Drama | Frankreich 2012-2015 | 380 (Staffel 1)/418 (Staffel 2)/405 (Staffel 3) Minuten

Regie: Rodolphe Tissot

Eine aus drei Staffeln bestehende französische Serie rund um eine Gruppe junger Männer, die in einem Kapuzinerkloster in Paris auf den Beruf als katholischer Priester vorbereitet werden. Rund um die angehenden Priester, den Pater, der ihre Ausbildung leitet, und diverse andere Protagonisten aus der Amtskirche oder dem persönlichen Umfeld der Protagonisten wird ein vielschichtiges Panorama aufgerollt, das sich mit den Hierarchien und der Organisation der katholischen Kirche und ihren aktuellen Reizthemen ebenso befasst wie mit den vielfältigen spirituellen wie lebenspraktischen Herausforderungen, die sich den Männern stellen. Dabei bleibt die Serie durch die Nähe zu ihren glaubhaft-lebensnah gezeichneten Figuren trotz der ein oder anderen etwas kontruierten Wendung durchgehend spannend. Aktuell sind alle Folgen der drei Staffeln in der arte-Mediathek bis 14. Juni 2021 online abrufbar. - Ab 14.
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Filmdaten

Originaltitel
AINSI SOIENT-ILS
Produktionsland
Frankreich
Produktionsjahr
2012-2015
Produktionsfirma
Arte France/Zadig Prod.
Regie
Rodolphe Tissot · Elizabeth Marre · Olivier Pont
Buch
David Elkaïm · Vincent Poymiro · Claudia Bottino · Jean Denizot · Claude Le Pape
Kamera
Pénélope Pourriat
Musik
Jean-Pierre Taïeb
Schnitt
Tina Baz · Isabelle Laclau · Julia Gregory · Franck Nakache · Mathilde van de Moortel
Darsteller
Jean-Luc Bideau (Pater Étienne Fromenger) · Thierry Gimenez (Pater Dominique Bosco) · Julien Bouanich (Yann Le Megueur) · David Baïot (Emmanuel Charrier) · Clément Manuel (Guillaume Morvan)
Länge
380 (Staffel 1)
418 (Staffel 2)
405 (Staffel 3) Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 12
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Drama | Serie

Heimkino

Verleih DVD
Tiberius
Verleih Blu-ray
Tiberius
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Die französische Serie erzählt in drei Staffeln von Leben, Lieben und Leiden in einem Kapuzinerseminar, wo angehende katholische Priester sich auf ihren Weg in der und für die katholische Kirche vorbereiten. Aktuell sind alle Folgen der drei Staffeln in der arte-Mediathek bis 14. Juni 2021 online abrufbar.

Diskussion

Zur Aufnahme in das Seminar der Kapuziner in Paris hält der Abt-Primas eine nachdenkliche Predigt. Es sei nicht leicht, Jesus nachzufolgen; der Lohn seien Ablehnung, Mühe und Schmerz. Man hat fast den Eindruck, dass Pater Étienne Fromenger es darauf anlege, die vier jungen Männer, die heute in das Seminar eintreten und Priester werden wollen, von ihrem Vorhaben gleich wieder abzubringen. Doch je mehr man den unkonventionellen Geistlichen kennenlernt, der früher einmal Arbeiterpriester war und ganz von der Öffnung der Kirche durch das Zweite Vatikanische Konzil geprägt wurde, desto besser versteht man seine Art, Dinge und auch Menschen anzugehen: Wozu bist du bereit? Kannst du auch über deine Grenzen gehen? Seine Haltung ist dabei immer wertschätzend und unterstützend, er wirkt im Seminar als Integrationsfigur, wird geliebt und bewundert. Jedoch auch Fromenger hat Schwächen: Mit dem für sein Seminar zuständigen Bischof, Kardinal Roman, verbindet ihn eine gegenseitige Abneigung, und die Finanzen des Seminars regelt der Abt-Primas am liebsten unkonventionell und unter der Hand.

