Drama | Schweden/Niederlande/Frankreich 2021 | 109 Minuten

Regie: Ninja Thyberg

Eine 19-jährige Frau reist von Schweden aus in die USA, um es im Pornogeschäft ganz nach oben zu schaffen. Dafür muss sie immer mehr Grenzen überschreiten und sich zunehmend selbst aufgeben. Der Film seziert die korrumpierenden (Macht-)Strukturen der Pornobranche mit dokumentarisch anmutender Authentizität, ohne in Plattitüden abzudriften. Ein ebenso kühnes wie kluges, durchgängig ambivalentes Drama über eine Welt des sexuellen Voyeurismus. - Ab 18.

Filmdaten

Originaltitel
PLEASURE
Produktionsland
Schweden/Niederlande/Frankreich
Produktionsjahr
2021
Regie
Ninja Thyberg
Buch
Ninja Thyperg · Peter Modestij
Kamera
Sophie Winqvist Loggins
Schnitt
Amalie Westerlin Tjellesen · Olivia Neergaard-Holm
Darsteller
Sofia Kappel (Linnéa/Bella Cherry) · Revika Anne Reustle (Joy) · Kendra Spade (Kimberly) · Dana DeArmond (Ashley) · Evelyn Claire (Ava Rhoades)
Länge
109 Minuten
Kinostart
13.01.2022
Fsk
ab 18; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 18.
Genre
Drama

Drama um eine junge Frau aus Schweden, die in Los Angeles zum Porno-Star aufsteigen will.

Diskussion

Ob sie aus beruflichen Gründen oder zum Vergnügen in die USA komme, fragt der Mann am Flughafenterminal. „Pleasure“, zum Vergnügen, antwortet die junge blonde Frau ohne Zögern. Im Gepäck hat die aus Schweden angereiste Linnéa (Sofia Kappel) einen Traum: Sie will in Los Angeles ein Star werden. Allerdings nicht in Hollywood, sondern in der Pornobranche.

Ist die Sache mit dem „Vergnügen“ also eine Lüge? Ganz so einfach macht es sich das Spielfilmdebüt der schwedischen Regisseurin Ninja Thyberg allerdings nicht. Denn natürlich ist die Pornobranche zwar allem voran ein Geschäft, dessen Produkte allerdings eben jenes Vergnügen sind, von dem Linnéa spricht. Und sei es auch nur ein vorgetäuschtes Vergnügen.

Gier nach Ruhm und Bekanntheit

Was Linnéa antreibt, bleibt relativ vage. Obwohl die 19-Jährige zu Beginn in einem Anfall von tiefschwarzem Humor noch scherzt, dass sie von ihrem Vater missbraucht worden sei und deshalb Pornos machen wolle, erteilt das Drehbuch dem Klischee einer (sexuell) traumatisierten Frau eine Abfuhr. Thyberg baut die Protagonistin nicht aus ihrer Vergangenheit heraus auf; nur ein kurzes Telefonat mit ihrer Mutter, die nichts von Linnéas Ambitionen weiß, erhellt ihren Hintergrund; der Film nutzt einzig das, was im Hier und Jetzt geschieht. Die zierliche junge Frau erscheint darin als eine Person, die der Drang nach Ruhm und Bekanntheit antreibt, die Spaß am Performen vor der Kamera hat und die ihre sexuellen Grenzen ausloten will.

Diese Grenzen muss sie dann zunehmend überschreiten. Ihr erster Job, für den es 900 Dollar gibt, droht fast zu platzen, als Bella, wie sich Linnéa vor der Kamera nennt, von Nervosität übermannt wird. „Lampenfieber“ nennen das die Männer am Set und bestärken sie, dass sie es schaffen könne. Das Umfeld ist höchst professionell, inklusive Vertragsunterzeichnung und Regieanweisungen. Doch während Linnéa im Anschluss die Tage in einer Gemeinschaftswohnung mit anderen Darstellerinnen verbringt und sich mit Joy (Revika Anne Reustle) anfreundet, lässt der Durchbruch auf sich warten. Nach einer Begegnung mit Ava (Evelyn Claire), dem neuen „Spiegler-Girl“, wie die „Mädchen“ des Superstars der Branche (Mark Spiegler als er selbst) genannt werden, hat Linnéa nur noch ein Ziel: Sie will ebenfalls ein „Spiegler-Girl“ werden.

