnlichkeit irgendwo zwischen der suggestiven Kraft von Alien und dem traumwandlerischen Flirren von Apichatpong Weerasethakul. Das erste und überzeugendste Kapitel des Films beschäftigt sich mit einem alten Ceylon-Elefanten und seinem Mahut (so werden die Führer von Elefanten in Sri Lanka genannt). Man sieht Tier und Mensch in täglicher Interaktion, wobei die Bilder so ausgewählt wurden, dass sie wirken, als würde der Mahut den Elefanten auf seine letzte Reise vorbereiten.

Eine Erhabenheit ruht in diesen bisweilen überwältigenden Bildern, zum Beispiel wenn nachts Glühwürmchen um den Elefant fliegen. Diese Erhabenheit hängt nicht nur mit der Schönheit der Bilder zusammen (vor allem für die im Halbdunkel gedrehten, während die Tagbilder bisweilen zu glatt wirken), sondern mit ihrer Erdung. Hier gibt es ein dokumentarisches Interesse für den Elefanten, dass dann schnell genreartigen Versatzstücken und einem spirituellen Ansatz weicht.

Eine Reise durch Urwälder, Legenden, Kinogeschichte

Denn im zweiten Kapitel taucht eine Gruppe von bewaffneten Wilderern auf, und mit ihnen verändert sich auch die Landschaft. In langen Verfolgungssequenzen irrt man mit den Menschen durch einen Wald, der mehr und mehr einer Science-Fiction-Kulisse gleicht. Sie finden nichts, aber ihre Gewalt macht Angst. Casas streift in solchen Bildern immer wieder eine Kritik am anthropozentrischen Weltbild. Felsen und Baumstämme sehen aus wie der Elefant, und geheimnisvolle Bauten erzählen von Kulturen, die es womöglich nie gab.

„Cemetery“ bereist alle möglichen Sphären: tatsächliche Urwälder, die Kinogeschichte, die Legenden, Fantasie und letztlich auch Wahrnehmungsräume, die unterbewusst oder übermenschlich entstehen.

Wenn der Boden unter den Füßen verloren geht

Das letzte Kapitel, das die eigentliche Reise und Ankunft des Elefanten am titelgebenden Friedhof bebildert, ist folgerichtig ein einziger Trip aus Ton (mehr) und Bild (weniger). Casas arbeitet mit dem langjährigen Mitarbeiter David Attenboroughs und Experten für die Töne der Natur Chris Watson und Ambisonics-Künstler Tony Myatt zusammen, um einen Klangteppich zu erschaffen, der auf der einen Seite voll und ganz in die Welt eintaucht und dadurch auf der anderen Seite jeden Boden unter den Füßen verliert. Es ist schwer zu erkennen, was für Töne man hört, weil man dem Film nicht trauen kann, dass die Töne irgendetwas mit der Landschaft zu tun haben, die man sieht. Man könnte sich fragen, was der Zweck eines so ausgeklügelten Tons ist, wenn es egal scheint, wo der Ton aufgenommen wurde. Dass die Idee einer Ankunft letztlich in platten Bildern von Bergen besteht, über deren Spitzen gerade so die Sonne lugt, sagt einiges aus über die Suche nach Bildern, die es letztlich gar nicht gibt und die dennoch versuchen, den Kern von „Cemetery“ zu bilden.

Dass man sich nicht vorstellen kann, wie es im Kopf eines Elefanten aussieht, ist ein uraltes philosophisches Problem, und noch älter gar ist die Frage nach dem Leben nach dem Tod. Der Versuch diese beiden Ebenen zu verbinden, scheitert wie vieles in „Cemetery“. In seinen besten Momenten vermag man die Vagheit des Films als verwegen wahrzunehmen, dann rührt sich etwas zwischen den Bildern, die einem bewusst machen, dass man sehr, sehr klein ist. Dass es mehr Filme über Elefanten bräuchte, steht ohnedies außer Frage.

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