So klingen recht schnell die Hauptthemen der Serie „Dein Wille geschehe“ an: Was bedeutet es heute, katholischer Priester zu werden und als katholischer Priester zu wirken? Wie „funktioniert“ die Institution katholische Kirche? Was bewegt junge Menschen, die sich in dieser Kirche auf einen Weg der Berufung begeben? Selbstverständlich gibt es typische Serienzutaten, die um die Themen Liebe, Verrat, Zweifel, Freundschaft, Loyalität, Intrigen und Macht kreisen. Eben der Stoff, aus dem fast alle Serien gemacht sind.

Fünf Protagonisten mit unterschiedlichem Hintergrund

Im Mittelpunkt der Serie stehen die jungen Männer, die sich – in gewisser Weise gemeinsam mit den Zuschauenden – auf den Weg machen: Da ist der unbedarfte Yann, Leiter einer Pfadfindergruppe in der französischen Provinz, der durch sein Gitarrenspiel und seinen Gesang auffällt und die Welt wie ein Kind zu betrachten scheint. Der farbige Emmanuel, der eine Promotion in Archäologie aufgibt und dann nach einer schweren Depression die Klinik verlässt, um auf direktem Wege zum Seminar zu gehen. Guillaume, der sich stets sozial engagiert, sorgt für seine jüngere Schwester sowie für seine alkoholkranke Mutter, die mit ständig wechselnden Liebhabern aus ihrem eigenen Leben zu flüchten scheint. Raphaël entstammt einer großbürgerlichen Industriellen-Familie und will vor allem der Firma und dem Einfluss seines Vaters entfliehen. So ergibt sich eine Gruppe, die in den Personen verschiedene Eigenschaften zusammenbringt: froh und naiv, verletzt und grübelnd, sozial und engagiert sowie reich und neu aufbrechend.

Der fünfte im Bunde bringt noch einmal eine ungewöhnliche und besondere Biografie mit: José hat acht Jahre im Gefängnis gesessen, da er einen anderen Mann (den „Russen“) getötet hat. Nun hat er den „Ruf Jesu“ vernommen und bedrängt Fromenger, aufgenommen zu werden, obwohl offiziell sein Gesuch bereits abgelehnt wurde. José wird es im Verlauf der Serie sein, der immer wieder ganz anders und überraschend reagiert, der aber auch mit besonders dunklen inneren (und äußeren) Dämonen zu kämpfen hat. Dadurch dass die jungen Männer nicht auf Typen reduziert werden, sondern echte Charaktere mit einem realistischen Hintergrund und entsprechendem Entwicklungspotential sind, bleibt die Serie auch durchweg interessant und spannend.

Eine Serie über echte Menschen

Für weitere – allerdings etwas konstruierte – Spannung sorgt die Ebene der Hierarchie: Die Rivalität zwischen Pater Fromenger und Kardinal Roman wird bis auf die Ebene des Vatikans ausgefaltet; der Papst selbst wird zum handelnden Akteur rund um die Ereignisse des Pariser Kapuzinerseminars. Mag es durch diese Zuspitzungen auch zu manch unwahrscheinlicher Wendung und Konstruiertheit kommen, so ist die Serie dank ihrer Charaktere doch erfreulich bodenständig und realitätsnah. Es ist kein Epos über Machtspiele in katholischen Klerikerkreisen, obwohl diese durchaus eine Rolle spielen. Es ist aber auch nicht nur eine Serie über Berufung, Heiligkeit und Priesteramt, obwohl diese Fragen zentral behandelt werden. Es ist vor allem eine Serie über echte Menschen, insbesondere fünf junge Männer, die sich mit ihrer unterschiedlichen Vergangenheit und den Verhältnissen, in denen sie eingebunden sind, gemeinsam auf einem Weg in und für die katholische Kirche befinden. Ihre Probleme sind durchaus alltäglich und beziehen sich auf ihre Familien, auf Liebe und Sexualität, Freundschaft und Vertrauen sowie auf die Auseinandersetzung mit den Anforderungen ihres zukünftigen Berufs.

