Drama | China 2018 | 122 Minuten

Regie: Cathy Yan

Buntes Gesellschaftspanorama um lose miteinander verwobene Einzelgänger im Shanghai der Gegenwart. Die Besitzerin eines Friseursalons wehrt sich gegen den Abriss ihres Hauses, ein Schweinefarmer droht seine Lebensgrundlage zu verlieren, ein armer Kellner und eine Tochter aus reichem Hause verlieben sich. Ein facettenreicher Blick auf die Veränderungen in einer rapide wachsenden Metropole, in der die Kluft zwischen Gewinnern und Verlierern immer größer wird. Die amüsant-beschwingte Pop-Schrulligkeit der Inszenierung steht allerdings im Widerspruch zum gesellschaftskritischen Thema. - Ab 16.
Zur Filmkritik

Filmdaten

Originaltitel
DEAD PIGS
Produktionsland
China
Produktionsjahr
2018
Produktionsfirma
Beijing Culture/Seesaw Prod.
Regie
Cathy Yan
Buch
Cathy Yan
Kamera
Federico Cesca
Musik
Andrew Orkin
Schnitt
Alex Kopit
Darsteller
Mason Lee (Wang Zhen) · Meng Li (Xia Xia) · Archibald C. McColl (Phil Johnson) · David Rysdahl (Sean Landry) · Vivian Wu (Candy Wang)
Länge
122 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Drama
Externe Links
IMDb | TMDB

Ein an mehreren Figuren festgemachtes Gesellschaftspanorama aus dem Shanghai der Gegenwart, in dem Gewinner und Verlierer des rapiden Wirtschaftswachstums immer mehr auseinanderdriften.

Diskussion

Gift pumpt durch die Adern der glänzenden Megastadt. Tausende von Schweinekadavern liegen stumm im Wasser des Huangpu-Flusses und treiben durch Shanghai. Die „Dead Pigs“ im Debütfilm der in China geborenen und in den USA aufgewachsenen Filmemacherin Cathy Yan haben etwas von einem düsteren Omen. Am Anfang sind es nur wenige, doch ihre Zahl nimmt stetig zu. Als würde das Unbehagen mit dem rasenden Wachstum der Stadt Gestalt annehmen. Denn vielleicht schießen die Wolkenkratzer der Industriemetropole nur so schnell und so weit in die Höhe, um genügend Abstand zum Boden zu gewinnen. Die Distanz zwischen Gewinnern und Verlierern wächst.

Die Inszenierung bemüht sich, beide Gruppen auf ein überschaubares Ensemble von Figuren zu reduzieren. Auf der Verliererseite stehen der alte Wang (Yang Haoyu), ein hochverschuldeter Schweinefarmer, dem nun auch noch die Lebensgrundlage wegstirbt. Sein Sohn Zhen (Mason Lee) hält sich in der Stadt als Kellner über Wasser, schämt sich dafür aber vor seinem Vater. Bei der Arbeit lernt er Xia Xia (Meng Li) kennen, die gelangweilte Tochter reicher, aber gleichgültiger Eltern. Eine sanfte Romanze erwächst.

Wo das Historische dem Fortschritt weicht

Candy (Vivian Wu), die Schwester des alten Wangs, betreibt einen Friseursalon und lebt in einem beschaulichen Häuschen am Rande der Stadt. Genau das will die Immobiliengesellschaft Golden Happiness ihr abkaufen, um ein neues Wohngebiet nach europäischem Vorbild zu errichten - ein Wohnkomplex mit der Außenfassade der „Sagrada Família“-Kirche aus Barcelona. Bislang ist noch jeder daran gescheitert, Candy zum Verkauf zu überreden, doch der junge, ambitionierte Sean Landry (David Rysdahl) stellt sich trotzdem der schwierigen Aufgabe. Shanghai ist für den Expat ein Ort der Möglichkeiten, an dem er sich selbst neu erfinden kann. Doch ganz entkommt er seiner Vergangenheit nicht.

In einer frühen Szene gleitet er in einer Limousine nach einem schrägen Treffen mit Investoren durch die Straßen der Stadt. Er hört sich ein Motivationsalbum an. Die Kamera fährt über Stahlbauten, und Sätze wie „Ich wachse jeden Tag“ klingen plötzlich, als würde die Skyline zu sich selbst sprechen.

„Dead Pigs“ ist auch ein Film über einen Ort und die neuen Erzählungen, die entstehen, wenn alles Historische dem Fortschritt weichen muss. Ausführender Produzent des Films ist der chinesische Regisseur Jia Zhangke, laut Yan eine bedeutsame Inspirationsquelle. In Filmen wie „Still Life“ hat Jia Zhangke drastische Bilder für die Schattenseiten von Modernisierung und Verstädterung gefunden. Ein sehr konkretes Gefühl von Verlustschmerz und Melancholie, das durch die verlassenen Straßen von Städten wie Fenjie weht, die noch kurz vom Kamerablick gestreift werden, bevor sie für immer verschwinden.

