Drama | Frankreich 2020 | 93 Minuten

Regie: Charlène Favier

Eine 15-Jährige wird auf einer Schule mit renommiertem Ski-Unterrichtsprogramm aufgenommen. Mit Ehrgeiz und Entschlossenheit nimmt sie das fordernde Training auf und erwirbt sich durch Wettkampferfolge das Wohlwollen ihres rigorosen Trainers; als dessen Anteilnahme jedoch in sexuelle Übergriffe mündet, gerät die Jugendliche in eine psychische Notlage, an der sie zu zerbrechen droht. Ein sensibel und detailsicher entwickeltes Drama über das Leid unter einem Komplex sexuellen und systemischen Missbrauchs, das mit brillanten Hauptdarstellern die nuanciert gezeichneten Figuren auslotet. Indem der Film Schwarz-weiß-Muster vermeidet, lässt er mutig auch unbequeme erzählerische Widerhaken zu. - Sehenswert ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
SLALOM
Produktionsland
Frankreich
Produktionsjahr
2020
Regie
Charlène Favier
Buch
Charlène Favier · Marie Talon
Kamera
Yann Maritaud
Musik
Low Entertainment
Schnitt
Maxime Pozzi-Garcia
Darsteller
Noée Abita (Lyz) · Jérémie Renier (Fred) · Marie Denarnaud (Lilou) · Muriel Combeau (Catherine) · Maïra Schmitt (Justine)
Länge
93 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 16.
Genre
Drama

Sensibles Drama über eine junge Skifahrerin, die sowohl an dem selbst auferlegten wie von ihrem Trainer beförderten Leistungsdruck laboriert wie auch an sexuellen Übergriffen des Mannes.

Diskussion

Zauberhaft sieht es aus, wie der Schnee nachts rund um die Schule in den Alpen niederfällt. Auch die 15-jährige Lyz beobachtet fasziniert den leisen Fall, sieht dem Schneepflug bei seiner Arbeit zu und fühlt sich unwiderstehlich aus ihrem Zimmer nach draußen getrieben. Die Kälte scheint ihr nichts auszumachen, als sie die weißen Flocken mit dem Mund auffängt und sich ganz dem Staunen über die Schneepracht hingibt – ein Moment reiner kindlicher Unbeschwertheit, wie ihn das Mädchen nicht mehr allzu oft erlebt. Die Bilder, die Regisseurin Charlène Favier über den Vorspann ihres Spielfilm-Debüts „Slalom“ gelegt hat, stehen tatsächlich in ziemlichem Kontrast zur vorherrschenden Stimmung des Films, auch wenn die Filmemacherin zu diesen raren Augenblicken der Gelöstheit später mehrfach zurückkehrt. Denn generell ist der Schnee hier nicht eine Einladung zum frohen Wintervergnügen, sondern Teil eines anstrengenden Alltags, dem sich die jungen Schülerinnen und Schüler in der Einrichtung hoch in den französischen Bergen verschrieben haben. Für sie ist Schnee ein Sichthindernis und ein tückischer Untergrund, mit dem sie fertigwerden müssen, wenn sie sich ihren Traum von sportlichen Erfolgen und womöglich einer Karriere als Ski-Profi verwirklichen wollen.

Der hohe Preis des Erfolgs

Bei Lyz ist dieser Ehrgeiz besonders ausgeprägt. An der Schule mit dem renommierten Extra-Sportunterricht untergekommen zu sein, scheint die Erfüllung eines Traums zu sein, und die zehn Stunden Training pro Woche sind eher zu wenig für ihr Ziel, es „ganz nach oben“ zu schaffen. Nach Ambitionen liegt sie damit von Beginn an gleichauf mit Skilehrer Fred, der die Olympischen Spiele als Niveau-Vorgabe für die Sportschüler nennt; denen, die nicht bereit sind, über sich hinauszuwachsen, empfiehlt er unverhohlen das Aufgeben, auf Fehler reagiert er mit Wut und Kränkungen. Doch diese Mischung aus Druck und Demütigung nimmt Lyz als Ansporn, härter zu trainieren. Was sie auch bald zu ersten Erfolgen bei Slalom-Wettkämpfen von nationaler Bedeutung brausen lässt und ihr Freds Aufmerksamkeit verschafft, die ihr anfangs sichtlich gefällt. Denn wie Charlène Favier in kurzen Einsprengseln zeigt, hat das Mädchen außerhalb des Sports wenig Anlaufpunkte: Auch wenn Lyz gute Noten hat, langweilen sie die übrigen Schulfächer, Freundschaften schließt sie schwer und ihre alleinerziehende Mutter sieht sie selbst dann nicht, wenn sie am Wochenende nach Hause fährt; da diese arbeiten muss, reicht es gerade mal für entnervte Telefonate.

