Instructions for Survival

Dokumentarfilm | Deutschland 2020 | 90 Minuten

Regie: Yana Ugrekhelidze

Ein Transgender-Mann will seiner Heimat Georgien den Rücken kehren; seine Gefährtin entschließt sich zu einer Leihmutterschaft, um das Geld für die Emigration zusammenzubekommen. Doch dann fällt es ihr wachsend schwerer, das Baby herzugeben. Mit sensibler Zurückhaltung zeichnet der Dokumentarfilm die schwierigen emotionalen Prozesse des Paares zwischen gegenseitiger Bestärkung und Solidarität bis hin zu Depression und Verzweiflung nach, registriert aber auch die gesellschaftlichen Resonanzen, die eine Flucht in den Westen unaufschiebbar machen.(Premiere im Rahmen der Sektion „Perspektive deutsches Kino“ bei der Berlinale 2021) - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2020
Regie
Yana Ugrekhelidze
Buch
Yana Ugrekhelidze
Kamera
Jule Katinka Cramer
Musik
Lennart Saathoff · Mikhail Khimakov
Schnitt
Agatha Wozniak
Länge
90 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Dokumentarfilm

Doku über einen Transgender-Mann und seine Gefährtin, die ihrer Heimat Georgien den Rücken kehren wollen und das Geld für die Emigration über eine Leihmutterschaft erwerben wollen.

Diskussion

Alexander, genannt Sasha, muss ein Leben im Verborgenen führen. Er wurde als Frau geboren, lebt aber seit Jahren als Mann. In seiner Heimat Georgien gilt das als Sakrileg. Mit der Kennzeichnung „weiblich“ im Personalausweis findet er weder legale Arbeit noch eine Wohnung. Kein Arzt würde es wagen, ihn bei der Hormontherapie zu unterstützen. Das Testosteron, so erzählt er, bekomme er über Internetforen und mit Hilfe der Trans*-Community, die allerdings nur im Verborgenen zueinander finden könne. Besonders schmerzt es ihn, dass ihn viele Mitglieder der eigenen Familie wie einen Aussätzigen behandeln. In der streng konservativen Gesellschaft gilt, dass man „solche“ Leute nicht auf die Straße lassen dürfe. Sie müssten vielmehr auf eine einsame Insel verbannt werden. Besonders tief hat sich ein Satz in Sashas Gedächtnis eingebrannt: dass es besser wäre, wenn er tot im Sarg liegen würde. Besser für den Ruf der Familie, besser für deren Seelenheil. Wer aber mag zu einer Gemeinschaft gehören, in der ihm selbst die nächsten Verwandten weder Verständnis noch Liebe entgegenbringen?

Unerwartete seelische Turbulenzen

In ihrem ersten langen Dokumentarfilm „Instructions for Survival“ begleitet die 1984 in Tbilissi geborene Filmemacherin Yana Ugrekhelidze den jungen Transgender-Mann während seiner letzten Monate in der alten Heimat. Inzwischen hat Sasha in Mari eine Vertraute gefunden; gemeinsam sind sie fest entschlossen, die entwürdigenden Zustände, unter denen sie ihren Alltag bewältigen müssen, hinter sich zu lassen. Jule Katinka Cramer an der Kamera forscht in längeren Interviewpassagen in den Gesichtern der beiden, lässt sich Zeit für Momente des Kummers und der Enttäuschung, aber auch des Glücks und der Hoffnung.

Zu den Repressionen, denen sich das Paar wegen Sashas Geschlechtsumwandlung ausgesetzt sieht, kommt ein besonderer Umstand hinzu, der ihre Gefühlswelten belastet. Mari hat sich entschlossen, für 12.000 Dollar, die beide zur Ausreise brauchen, eine Leihmutterschaft einzugehen. Doch aus der pragmatischen Überlebensidee resultieren bald seelische Turbulenzen. Je mehr das Kind wächst, umso enger wird Maris und Sashas Beziehung zu dem Ungeborenen. Mari streichelt ihren Bauch, sie hört in sich hinein, Tränen fließen. Es wird weder für sie noch für Sasha einfach werden, sich unmittelbar nach der Geburt von dem Baby zu trennen.

Stundenlanges Warten auf die Geburt

Den mit dieser Erfahrung verbundenen Prozess skizziert „Instructions for Survival“ mit sensibler Zurückhaltung; Maris und Sashas emotionale Achterbahnfahrten werden nur in Ansätzen öffentlich gemacht. Zu sehen ist aber, wie sich beide gegenseitig Halt geben, Mut zusprechen, an bestimmten Punkten auch miteinander schweigen; eine stille Solidarität. Stark ist die Szene, in der Mari von der Geburt erzählt: Während die Kamera ausschließlich auf einer nächtlichen Totale von Tbilissi verweilt, beschreibt sie aus dem Off das stundenlange Warten auf die Geburt, gleichsam die Verweigerung ihres Körpers und mehr noch ihrer Psyche, das Kind frei zu geben.

„Ich bin weggegangen, um zu überleben“. Sashas Resümee am Ende des Films wird dann schon in Brüssel gesprochen. Hier gibt es medizinische Hilfe, hier wird die Therapie auch von Bluttests begleitet, für die sich in Georgien kein Mediziner gefunden hatte. Wir werden den illegalen Zirkel verlassen, verspricht der Arzt.

Das Schlussmotiv des Films, wenn Sasha und Mari während einer Zugfahrt ihre Köpfe auf den Tisch vor sich legen und die Augen schließen, drückt ihre Erschöpfung ebenso aus wie die Chance, endlich ohne Angst und Bedrohung sein zu können. Zugleich belegt die Szene noch einmal jenen zärtlichen Blick, mit dem Yana Ugrekhelidze das verletzliche, verwundete Paar begleitet.

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