Drama | Griechenland/Frankreich/Bulgarien 2017 | 111 Minuten

Regie: Elina Psykou

Nach zwei Jahren Exil in Griechenland holt eine Russin ihren 10-jährigen Sohn zu sich, dem sie verheimlicht hat, dass sie inzwischen mit einem alten, strengen Mann verheiratet ist. Der Junge versteht weder die Sprache noch die neuen familiären Regeln, muss sich aber gleichzeitig gegen den Stiefvater wehren, der aus ihm einen Sohn nach seinem Geschmack formen will. Mit verspielt surrealen Sequenzen strukturiert das strenge Drama seine Bilderfolgen über Adoleszenz, Macht und die Fluchtmöglichkeit durch Fantasie, wobei sich Wunsch und Wirklichkeit nicht immer trennscharf unterscheiden lassen. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
O GIOS TIS SOFIAS
Produktionsland
Griechenland/Frankreich/Bulgarien
Produktionsjahr
2017
Regie
Elina Psykou
Buch
Elina Psykou
Kamera
Dionysis Efthymiopoulos
Schnitt
Nelly Ollivault
Darsteller
Victor Khomut (Misha) · Valery Tscheplanowa (Sofia) · Thanasis Papageorgiou (Mr. Nikos) · Artemios Havalits (Victor) · Areti Seidaridou (Nina)
Länge
111 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Drama

Streng stilisiertes Drama über die Wiederbegegnung eines Jungen mit seiner Mutter, die nach Griechenland ausgewandert ist und dort einen alten, strengen Mann geheiratet hat.

Diskussion

Nach zwei Jahren Trennung trifft der zehnjährige Mischa seine Mutter am Flughafen in Athen; er kommt aus Russland. Die Mutter verließ ihn nach dem Tod seines Vaters, um in Griechenland neu anzufangen. Jetzt holt sie ihn zu sich. Diese erste Wiederbegegnung ist zurückhaltend; Mutter und Sohn verziehen kaum eine Miene; das einzige lachende Gesicht gehört einem riesigen Plüschzebra, das Mischa zur Begrüßung bekommt.

So geht es weiter in „Son of Sofia“ von Elina Psykou. Die jugendliche Hauptfigur verschanzt sich hinter emotionsloser Erstarrung. Jedes Gefühl wird durch ein Kuscheltier ersetzt. Das ist auf Dauer ein bisschen anstrengend, doch „Son of Sofia“ ist ein artifizieller griechischer Film und außerdem arbeitet Sofia in der Spielzeugherstellung.

Eine lange Fahrt ins Tableau

Mutter und Sohn fahren mit dem Bus in Sofias neues Leben, von dem der Junge wenig weiß. Sie lebt jetzt bei einem alten, strengen Mann. Das hat sie ihm verschwiegen, wie Sofia im Bemühen um Harmonie überhaupt viel verschweigt. Der Film aber zeigt, wie kurz die Lebensdauer einer solchen Strategie ist, bevor alle Betroffenen die Wahrheit entdecken und der Ärger sich potenziert. Vorläufig aber bleibt der Film bei der Heimfahrt, bei jenem unangenehmen Zeitraum, der zwischen Ankunft und Zuhause liegt: im öffentlichen Raum sein, verlegen miteinander reden, den Moment des privaten Zusammenseins fürchten oder erhoffen. „Son of Sofia“ ist präzise in der Schilderung dieser Wirklichkeit, samt Zebra und singenden Bettelkindern. Alles wirkt trist, aber real.

Die Tristesse steigert sich in der Wohnung von Nikos, dem alten Mann, die Realität hingegen nimmt ab. Die Kamera legt die Zimmerfluchten ins Halbdunkel und dreht lange Totalen durch sie hindurch, die Bilder sind gestaffelte Tableaus, ganz hinten stehen die Protagonisten mit unbewegten Mienen. Dazu zeigt die Inszenierung Szenarien eines patriarchalischen Alltags, in denen Mischa in einen Vorzeigesohn verwandelt werden soll. Der eitle Nikos ist von Anfang an übergriffig. Er ändert alles an Mischa, sogar dessen Namen, er fordert Disziplin genauso wie Bewunderung. Er hat aber freundliche Momente: Er kostümiert sich gern, tanzt zum Grammophon, nimmt Mischa an Filmsets mit, bei denen er in der Statisterie arbeitet.

Wunsch oder Wirklichkeit

Aber Sympathie gibt es nicht zwischen den beiden. Was nicht nur der Strenge des Alten geschuldet ist, sondern der Rivalität um die Frau. Denn auch das erfährt Mischa zu spät: Seine Mutter ist nicht die Pflegerin von Nikos, sondern seine Ehefrau. Sie ist nicht mehr allein für Mischa da; das merkt er, wenn er nachts herumschleicht, um an ihre Tür zu klopfen. Die ist versperrt, denn die Mutter liegt im Bett von Nikos, was Mischas Position nicht leichter macht – fremde Sprache, fremdes Land, jetzt auch noch Einsamkeit.

So geht es allmählich raus aus der Realität, rein ins Unterbewusste des Jungen, der reizende Begegnungen mit Zebra, Kuh, Bär, Krokodil oder Wolf heraufbeschwört, ohne dafür die Wohnung zu verlassen. Er durchstreift geheime Rumpelkammern, weckt Erinnerungen an Alices Wunderland, so wie die Räume enger oder weiter werden, je nachdem, wie viele verkleidete Männer oder in Zellophan verpackte Riesenkuscheltiere dort gerade Platz brauchen. „Son of Sofia“ liefert ein paar überraschende Wendungen, darunter eine, die die Machtverhältnisse völlig neu verteilt, aber Garantien gibt es nicht: Der Zuschauer muss selbst entscheiden, was Wunschvorstellung oder Wirklichkeit ist.

Die Gemeinheit der Heranwachsenden

Elina Psykou setzt auf bekannte Themen: die Verwirrung der Adoleszenz, die verräterischen Erwachsenen, eine Idee von Befreiung. Diese setzt sie in aller Ruhe mit viel stilistischer Spielerei um. Sie beobachtet die Protagonisten, zerstückelt Taten und Fantasie, mischt die Teile durch und bringt sie wieder zusammen wie ein Puzzle, bei dem neue Situationen aufgedeckt werden, ohne dass die alten abgeschlossen wären. Wer ergebnisorientierte Geschichten sehen will, muss sich ans US-amerikanische Kino halten. Trotzdem trifft Psykou inhaltlich ein paar für das Genre rare Entscheidungen, denn sie erinnert daran, dass die Heranwachsenden ihren Eltern an Gemeinheit durchaus ebenbürtig sein können.

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