Jackpot (2020)

Thriller | Deutschland 2020 | 88 Minuten

Regie: Emily Atef

Die Angestellte eines Abschleppdienstes findet in einem Auto eine Tasche mit über 600.000 Euro und nimmt sie an sich, um sich und ihrem gelähmten Freund ein besseres Leben zu ermöglichen. Allerdings will der Besitzer die Tasche unbedingt zurück und zeigt dabei, dass er keinerlei Spaß versteht. Spannender, anspruchsvoller Thriller über die Verführbarkeit des Geldes, der sich in erster Linie um die Beziehungen der originell gezeichneten Hauptfiguren dreht. Dabei verliert er aber die Krimihandlung nicht aus den Augen, sondern unterstreicht mit ihrer Hilfe die angeschnittenen Fragen von Moral und Schicksal. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2020
Regie
Emily Atef
Buch
Frédéric Hambalek
Kamera
Bernhard Keller
Musik
Christoph M. Kaiser · Julian Maas
Schnitt
Bernd Euscher
Darsteller
Rosalie Thomass (Maren Neue) · Thomas Loibl (Henning Karoske) · Friedrich Mücke (Dennis Neue) · Artemis Chalkidou (Angeliki Karoske) · Hilmar Eichhorn (Gerhard Schüler)
Länge
88 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Thriller

Ein (Fernseh-)Thriller um eine Frau, die eine Tasche mit sehr viel Geld findet und sich davon im Glauben, endlich ihre Probleme lösen zu können, verführen lässt.

Diskussion

In einem kurzen Prolog – Schauplatz ist eine großzügig geschnittene Hochhauswohnung – schießen sich zwei Männer gegenseitig über den Haufen; mehr erfährt man noch nicht. Allerdings hat einer von ihnen sein Auto auf einem Behinderten-Parkplatz abgestellt. Nun kommt Maren (Rosalie Thomass) ins Spiel, die Mitarbeiterin eines Abschleppdienstes. Sie kutschiert den Wagen zum Diensthof und findet im Innern eine Tasche voller Geld. Das könnte sie selbst gut gebrauchen. Ihr Lebensgefährte Dennis, ein Maurer, ist bei einem Arbeitsunfall betrunken vom Dach gefallen und seitdem gelähmt. Als sie abends nach Hause kommt, schleppt sie ihn huckepack die Treppe hinauf bis in den vierten Stock. Eine schöne Szene der Verbundenheit, die zugleich zeigt, dass Maren eine starke, entschlossenen Frau ist.

„Jemand ist nachlässig, wir profitieren“, rechtfertig sie ihre Skrupellosigkeit. Dennis hingegen ist ein Zauderer, der mit seinem Schicksal hadert. „Willst du wieder ins Gefängnis?“ fragt er Maren. Ein erster Hinweis, dass die junge Frau ein Geheimnis verbirgt. Mittlerweile wurde man Zeuge, wie einer der beiden angeschossenen Männer aus dem Prolog sich hochrappelt – er trug eine kugelsichere Weste – und sich auf die Suche nach dem Geld macht. Es ist Henning Karoske (Thomas Loibl), ein Mann, der keinen Spaß versteht. Ohne mit der Wimper zu zucken, erschießt er die Freundin des Toten, nachdem die ihm wichtige Hinweise geliefert hat. Dann steht er plötzlich im Büro des Abschleppdienstes, im intensiven, misstrauischen Blickduell mit Maren, das nichts Gutes verheißt.

Eine Projektionsfläche für Wünsche und Sehnsüchte

Mit „3 Tage in Quiberon“ sorgte Regisseurin Emily Atef bei der „Berlinale“ 2018 für Furore. Seitdem hat sie den interessanten „Tatort“-Krimi „Falscher Hase“ gedreht und nun einen coolen Thriller, vielleicht nach dem Vorbild Hollywoods – „Kill Me Again“ von John Dahl kommt einem in den Sinn –, aber doch mit ganz eigener Handschrift. Übergeordnetes Thema ist bei Atef die Verführbarkeit durch das viele Geld, das manches Problem lösen könnte. Es ist eine Projektionsfläche für Auswege und Wünsche. Ein Reiz, dem man irgendwann nicht mehr widerstehen kann. Wenn sich die gezählten Scheine – 622.500 Euro – auf dem Wohnzimmertisch stapeln, hat Maren ihren Lebensgefährten endlich auch von der Rechtmäßigkeit des Besitzes überzeugt: „Ich glaube, dass wir das Geld haben sollen. Es ist kein Zufall.“

Die Schicksalshaftigkeit des Besitzes wischt alle moralischen Bedenken über Bord. Fortan blickt „Jackpot“ mehr auf die Beziehungen der Figuren als auf die Krimihandlung. Maren liebt Dennis, obwohl er so ein Verlierer ist. „Du fällst besoffen vom Dach, ruinierst unser Leben, und ich bin immer noch da“, schreit sie in einem Streit einmal verzweifelt aus sich heraus. Henning Karoske hingegen hat Frau und Kind, mit denen er im Ausland einen Neuanfang wagen will. Der liebevolle Umgang mit seiner Tochter steht im krassen Gegensatz zur Gewissenslosigkeit, mit der er tötet. Die Grenzen von Gut und Böse verwischen.

Stichwort: Behinderten-Parkplatz

Dann gibt es aber auch noch Marens Chef, der von dem Geld nichts wissen will und Dennis zurechtweist („Steh immer zu deiner Frau!“), als der ihm die Tasche aushändigen will, sowie Marens schwarze Freundin Jenny, die sie über Karoskes Gefährlichkeit aufklärt; zwei stimmig geschriebene Nebenfiguren, die die Protagonistin noch treffender charakterisieren. Atef treibt den Film nur langsam voran, die Action ist sparsam gesetzt und wirkt darum umso erschreckender. Die Polizei kommt meist zu spät und kann nur das Schlussbild einer Tat konstatieren. Originell ist auch das offene Ende, das mit einer ironischen Pointe zum Anfang zurückführt. Stichwort: Behinderten-Parkplatz.

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