Coming-of-Age-Film | Kanada 2019 | 117 Minuten

Regie: Myriam Verreault

Seit ihrer Kindheit kann nichts die tiefe Freundschaft zwischen zwei jungen Innu-Frauen erschüttern. Doch dann träumt die eine davon, das First Nations-Reservat zu verlassen und Schriftstellerin zu werden, die andere hingegen lebt in prekären Verhältnissen als junge Mutter und empfindet die Ambitionen der Freundin als Verrat. Der auf einem autobiografischen Roman beruhende Film erzählt klug von der Herausforderung, zwischen Tradition und Moderne zu vermitteln, kulturelle Identität zu bewahren und eine persönliche Identität zu entwickeln. Dabei verneigt er sich insbesondere vor der Leistung der Innu-Frauen und wird am Schluss zum emanzipatorischen Plädoyer. - Sehenswert ab 14.
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Filmdaten

Originaltitel
KUESSIPAN
Produktionsland
Kanada
Produktionsjahr
2019
Produktionsfirma
Max Films Media
Regie
Myriam Verreault
Buch
Myriam Verreault · Naomi Fontaine
Kamera
Nicolas Canniccioni
Musik
Louis-Jean Cormier
Schnitt
Amélie Labrèche · Sophie Leblond · Myriam Verreault
Darsteller
Sharon Ishpatao Fontaine (Mikuan Vollant) · Yamie Grégoire (Shaniss Jourdain) · Étienne Galloy (Franics) · Brigitte Poupart (Professor Mikuan) · Douglas Grégoire (Greg)
Länge
117 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 14.
Genre
Coming-of-Age-Film | Drama | Literaturverfilmung
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IMDb | TMDB

Eine kluge Adaption eines Romans der First Nations-Autorin Naomi Fontaine. Zwei junge Innu-Frauen, seit Kindertagen enge Freundinnen, drohen sich durch unterschiedliche Lebensentwürfe voneinander zu entfernen.

Diskussion

Nur 15 Minuten mit dem Auto, sagen die Erwachsenen. Aber für Mikuan und ihre beste Freundin Shaniss scheint die Entfernung, die zwischen ihnen liegt, seitdem die von ihrer Mutter vernachlässigte Shaniss umziehen musste, riesig zu sein. Mikuan überwindet sie trotzdem. Die Freundschaft zwischen den beiden Mädchen aus einem kanadischen Innu-Reservat, die sich als Schwestern bezeichnen, ist so stark, dass sie keinen Keil zwischen die Kinder treiben kann. „Wir trennen uns nie wieder“, bekräftigt Mikuan selbstbewusst.

Als 17-Jährige sind Mikuan (Sharon Ishpatao Fontaine) und Shaniss (Yamie Grégoire) noch immer befreundet. Ihre Lebenssituation in dem Reservat allerdings könnte nicht unterschiedlicher sein. Während Mikuan in einer liebevollen Umgebung im Kreise ihrer Familie aufwächst, lebt Shaniss unter prekären Bedingungen mit ihrem oft gewalttätigen, unzuverlässigen Freund Greg und ihrer kleinen Tochter. Auf eine harte Probe wird die Freundschaft gestellt, als es zu einem verhängnisvollen Vorfall in einer Bar kommt. Nach rassistischen Bemerkungen verletzt Greg einen nicht-indigenen Jugendlichen schwer – ausgerechnet um Mikuan zu verteidigen, die gerade mit dem weißen Francis geflirtet hat. Eine Verkettung, die später immer wieder zu ausgesprochenen und unausgesprochenen Vorwürfen zwischen Mikuan und Shaniss führen wird. Denn während Mikuan sich in Francis verliebt und sogar plant, mit ihm zum Studieren nach Québec zu ziehen, fehlt Shaniss in dem Reservat jeglicher Halt und jegliche Perspektive. Die Beziehung zwischen Mikuan und Francis empfindet sie als Verrat.

Wie Jugendliche aus den „First Nations“ groß werden

Die Geschichte von Mikuan und Shaniss ist untrennbar mit ihrer kulturellen Herkunft verbunden und knüpft an eine Reihe jüngerer Coming-of-Age-Filme aus Kanada wie „Une Colonie“ oder „Beans“ an, die die Identität junger Menschen aus den First Nations zum Thema machen und sowohl über Ausgrenzung und Rassismus als auch die Schwierigkeit erzählen, einen eigenen Weg und einen Platz im Leben zu finden. „Kuessipan“, der auf dem gleichnamigen Roman der aus den First Nations stammenden Autorin Naomi Fontaine beruht, nimmt die Innenperspektive ein. Immer, wenn Mikuan und Shaniss das Reservat verlassen, werden sie mit ihrem vermeintlichen „Anderssein“ konfrontiert oder zu „Anderen“ gemacht. Auch in der Beziehung zwischen Mikuan und Francis werden die Unterschiede zu einem Problem – vielleicht auch, weil das tägliche Austarieren zwischen Tradition und Moderne und der Wechsel zwischen den Lebenswelten für Francis so ungewöhnlich ist.

Bemerkenswert ist vor allem, wie der Film die Sichtweise verschiebt und etwa Grenzen aus einem anderen Blickwinkel zeigt. Einerseits kennzeichnet die Weite das ländliche Innu-Reservat. Doch täuscht diese darüber hinweg, dass das Gebiet, das den Innu geblieben ist, nicht sonderlich groß ist – und dass diese kleine Welt von Mikuan zunehmend auch als Einschränkung empfunden wird. So verspricht die enge Großstadt Québec für sie eine größere Freiheit, weil sie dort zum einen anonym bleiben und zugleich andere Einflüsse aufnehmen kann.

„Du bist am Zug“

„Kuessipan“ bedeutet soviel wie „Du bist am Zug“ und verweist damit auf eine weitere Änderung der Perspektive. Obwohl sie eigentlich eine Nebenfigur ist, rückt zum Ende hin Shaniss immer mehr in den Mittelpunkt. Mikuan hat mehr Freiheiten, ihr Leben zu gestalten, was auch an ihrer Bildung und ihrer Möglichkeit, sich auszudrücken, liegt. Als angehende Schriftstellerin kann sie ihre Stimme erheben und auf ihre Situation aufmerksam machen. Aber sie nutzt diese privilegierte Möglichkeit vor allem, um ihrer Freundin Mut zu machen und sich nicht länger als Opfer zu fühlen.

So wird „Kuessipan“ zu einem Aufruf zur Emanzipation und einer Verneigung vor der Stärke der Frauen aus der Innu-Gemeinschaft, die vieles erdulden und ohne die es für die Innu keine Zukunft gibt. Der Film von Myriam Verreault, die gemeinsam mit Naomi Fontaine das Drehbuch verfasste, lebt von den Leistungen der Hauptdarstellerinnen, die ungemein authentisch wirken, und ist eine berührende Erzählung über die Herausforderung, Tradition und Moderne in Einklang zu bringen, Grenzen zu überwinden, kulturelle Identität zu bewahren und trotzdem eine persönliche Identität zu entwickeln. Wegzugehen bedeutet hier nicht, seiner Vergangenheit und Herkunft den Rücken zu kehren.

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