Here We Move Here We Groove

Dokumentarfilm | Niederlande 2020 | 93 Minuten

Regie: Sergej Kreso

Der Bosnier Robert Šoko kam während der Balkankriege in den 1990er-Jahren nach Berlin und etablierte sich als DJ mit der Erfindung des „Balkan Beats“-Musikstils. Nach Jahren des Erfolgs befindet er sich jedoch in einer Sinnkrise, kehrt temporär in seine Heimat zurück und sammelt dort neue Inspiration durch die Zusammenarbeit mit Migranten. Der Dokumentarfilm ist kein klassisches Musikerporträt, sondern eine vielschichtige Reflexion über Flucht und Exil, multikulturelle Welten und Vielsprachigkeit im Alltag wie in der Musik. Beobachtet werden dabei neben Šoko auch andere Musiker auf der Suche nach ihrer künstlerischen Identität. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
HERE WE MOVE HERE WE GROOVE
Produktionsland
Niederlande
Produktionsjahr
2020
Regie
Sergej Kreso
Buch
Sergej Kreso · Harmen Jalvingh
Kamera
Wiro Felix
Musik
Robert Soko · Uros Petkovic
Schnitt
Gys Zevenbergen
Länge
93 Minuten
Kinostart
07.10.2021
Fsk
ab 0
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm

Ein Dokumentarfilm über den Bosnier Robert Šoko, der in Berlin Erfolge als DJ mit dem Musikstil „Balkan Beats“ feiert, sich aber in einer Sinnkrise neu orientieren muss.

Diskussion

Er sitzt wieder in seinem gelben Mercedes und fährt nachts durch Berlin. Robert Šoko kam Anfang der 1990er-Jahre in die wiedervereinigte deutsche Hauptstadt und arbeitete zunächst als Taxifahrer. Als Sohn einer kroatischen Bosnierin und eines serbischen Vaters weiß er, wie es sich anfühlt, auf der anderen Seite zu stehen. Er kennt die Folgen des Krieges und die Probleme und Chancen von Multikulturalität. Ab 1993 organisierte er in Kreuzberg Musikpartys. Er recycelte Punk, Rock und Pophits zunächst für die ex-jugoslawische Gemeinde, später auch für ein breiteres Publikum. Bekannt wurde Robert Šoko als DJ und Musiker von „Balkan Beats“, einer Musikrichtung, die vor allem Anfang der 2010er-Jahre in Deutschland und Europa überaus erfolgreich war. Nicht zufällig erinnert dieser sehr tanzbare Sound an Goran Bregovic und die Filme Undergroundund Schwarze Katze, weißer Kater von Emir Kusturica.

Aber Robert Šoko befindet sich zu Beginn des erfreulich vielschichtigen Dokumentarfilms auf einer Sinnessuche. Sein Sound langweilt ihn, er spielt ihn gelegentlich noch, aber ohne eine wirkliche, innere Überzeugung. Und so setzt er sich in sein Taxi und fährt zurück nach Bosnien, in seine Heimat, auf der Suche nach neuen musikalischen Inspirationen. In Europa ist gerade die sogenannte „Flüchtlingskrise“ ausgebrochen. Viele Geflüchtete, vor allem junge Männer, stranden in Bosnien, schaffen es nicht über die kroatische Grenze. So wie ein junger, afghanischer Rapper, den Šoko trifft und der unbedingt nach Berlin will.

Kulturelles Recycling mit Musikern aus Syrien und Griechenland

Zurück in Berlin versucht sich Robert Šoko wieder am kulturellen Recycling, spielt mit Migranten und Musikern aus Syrien oder Griechenland, erweitert seinen Sound auch mit so alten Mitstreitern wie Dr. Nele Karajlić (The No Smoking Orchestra) und neuen mehrsprachigen Versionen des Kultsongs „Alkohol“.

„Here We Move Here We Groove “ ist dabei immer mehr als nur eine weitere, unterhaltsame Musikdoku. Der charismatische Šoko mit seinen Machoallüren steht für ein fast altmodisches, multikulturelles Europa, ist beständig auf der Suche, ohne dabei modisch angepasst zu agieren. Die bitteren Erfahrungen des Balkankrieges haben ihn ebenso geprägt wie eine schwierige persönliche Beziehung zu seinem Vater.

Einen wichtigen Raum nimmt auch sein Privatleben ein, seine arabisch-französische Lebensgefährtin und die gemeinsame kleine Tochter. In einer besonders aufschlussreichen Szene geht es um einen Streit, welche Sprachen die Tochter sprechen sollte. Die Kleine antwortet ihrem Vater zunehmend auf Arabisch, was er nicht versteht. Šoko fühlt sich plötzlich ausgeschlossen. Dabei wirkt der sonst sich so entspannt und gegenüber anderen Kulturen so aufgeschlossen gebende Robert Šoko plötzlich zwiespältig und fast dogmatisch. Dass er diesen Widerspruch zulässt und sich dabei filmen lässt, spricht wiederum für ihn. Und sein Argument während des heftigen Streits, seine Partnerin weigere sich ja auch, besser Deutsch zu lernen, weil es ihr zu kompliziert sei, steht sinnbildlich für viele Neu-Berliner, die in der Stadt leben wollen, aber die Sprache nicht sprechen.

Politische Diskussionen anders verhandelt

Und so gelingt dem ebenfalls aus Bosnien stammenden Regisseur Sergej Kreso, der seit fast 30 Jahren in den Niederlanden lebt, ein vielschichtiger, unterhaltsamer Film. Kreso streift aktuelle Themen wie Herkunft, Migration, Anpassung und die Bewahrung der eigenen Identitäten. Dabei hinterfragt der Dokumentarfilmemacher eingefahrene politische Diskussionen und verhandelt sie anders. Interessant ist auch, dass es sich bei „Here We Move Here We Groove “, der so viel über ein multikulturelles, vielsprachiges Berlin aussagt, um eine rein niederländische Produktion handelt. Deutsche Förderer oder TV-Anstalten sucht man im Abspann vergeblich.

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