Drama | USA 2021 | 111 Minuten

Regie: Sian Heder

Eine 17-Jährige wächst als einziges hörendes Mitglied einer gehörlosen Familie in einer Hafenstadt in Massachusetts auf; für die Verständigung der Familie mit der Außenwelt ist sie unentbehrlich. Diese Konstellation gerät jedoch ins Wanken, als sie ihre Leidenschaft fürs Singen entdeckt und ermuntert wird, in Boston auf ein Musik-College zu gehen. Das Remake des französischen Films „Verstehen Sie die Béliers?“ verbindet klassische Coming-of-Age-Elemente mit dem klanglich und musikalisch eindrucksvoll umgesetzten Porträt einer Eltern-Kind-Beziehung am Schnittpunkt zwischen den Welten der Gehörlosen und der Hörenden. Überzeugend ist der emotionale Film auch dank eines Ensembles mit mehreren gehörlosen Darstellern. - Ab 12.

Filmdaten

Originaltitel
CODA
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2021
Regie
Sian Heder
Buch
Sian Heder
Kamera
Paula Huidobro
Musik
Marius de Vries
Schnitt
Geraud Brisson
Darsteller
Emilia Jones (Ruby Rossi) · Marlee Matlin (Jackie Rossi) · Troy Kotsur (Frank Rossi) · Daniel Durant (Leo Rossi) · John Fiore (Tony Salgado)
Länge
111 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 12.
Genre
Drama | Tragikomödie

Amerikanisches Remake des französischen Erfolgs „Verstehen Sie die Béliers?“ als gefühlvolle Coming-of-Age-Komödie um die hörende Tochter gehörloser Eltern, die als begabte Sängerin in Konflikt mit deren Lebenswelt gerät.

Diskussion

Es ist eine stille Arbeit, in die Ruby (Emilia Jones) lauthals zu Etta James’ „Something’s Got A Hold On Me“ einstimmt: „Oh, it must be love!“ Auf dem rostigen Fischerkahn von Familie Rossi ist an diesem frühen Morgen sonst alles schweigsame Routine: Das Netz wird eingeholt, der Fang wird fachkundig mit dem Handhaken sortiert, das Deck wird abgebraust – und das alles für ein paar müde Dollar, die die ausbeutenden Händler im Hafen herauszurücken bereit sind.

Rubys älterer Bruder Leo, Vater Frank, der Rap-Musik immer so richtig laut aufdreht, wegen der Bässe, und Mutter Jackie, eine ehemalige Schönheitskönigin, wirken in ihrem von der Fischerei geprägten Heimatort selbst stumm wie die Fische – dabei sind sie nur gehörlos. Zu sagen hat Familie Rossi natürlich dennoch etwas. Und das hat sich in seiner fantasie- und humorvollen Art gewaschen: Schnell gestikulierend werden liebevoll kreative Beschimpfungen, Witze, Flüche und Sorgen in Gebärdensprache mitgeteilt. Nur wenn sich Leo, Frank und Jackie an Außenstehende wenden möchten, dann brauchen sie dafür die 17-jährige Ruby – die Einzige unter ihnen, die hören und damit übersetzen kann: Was die anderen sagen und was die Familienmitglieder ihnen entgegnen wollen.

„Coda“ – das ist in der Musik der angehängte, ausklingende Teil einer musikalischen Einheit. Der Begriff steht aber vor allem für die Kinder gehörloser Eltern: CODA - „Children of Deaf Adults“. Ruby, ganz fürsorgliche Tochter, fungiert als kostenlose Übersetzerin und scheint sich dabei selbst manchmal wie das fünfte Rad zu fühlen: irgendwie „fehlerhaft“, gerade weil sie „normal“ ist, latent ausgeschlossen und dennoch unverzichtbar. Eine große Verantwortung lastet auf den Schultern des Teenager-Mädchens, das sich eigentlich lieber den Jungs, speziell ihrem Schulkameraden Miles, und dem Singen widmen würde.