Die Schöpfer der Serie, Produzent Bruno Nahon und die Drehbuchautoren David Elkaïm und Vincent Poymiro, sind keine gläubigen Menschen oder gar Kirchgänger, umso mehr sind sie von der ganz eigenen Welt des Seminars und der Kirche fasziniert. „Obwohl Gott für tot erklärt wurde, haben die Kirchenvertreter ein Charisma, das mich seit der Kindheit beeindruckt und beschäftigt“, wird Nahon im Heimkino-Begleitmaterial zur ersten Staffel zitiert (die drei Staffeln der Serie sind bei Tiberius/Sony auf DVD/BD erschienen) . Sein Ziel war eine typisch französische Serie zu kreieren, die die amerikanische Konkurrenz nicht zu fürchten bracht. Obwohl die Dramaturgie recht konventionell funktioniert, handelt es sich doch gerade durch Bildsprache, Montage und auch Musikuntermalung eher um Arthaus-Kino. Es wird viel Wert auf Gespräche und Charakterentwicklung gelegt; auch die immer wiederkehrenden Szenen, die Gebet und Gottesdienste zeigen, sind sensibel und mit Gespür für Atmosphäre in Szene gesetzt. Die Spannung speist sich aus den menschlichen Emotionen und Konflikten, äußerlich passiert eigentlich nicht viel. Die Nähe zum Theater ist letztlich weitaus größer als zum Hollywoodkino.

Formal ist „Dein Wille geschehe“ näher an Serien-Produktionen wie Top of the Lake (in deren Mittelpunkt Frauen stehen) als an typischen Fernseh-Pfarrer-Serien. Mit letzteren hat die französische Serie sogar sehr wenig gemein, was an der typisch französischen Art liegt, den Alltag realitätsnah und zugleich spannend zu inszenieren. Klassiker-Filme wie Auf Wiedersehen Kinder oder neuere Beispiele wie Gelobt sei Gott machen die Verbindung aus Katholischer Kirche, Erziehung und französischer Mentalitätsprägung deutlich. Auf vergleichbarem Niveau bewegt sich auch „Dein Wille geschehe“.

Wechselnde Schwerpunkte in den Staffeln

Im Zentrum der ersten Staffel steht das Wirken des unorthodoxen Paters Fromenger. Seine Perspektive auf die Konflikte innerhalb des Seminars und seine Auseinandersetzung mit dem Kardinal und römischen Stellen geben den Takt der Erzählung vor. Die jungen Seminaristen wiederum suchen nach ihrem Platz in der Gruppe und zuletzt auch im Leben. Die Auseinandersetzung rund um eine Gruppe Flüchtlinge wird sich zu einer Krise des ganzen Seminars zuspitzen, an deren Ende der Rücktritt Fromengers steht.

In der zweiten Staffel stehen die jeweiligen Stellvertreter im Mittelpunkt: Das Seminar wird nun von Pater Dominique Bosco geleitet und nach dem Umfalltod von Kardinal Roman ist der zu Anfang unsicher auftretende Kardinal Poileaux an die Spitze der französischen Bischofskonferenz getreten, die sich – so wie das Kapuzinerseminar in der ersten Staffel – hauptsächlich mit Finanz- und Führungsproblemen herumschlägt.

Zwar sind die fünf Seminaristen aus der ersten Staffel weiterhin dabei, aber in unterschiedlicher Nähe zum Seminar: Zu Beginn der Staffel sind nur drei der Gruppe noch in der Ausbildung. Der Zuschauer begegnet gereiften jungen Männern, die sich individuell und auch in ihrer jeweiligen Rolle weiterentwickelt haben. Durch Praktika werden Konflikte außerhalb des Seminars deutlich: Begegnung mit Schülerinnen und Schülern, die bischöfliche Pressearbeit oder auch ein Heim für junge, schwangere Frauen.

Die Geschichten differenzieren sich weiter aus, werden aber noch durch den Ort des Kapuzinerseminars und den gemeinsamen Weg zum Priesteramt zusammengehalten. Die Ereignisse spitzen sich zu, als ausgerechnet das Kapuzinerseminar von Kardinal Poileaux zum Verkauf ausgeschrieben wird, um die finanziellen Probleme der französischen Bischofskonferenz zu lösen und um – wie er sagt – die „Kirche Frankreichs zu retten“.