Dafür aber muss sie noch viel mehr Grenzen überschreiten. Nach dem Dreh eines BDSM-Pornos, bei dem ebenfalls alles höchst professionell abläuft, wagt sie sich ins Hardcore-Gefilde. Dort wird sie dann von zwei Männern demütigt, bespuckt, geschlagen und zum willenlosen Sexobjekt degradiert. Hier zeigt sich dann zum ersten Mal die hässliche Seite des Porno-Business. Denn nach einer Panikattacke und ihrem Wunsch, den Dreh abzubrechen, wird die in Tränen aufgelöste Frau zunächst umgarnt, dann bedrängt und schließlich genötigt, die Aufnahme fertigzustellen. Linnéa bekommt die Toxizität der männlich dominierten Machtstrukturen in der Pornobranche mit voller Wucht zu spüren. Nach dieser Erfahrung ist sie kurz davor, auszusteigen. Doch sie macht weiter und merkt: je tiefer sie fällt, desto höher steigt sie auf. Aus dem Vergnügen wird immer mehr reines Geschäft.

Ambivalenz und Authentizität

Ninja Thyberg tritt mit „Pleasure“ nicht zu einer Generalabrechnung mit der Pornoindustrie an. Sie leuchtet vielmehr aus, was die Branche für die dort arbeitenden Menschen so anziehend macht, welche Strukturen dort herrschen und welche Probleme dies mit sich bringt. Plakativ ist der Film nie, weil stets eine grundlegende Ambivalenz und zugleich eine hohe Authentizität mitschwingen. Thyberg hat über Jahre in der Branche recherchiert; die Handlung soll auf selbst Erlebtem basieren; zudem besteht das Gros der Darstellenden aus echten Pornodarsteller:innen und anderen Menschen, die in der Branche arbeiten. Eine Ausnahme bildet die Hauptdarstellerin Sofia Kappel, die in ihrem Filmdebüt famos überzeugt.

Die Inszenierung ist insbesondere bei den Porno-Drehs bemerkenswert. Der Sex wird niemals explizit gezeigt, sondern findet außerhalb des Bildes statt, ist aber dennoch vorhanden und vor allem glaubwürdig. Zudem wendet der Film die klassische Pornoästhetik schon in der ersten Drehszene um 180 Grad: Wo Linnéa zu Beginn auf den Knien von oben gefilmt wird – der klassische „male gaze“ -, wechselt der Blick kurz darauf in ihre subjektive Perspektive und zeigt den erigierten Penis ihres Partners von unten. Es ist nicht der einzige Penis, den es in „Pleasure“ zu sehen gibt, noch die einzige Point-of-View-Einstellung aus Sicht der Protagonistin.

Die Verführbarkeit der Macht

Außerhalb der Drehszenen fängt Thyberg den Hedonismus der Branche in passgenauen Bildern und mitreißenden Montagen ein, unterlegt mit kraftvoller Rap-Musik. „Pleasure“ verströmt als Film eine ungeheuer treibende Energie. Dem Hoch der Gefühle und des Erfolgs für Linnéa, die in der zweiten Hälfte dominieren, folgt im letzten eine umso deutlichere Offenlegung der Selbstaufgabe angesichts des Popularitätsrausches. Die Hauptfigur büßt immer mehr ihr warmherzig-naives Gemüt ein und verliert ihre Integrität gegenüber ihren Freundinnen. Zugleich wechselt sie, zumindest für einen Dreh, auf die Seite der Macht – und erlebt deren korrumpierende Wirkung am eigenen Leib.

Die Schlusspointe fällt knapp aus, ohne Drama, fast schon lakonisch. Und ist ein gelungener Abschluss für einen ebenso kühnen wie klugen, ambivalenten wie erzählerisch treffsicheren Film.

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