Eine Außenseiterin, die ihre eigene Stimme finden muss

„Wenn ich blind wäre, würdest du dich dann fürs Malen interessieren?“ fragt Mutter Jackie, ihre Gekränktheit ob der großen Leidenschaft der Tochter, die sie nie wird (beur)teilen können, kaum verhehlend. Bernardo Villalobos (mit rollendem „rrr“) heißt der neue Fixpunkt in Rubys Leben. Der resolute Chorleiter an Rubys High-School entdeckt nicht nur das Gesangstalent der Außenseiterin, sondern überredet sie auch zu einem Stipendium am Berklee-Musikcollege in Boston. Und dafür muss geübt werden – wenn Ruby nicht gerade mit Miles ein Liebesduett für die anstehende Schulaufführung probt: „You’re All I Need To Get By“ von Marvin Gaye und Tammi Terrell.

Siân Heders Remake von Éric Lartigaus französischer Komödie „Verstehen Sie die Béliers?“ dreht sich allerdings weniger um Rubys Schulschwarm Miles oder um ihr jugendliches Gesangstalent, das durch viel Training erst herausgekitzelt werden muss. Beides wären durchaus beliebte und oft herangezogene Ingredienzien des Coming-of-Age-Films. In „Coda“ geht es, und das macht diesen Film besonders, um den schwierigen Abnabelungsprozess einer jungen Frau, auf die, in Umkehrung der üblichen Abhängigkeitssituation, ihre Familie angewiesen ist. Diesmal sind es die Eltern, die lernen müssen, auf eigenen Füßen zu stehen – vor allem als die Hafenbehörde und die Händler beginnen, die Fischer existenzbedrohlich auszunehmen.

Immer wieder taucht der Film in die Stille ab

Berührend, weil musikalisch trefflich ausgelotet, ist „Coda“ geraten – und nicht zuletzt auch sehr humorvoll, wenn es um Rubys bärtigen Vater geht, der in der Gebärdensprache kein Blatt vor den Mund oder besser vor die Finger nimmt. Vor allem, wenn es um sein immer noch brennendes Begehren für Mutter Jackie geht. Diese Gehörlosen sind nicht passiv oder schutzbedürftig, sie stellen sich den Herausforderungen und nehmen im Hafen eine Art Führungsposition ein – auch wenn der Umgang mit den Hörenden oft an Verständigungsbarrieren zu scheitern droht.

Immer wieder taucht der Film in die Stille ab, die das Leben der Gehörlosen bestimmt, und damit in das traurige Gefühl der Ausgeschlossenheit, das sie zum Beispiel bei Rubys Gesangsvorführung in der Schule befällt. Auf der anderen Seite kommt Rubys überlastetes „Hörspektrum“ zu Gehör, wenn das Mädchen eigentlich für die Schule arbeiten möchte und völlig entnervt auf die Kakophonie einer Familie reagiert, die für das eigene Lärmpotential im Haushalt keinerlei Gespür hat. Großartig lässt Heder ihre Figuren die oftmals gar nicht so schwer zu entziffernde Gebärdensprache für alle möglichen Gefühlslagen an den Tag legen. Diese treffliche Darbietung verdankt sich einer Riege von Darstellern (u.a. „Oscar“-Gewinnerin Marlee Matlin), die allesamt seit Geburt oder frühester Kindheit gehörlos sind. Ein gelungener Besetzungs-Coup, den die filmische Vorlage aus Frankreich noch missen ließ.

Angesichts der gestikulierten Gefühle dieser Eltern-Kind-Beziehung lässt sich auch der eine oder andere flachere Gag mit Rubys nach all den Jahren sexuell noch sehr regen Eltern verzeihen. In Heders Remake wird vor allem das Feel-Good vor sich hergetragen, statt in emotional problematischeren Gefilden von Rubys Gefühlen des Ausschlusses an allen Fronten zu stochern. Einen gefühlsbetonten Höhepunkt findet die Geschichte dann aber doch in einer tief berührenden Erkenntnis: Mit Händen kann man nicht nur sprechen. Man kann auch mit ihnen singen.

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