Nach Verkauf und Schließung des Seminars spielt die dritte Staffel an unterschiedlichen Orten: Yann, Guillaume und José sind nun als Vikare an unterschiedlichen Pfarreien weit entfernt voneinander tätig. Emmanuel hat sich wieder der Archäologie zugewandt und Raphaël ist in Rom tätig. Pater Bosco hat sich in das bischöfliche Archiv zurückgezogen. Kardinal Poileaux hat im Zuge der Sparmaßnahmen und der Haushaltskonsolidierung als Vorsitzender der französischen Bischofskonferenz sichtlich an Profil gewonnen. Pater Fromenger, der am Ende von Staffel zwei nach China aufbrach, ist zurück in Frankreich und verfolgt erneut eine ganz eigene Agenda.

Neben den Schwierigkeiten, berufliche oder private Beziehungen im Gleichgewicht zu halten, arbeitet sich auch die dritte Staffel in differenzierter Weise an Problemen von kirchlichem Handeln und persönlichem Glauben ab: Was ist der richtige Umgang mit Missbrauch an Minderjährigen? Was bedeutet der Auftrag, für sozial Ausgegrenzte, Andersgläubige und Arme da zu sein, ganz konkret? Wie werde ich Leitung, Verantwortung, Barmherzigkeit und Nächstenliebe zugleich gerecht? Nicht zuletzt spielen auch die Fragen nach Freundschaft, Loyalität, Respekt und Toleranz im zwischenmenschlichen Bereich eine große Rolle. Auf der Ebene der Hierarchie wagt sich die Serie bis in das Konklave einer Papstwahl vor.

Problematisierte Reizthemen der katholischen Kirche

Die Stärke der Serie ist in allen Staffeln in den Charakteren und deren Entwicklungspotential zu sehen. Man begleitet diese Menschen gern, weil sie (überwiegend) echt wirken und man die Streitfragen und Alltagsprobleme nachvollziehen kann. Natürlich problematisiert das Drehbuch bestimmte Reizthemen der katholischen Kirche: Die Machtstrukturen der weltweiten Institution, die Haltung zur Sexualität (es gibt auch zwei explizit homosexuelle Charaktere), das Verhalten zum Geld und damit verbunden der Widerstreit aus Arm und Reich und nicht zuletzt natürlich die authentische Suche nach Gott in Gegenüberstellung zu Bigotterie sowie Doppelmoral. Da der Missbrauchsskandal der katholischen Kirche in der französischen Öffentlichkeit erst durch die Fälle in Lyon und den Prozess um Kardinal Barbarin breite Aufmerksamkeit erlangt hat, spielt dieses Themenfeld in den ersten beiden Staffeln der Serie keine Rolle, erhält aber in Staffel drei einen Schwerpunkt in einem eigenen Handlungsstrang.

Genauso unvermittelt wie der Betrachter mit dem Leben der jungen Männer, den Angehörigen des Kapuzinerseminars und den hierarchischen Ebenen der katholischen Kirche konfrontiert wurde, genauso offen und im Handlungsfluss verlässt die dritte Staffel ihr Personal wieder. Es mag manchen Betrachter unbefriedigt zurücklassen, dass viele Probleme ungelöst bleiben, spricht aber für die Realitätsnähe der Serie, ebenso dass manche Figuren aus dem Blick geraten, andere ins Zentrum rücken.

„Seid ihr wirklich bereit, Jünger Jesu zu werden?“, fragte Pater Fromenger in der allerersten Folge, und Yann, Guillaume, Emmanuel, Raphaël und José standen noch am Anfang eines Weges. Am Ende der Serie ist dieser Weg farbiger, komplexer und wendungsreicher geworden, aber lange noch nicht beendet. Genau darin liegt Stärke und Faszination von „Dein Wille geschehe“: Es werden mehr Fragen gestellt als Antworten gegeben, und darüber verzeiht man gerne manches Klischee oder manche Drehbuchkonstruktion. Es bleibt eher die Hoffnung auf eine Fortsetzung.

Aktuell sind alle Folgen der drei Staffeln in der arte-Mediathek bis 14. Juni 2021 online abrufbar.

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