Damit ist klar, dass Lyz sich auch bei Fragen zu ihrem sich entwickelnden Körper nicht an ihre Mutter wenden will. Fred dagegen zeigt ohne Scheu Interesse an diesem Intimbereich, macht Lyz Mut, keine Angst vor der Periode zu haben, und rät ihr, ihren Trainingsplan an den Monatszyklus anzupassen. Ein Augenblick der Irritation für das Mädchen, doch noch argwöhnt es sichtlich nicht, dass ihr Trainer womöglich eine Grenze überschreitet. Wie auch bei all den Situationen, bei denen eine sportliche Hilfestellung oder eine Berührung ihres Körpers im Training etwas ausgiebiger ausfällt als vielleicht nötig wäre, schiebt Lyz es noch auf ihre Unerfahrenheit. Die Vertrautheit mit Fred, der sie auch zu sich und seiner Frau mit nach Hause nimmt, wächst parallel zu ihren sportlichen Fortschritten, bis er eines Nachts alle Zurückhaltung fallen lässt. Nach dem sexuellen Übergriff entschuldigt er sich zerknirscht und lässt Lyz sogar glauben, seine bedrängende Erregung schweiße sie nun noch mehr zusammen; doch mehr und mehr muss sie sich eingestehen, dass sie durch den Vorfall die Kontrolle über ihr Verhalten verliert – und dies immer schlimmer wird, als Fred ihr weiterhin nachstellt.

Leistungsdruck und Missbrauch

Charlène Favier und ihre Co-Autorin Marie Talon verzahnen die Aspekte von Leistungsdruck und Missbrauch, die parallel laufen und sich überlagern, mit bewundernswerter Treffsicherheit ineinander. Im Fokus steht das seelische Ausgeliefertsein der jungen Protagonistin, ihre Überforderung an allen Fronten und ihre verzweifelte Trotz-Strategie, die sie auch vor sich selbst eine Zeitlang zu verteidigen versucht, um überhaupt irgendwie weiterleben zu können.

Nach dem Part der erblindenden Jugendlichen in „Ava“ ist dies für Noée Abita schon die zweite hochgradig fordernde Hauptrolle ihrer jungen Karriere, und auch in „Slalom“ ist es ein Ereignis, wie sie die überquellende Erschütterung ihrer Figur auszudrücken vermag, ein beständiger Wechsel zwischen introvertiertem Grundzustand und eruptiver Aggressivität. Die feine Charakterzeichnung des Films erlaubt Abita auch, aus Lyz weder ein stereotypes Opfer männlichen Missbrauchs noch eine plakative Heldin der Selbstermächtigung zu machen; vielmehr bleibt sie durchaus widersprüchlich und zeigt auch unvernünftige bis regelrecht unsympathische Züge, ohne dass sie das Mitgefühl für ihr Leid schwächen würde.

Kein konventioneller Thesenfilm

Fred hingegen zeichnet Jérémie Renier keineswegs als Klischee des Triebtäters oder Tyrannen, sondern lässt ihn in zahlreichen Nuancen zwischen zulässiger, aufrichtiger Anteilnahme und den Grenzüberschreitungen zum Missbrauch lavieren. Sein Verhalten bleibt eine Ungeheuerlichkeit, ohne dass er selbst als Ungeheuer erscheinen würde. Favier und Talon geben viele Hinweise, welche belastende Vorgeschichte Fred womöglich zu tragen hat, verzichten aber klugerweise auf eine simple psychologische Ausdeutung. Ihr insgesamt schmales Figurenarsenal – neben Lyz und Fred haben lediglich Lyz’ Mutter, Freds Frau sowie ein Mädchen und ein Junge als weitere Skifahrer-Aspiranten mehr als Szenenauftritte – lässt den Hauptfiguren viel Raum für ihre schwelende Auseinandersetzung unter ungleichen Vorzeichen. Indem sich der Film so bei beiden die Freiheit nimmt, ihnen auch Rätsel zuzugestehen, wirkt er gerade dadurch realistischer als die konventionellen Thesenfilme, mit denen speziell deutsches Kino und Fernsehen so gern aufwarten. „Slalom“ ist insofern ein unbequemes Werk, das in seinen Charakteren und Details herausfordert, diese Entscheidung aber mit ebenso beeindruckender Konsequenz durchzieht, wie Lyz ihre – furios gefilmten – Abfahrten bestreitet. Instinktsicher weicht Favier allen Hindernissen auf ihrem Weg aus und bringt ihren ersten Film in bravouröser Form über die Ziellinie.

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