Dem Blick des Zuschauers Zweifel abringen

„Dead Pigs“ ist bunter und beschwingter als „Still Life“. Nicht wahnsinnig unterhaltsam, aber doch immer lebendig und gewitzt. Fast ein wenig manisch sucht die Kamera bestimmte Kulissen ab, als könnte man weder den pink strahlenden Lichtern des Nachtlebens noch dem Ödland am Rande der Stadt je wirklich trauen. Vom ersten Bild an geht es darum, dem Blick des Zuschauers Zweifel abzuringen: Eine Wasserfläche erweist sich als großer Bildschirm. Der Schweinezüchter Wang lässt sich gerade von der Macht einer virtuellen Realität überwältigen. Er kauft die Brille und bald versammelt sich das ganze Dorf regelmäßig bei ihm, um in bunte Parallelwelten zu fliehen.

Shanghai ist in „Dead Pigs“ auch eine Welt der Fakes und Simulakren. Ein unwirklicher Ort, dessen Identität mehr und mehr in bunter Corporate Identity aufgeht. Ein hyperreales Disneyland. Nicht umsonst eröffnet Sean in einer Szene ein Einkaufszentrum mit dem Wortspiel „It’s a mall world“, in Anlehnung an das berühmte Fahrgeschäft. Natürlich klingt auch der „Beijing World Park“ mit seinen Nachbildungen von westlichen Gebäuden wie Notre Dame und Schloss Neuschwanstein an, den Jia Zhangke in seinem Film „The World“ (2004) zum Schauplatz machte. Einmal tritt Sean bei einer etwas kuriosen Modenschau auf. Verkleidet als britischer Millionär wirbt er für eine „New Chinese European City“, umgeben von ähnlich albern Kostümierten. In der Unterhaltung werden Utopien erprobt.

Der städtische Raum als sterile Simulationswelt

Virtual Reality und Städtebau werden miteinander kurzgeschlossen. In „Dead Pigs“ schafft sich ein neureiches China eine sterile Simulationswelt, in der für die Unterschicht und gesellschaftliche Außenseiter kein Platz mehr ist. Eine Diagnose, die so ähnlich auch in „A Land Imagined“ von Yeo Siew Hua für Singapur gestellt wurde. Tote Körper treiben – basierend auf einem wahren Ereignis, über das die Regisseurin Cathy Yan während ihrer Zeit als Journalistin gestolpert ist – unleugbar physisch real vorbei. Die Rückkehr des Todes, der immer auch das Ende des Wachstums ist.

Was Cathy Yan von Jia Zhangke oder Yeo Siew Hua unterscheidet, ist die fehlende Ernsthaftigkeit. Oder präziser: das Unvermögen oder der Unwille, der Sehnsucht nach Linderung zu widerstehen. Auch ohne den letzten Akt der Geschichte detailliert auszubreiten, kann man konstatieren: Letztendlich wirkt alles schrecklich einverstanden. In einer großen filmischen Geste, in der die Form des Films gesprengt wird, singen die Figuren gemeinsam eine schnulzige Ballade. Der Schmerz löst sich in schillernde Glückseligkeit auf, die alte Welt lebt widerstandslos in der neuen fort. Keine Brüche, nur belebende Reibung. Endlich wird die Zerstörung konstruktiv. Vorwärts immer, rückwärts nimmer!

Ein Film, der seine eigene Ambivalenz behauptet, kann auch von sich selbst widerlegt werden. Stimmung und Affekte allein können manchmal Zweifel und Widersprüche fortspülen, auch wenn sie noch so deutlich ins Bild gerückt werden. Jia Zhangkes strenger Form nimmt man den kritischen Geist ab, Yans amüsante Pop-Schrulligkeit zittert vor jedem Windstoß. Nicht immer bedeutet Vergnügt- auch Einverstandensein, aber hier wirkt alles wie Jubel für den Henker. Ist das dann die große Simulation, die den Film verschluckt? Die Behauptung des universellen Glücks, die hier und da von kleinen Programmierfehlern gestört wird? Die Matrix, der wir ja schließlich selbst entkommen müssen?

Eine mögliche Antwort lässt sich vielleicht im Werk der Regisseurin finden. Diese wurde nach dem Erfolg von „Dead Pigs“ in Sundance von Margot Robbie entdeckt und für den Comicfilm „Birds of Prey: The Emancipation of Harley Quinn“ engagiert. Ein Action-Abenteuer wie eine bunte Parade in Disneyland. In einem Porträt in „The New Yorker“ beschreibt Yan, wie genervt sie von der quasi post-apokalyptischen Variante von Gotham City war. Davon, dass dort immer „alle obdachlos und total traurig“ sind. Für manche ist eben auch in der Fiktion kein Platz.

Kommentar verfassen

Kommentieren